24 Stunden un-behaust: Architekturstudierende erforschen öffentlichen Raum in Weil am Rhein
Eine Nacht ohne feste Wände, ohne eigenes Bett und ohne die Sicherheit, jederzeit die Tür hinter sich schließen zu können: Rund 30 Architekturstudierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Lörrach campierten im Rahmen der Aktion „24 Stunden un-behaust“ in Weil am Rhein im Kreis Lörrach. Heute, am 2.10.2026, ist die Übung bereits vorbei – ihre Eindrücke reichen aber weit über eine Nacht auf drei Plätzen hinaus.
Begonnen hatte die Aktion am Mittwoch um 11 Uhr. Eine Gruppe bezog den Rathausplatz, an dem vormittags noch der Wochenmarkt stattfand. Weitere Gruppen richteten sich auf dem Europa- und dem Sparkassenplatz ein. In acht- bis zehnköpfigen Teams entstanden dort Beobachtungszentralen, ausgestattet mit Campingstühlen, Isomatten, Schlafsäcken, Winterjacken, Getränken und Essen.
Drei Plätze, drei sehr verschiedene Stadträume
Die Studierenden im ersten Semester des Architekturstudiengangs verbrachten 24 Stunden unter freiem Himmel. Die Aktion war zugleich die erste Übung im Modul „Gestaltung“ und fand unter dem Motto „Un-behaust“ statt. Die Studierenden hatten am 1. Oktober ihren ersten Studientag.
Oberbürgermeisterin Diana Stöcker begrüßte die Gruppen am Montagabend gemeinsam mit Bürgermeister Lorenz Wehrle und Professor Frank Hovenbitzer. Stöcker bezeichnete die drei Plätze als zentrale Orte der Stadt: Am Europaplatz liegen die Verkehrsdrehscheibe mit Zug, Bus und Tram sowie ein großes Einkaufszentrum. Der Rathausplatz zieht mit Hüpfspielen, dem Sommerbrunnen und Sitzbänken unter einer großen Fichte unterschiedliche Nutzergruppen an. Der Sparkassenplatz liegt am Rand des verkehrsberuhigten Innenstadtbereichs und ist von Gastronomie, Einzelhandel und Verkehr geprägt. Dort, sagte Stöcker, bestehe baulicher und allgemeiner Veränderungsbedarf.
Notizen und Skizzen hielten fest, wie viele Passanten unterwegs waren und wie sie sich verhielten, wo und wann Menschen blieben, was sich mit dem Licht veränderte und wie die Atmosphäre im Tagesverlauf wechselte. Auch das eigene körperliche Empfinden gehörte zur Untersuchung: Wie fühlt sich ein Platz an, wenn man dort nicht nur kurz sitzt, sondern ohne Dach über dem Kopf bleiben muss?
Die Ergebnisse sollten später im Seminar präsentiert werden. Möglich waren Videos, Fotos, Skizzen oder schriftliche Protokolle. Ziel der Übung war, die Stadt im Tages- und Nachtverlauf zu beobachten und Erfahrungen mit dem Leben ohne festen Schlafplatz zu sammeln.
Wenn die Stadt dunkel wird
Nach Einbruch der Dunkelheit waren auf dem Rathausplatz nur noch wenige Menschen unterwegs. Laternen und Schaufenster spendeten spärliches Licht. Einige Studierende fühlten sich unsicher. Die 19-jährige Joana Heinke erzählte, in ihrer Gruppe sei deshalb immer eine Person wach geblieben.
Geschlafen wurde mit Isomatten, Schlafsäcken und Decken unter öffentlichen Überdachungen beziehungsweise unter einer großen Stuhl-Skulptur. Während der Nacht beobachteten die Studierenden außerdem eine obdachlose Frau, die sich auf demselben Platz für die Nacht eingerichtet hatte. Der 19-jährige Architekturstudent Jonathan Theiß sagte, man unterschätze häufig, wie schwierig das Leben ohne Dach über dem Kopf sei.
