Berlin klingt an diesem Wochenende ein wenig vietnamesisch. Zum 20-jährigen Bestehen des Internationalen Gitarrenwettbewerbs und des Festivals Berlin treffen sich junge Gitarristinnen und Gitarristen aus vielen Ländern, um zu lernen, zu konkurrieren und sich gegenseitig zuzuhören. Professor und Gitarrist Dang Ngoc Long, Rektor der Hochschule für Musik Berlin-Gesundbrunnen, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten an der Organisation beteiligt.

Seine eigene Verbindung zu dem Wettbewerb begann früher: 1987 gewann Long als erster Vietnamese einen Sonderpreis beim Internationalen Gitarrenwettbewerb. Später wurde er wiederholt zum Juryvorsitzenden gewählt. Inzwischen ist er künstlerischer Leiter und verantwortlich für die Planung des Wettbewerbs und seines Programms.

Berlin als Treffpunkt der Gitarrenszene

In diesem Jahr nahmen 30 Teilnehmer aus 15 Ländern an der ersten Runde teil. 15 von ihnen qualifizierten sich für die nächste Runde, die fünf Besten traten am 10. Oktober im Berliner Ballhaus Prinzenallee im Finale an. Das Programm umfasst außerdem ein Galakonzert, Meisterkurse und eine Gitarrenausstellung.

Der Wettbewerb ist bisher achtmal veranstaltet worden. In der Ausgabe von 2023 traten 15 Kandidaten aus Italien, Deutschland, Spanien, Paraguay, Polen, Österreich, den Niederlanden, Luxemburg, Chile, Südkorea und Frankreich an. Die Teilnehmer waren Schüler oder Studenten professioneller Musikschulen und unter 40 Jahre alt. Wegen der Pandemie reichten sie ihre Auftritte in der ersten und zweiten Runde als Videoaufnahmen bei der Jury ein; die für die dritte Runde ausgewählten Kandidaten wurden zu einem Auftritt nach Berlin eingeladen.

Organisationsleiter Jürgen Buch sagte, die Vorbereitung dauere mehrere Monate. Ein französisches Fachmagazin ordnete den Berliner Wettbewerb laut Buch unter die fünf angesehensten Gitarrenwettbewerbe weltweit ein. Jurymitglied Emil Petrov sprach von einem internationalen Treffpunkt für Talente der klassischen Gitarre. Die Qualität der Kandidaten sei hoch, die Stücke schwierig und teilweise exotisch. Zum Ansehen beigetragen hätten vor allem die Organisatoren, insbesondere Dang Ngoc Long.

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Der erste Preisträger erhält eine Urkunde und eine Gitarre von Roge Yang im Wert von 8.000 Euro. Außerdem wird der Gewinner 2024 zu einem Auftritt und als Jurymitglied beim Wettbewerb eingeladen. Unterstützt wird der diesjährige Wettbewerb vom deutschen Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut, dem Roge Yang Master Guitar Studio, der Degewo-Gruppe und der Kulturprojekte Berlin GmbH.

Wenn „Kieu“ auf sechs Saiten erscheint

Der Kunstrat nahm Werke von Dang Ngoc Long als Pflichtstücke ins Programm auf. Dazu gehört die „Faust Sonata“. Longs Kompositionen greifen Volksmelodien und klassische literarische Werke auf, besonders „Die Geschichte von Kieu“. Wer die „Kieu-Suite“ lernt, übt nach Longs Aussage nicht nur ein Stück, sondern beschäftigt sich auch mit der Geschichte, der Figur Kieu, menschlicher Existenz und vietnamesischen Kulturwerten.

Auch vietnamesische Volkslieder wie „Reispflanzung“, „Wütend aber lieb“, „Wiegenlied“ und „Beo dat may troi“ hat Long für Gitarre bearbeitet. Bei früheren Wettbewerben wurden sie aufgeführt. Ein dänischer Kandidat spielte 2014 das südvietnamesische Volkslied „Wiegenlied“ und hinterließ damit, wie Long berichtete, einen starken Eindruck. Für Long ist es ein großes Glück und persönlicher Stolz, wenn seine komponierten oder bearbeiteten vietnamesischen Volkslieder in Vietnam erklingen.

Drei Vietnamesen haben bisher am Wettbewerb teilgenommen: Tran Tuan Anh gewann 2016 den zweiten Preis, Dao Nhu Khanh erhielt 2020 den Preis für die beste Interpretation von „Suite Kieu“. Die Pflichtstücke und Bearbeitungen vermitteln vietnamesische Musik und kulturelle Themen an Teilnehmer und internationales Publikum.

Musikalische Diplomatie mit Reiseplan

Long beschreibt die vergangenen 20 Jahre als „Brückenbau der Musik“ zwischen Künstlern, Berlin, der Welt und Vietnam. Vietnamesische Künstler im Ausland bewegten sich zwischen zwei Kulturräumen, trügen vietnamesische Erinnerungen, Sprache und Werte in internationale Kunstkreise und könnten zugleich internationale Erfahrungen und neue Werte nach Vietnam zurückbringen.

Diese Arbeit steht für Long auch im Zusammenhang mit der Resolution 80-NQ/TW des Politbüros zur Entwicklung der vietnamesischen Kultur. Sie betont internationale kulturelle Integration, vietnamesische Werte und die Aufnahme internationaler kultureller Errungenschaften. „Musikalische Diplomatie“ bedeutet für Long deshalb zweierlei: vietnamesische Kunst im Ausland zu vermitteln und internationalen Künstlern die Möglichkeit zu geben, Vietnam zu besuchen und Land und Menschen kennenzulernen.

Regelmäßige Kontakte mit Vietnam sollen vietnamesischen Künstlern im Ausland den Zugang zu internationalen Projekten, Partnern und Kulturorganisationen in Vietnam erleichtern. Dafür brauche es bei internationalen Kulturprojekten bessere Rahmenbedingungen – bei Finanzierung, Reisen, Unterbringung, Visa und Urheberrecht. Staat, Kulturorganisationen, Unternehmen und Künstler könnten gemeinsam solche Vorhaben fördern.

Für Dezember 2025 war ein Auftritt von Dang Ngoc Long mit dem Tübinger Symphonieorchester im Ho-Guom-Theater in Hanoi angekündigt, im Rahmen des Konzerts „Eine Rhapsodie zweier Welten“. Außerdem verfolgt Long weiterhin den Plan, den Internationalen Gitarrenwettbewerb und das Festival Berlin nach Hanoi zu bringen. Den nächsten Gitarrenwettbewerb wollte er 2024 in Vietnam veranstalten.

In Zukunft möchte Long mehr Zeit dem Komponieren widmen und vietnamesische Literatur, Geschichte, Natur und Menschen weiterhin in Gitarrenmusik umsetzen. Jungen vietnamesischen Gitarristen will er mehr Möglichkeiten für Kontakte, Lernen und Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen schaffen. Am 9.10.2026, dem heutigen Tag, ist Berlin dabei nicht bloß Veranstaltungsort, sondern jener Knotenpunkt, an dem die Saiten in mehrere Richtungen weiterlaufen.