Theiß kommt aus Kassel und kannte Weil am Rhein zuvor nicht. Überrascht habe ihn, wie lebendig die Stadt sei. Lena-Marie Rotzinger aus Lauchringen nahm dagegen wahr, dass Passanten tagsüber meist geschäftig vorbeigingen und die campierenden Studierenden erst am Abend ansprachen. Den Interessierten erklärte sie, dass die Aktion auch vermitteln solle, wie eine Stadt geplant werden könne.
Architekturprofessor Frank Hovenbitzer von der DHBW Lörrach blieb die ganze Nacht wach und besuchte die drei Gruppen abwechselnd. Schon im ersten Semester wollte er den Studierenden vermitteln, dass Architektur Räume für Menschen gestaltet. Sein Ansatz: durch eigene körperliche Erfahrungen wahrnehmen, wie sich Räume im Tagesverlauf und unter wechselnden Bedingungen wie Dunkelheit und Temperatur verändern. Müde dürfte er am Morgen trotzdem gewesen sein.
Lehre mit Praxisbezug
Hovenbitzer bewertete den Semesterstart als gelungen und verwies auf die Weiterentwicklung des Architekturstandorts der DHBW Lörrach auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein. Die Aktivitäten sollen nach seiner Einschätzung eine Bereicherung für Weil am Rhein und Lörrach sein.
Für den dualen Studiengang wurden die Baubürgermeister Monika Neuhöfer-Avdic aus Lörrach und Lorenz Wehrle aus Weil am Rhein als Dozenten gewonnen. Beide Stadtverwaltungen bilden jeweils einen Studierenden in der Praxisphase aus und sind Partner des dualen Studiengangs. Stöcker kündigte an, die Erkenntnisse der Studierenden für die Stadtplanung zu nutzen, und verabschiedete die Gruppen in die Nacht.
Die Angaben zur Aktion stammen aus einer Presseinformation der Stadt Weil am Rhein vom 8. Oktober 2024. Der Bericht der PH Weingarten greift das Thema am heutigen 2.10.2026 aus studentischer und wissenschaftlicher Perspektive auf.
Wem gehört der öffentliche Raum?
Wie offen öffentliche Plätze tatsächlich sind, untersucht auch das ARD-Radiofeature „Schatten der City – Obdachlosigkeit und der Kampf um die Innenstadt“. Die 53 Minuten und 16 Sekunden lange Sendung wurde am 29. Juni 2026 vom Saarländischen Rundfunk (SR) produziert und ist bis 29. Juni 2031 verfügbar. Autorinnen sind Katja Hackmann und Caroline Uhl.
Im Mittelpunkt stehen der Konflikt um öffentlichen Raum, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe. Formal sind Plätze für alle zugänglich. Doch Stadtgestaltung, Ordnungspolitik und wirtschaftliche Interessen beeinflussen, wer dort willkommen ist. Für obdachlose Menschen erschweren konkrete Maßnahmen zunehmend die Nutzung und den Aufenthalt im öffentlichen Raum.
Im Feature kommen Menschen mit eigenen Erfahrungen von Obdachlosigkeit zu Wort, die ordnungspolitische Maßnahmen als Verschärfung ihrer Lage erleben. Sozialarbeiter berichten von wachsenden Belastungsgrenzen, besorgte Anwohner aus Problemvierteln wünschen sich strengere Maßnahmen. Experten fordern wiederum einen anderen Blick auf Armut und Obdachlosigkeit.
Dazu kommen wachsende soziale Ungleichheit, fehlender günstiger Wohnraum und politische Debatten über „Ordnung“, „Sicherheit“ und das „Stadtbild“. Fragen, die nach einer Nacht auf einer Isomatte nicht einfach verschwinden: Wie inklusiv sind gemeinsam genutzte Räume – und welche Voraussetzungen braucht ein gutes Miteinander, wenn es dunkel wird?
