50 Jahre Sonderpädagogik in Rostock: Vom Hörsaal ins Klassenzimmer
An der Universität Rostock wird heute, am 29. Oktober 2026, auf fünf Jahrzehnte Sonderpädagogik zurückgeblickt. Das Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation (ISER) feierte sein 50-jähriges Bestehen bereits am 28. Oktober mit einem Fachtag unter dem Motto „Von der Theorie in die Praxis und zurück“. Seit 50 Jahren werden in Rostock sonderpädagogische Lehrkräfte ausgebildet – für einen Beruf, in dem kein Kind einfach nach Schema F funktioniert.
Im Mittelpunkt des Instituts stehen der Unterricht für Kinder mit Lernschwierigkeiten oder intellektuellen Beeinträchtigungen und die Ausbildung angehender Lehrkräfte. 1976 startete an der damaligen Wilhelm-Pieck-Universität ein vierjähriger Direktstudiengang für Hilfsschullehrer. In der DDR wurden diese Fachkräfte dringend gebraucht. Die von Berliner Rehabilitationspädagogen gegründete Einrichtung entwickelte sich an der Küste bald eigenständig weiter. Lehrende und Studierende bezogen früh auch soziale Hintergründe von Schulleistungsschwäche in ihre Arbeit ein.
Vom Direktstudiengang zum vielseitigen Institut
Nach der politischen Wende 1989 veränderten sich Strukturen und Anforderungen der Ausbildung grundlegend. Unter der Leitung von Professorin Ute Angerhoefer entstanden vier Fachrichtungen: Lernbehindertenpädagogik, Sprachbehindertenpädagogik, Verhaltensgestörtenpädagogik und Geistigbehindertenpädagogik.
Aus dem ursprünglichen Studiengang wurde ein Institut mit Forschung, internationalen Kooperationen und einem Kompetenzzentrum für Inklusion. Hinzu kamen Beratungstraining, das Kompetenzzentrum für Inklusion und Transition (KIT), ein Virtuelles Klassenzimmer, ein Didaktisches Kabinett, Forschungsprojekte und Angebote zur Nachwuchsförderung. Die Entwicklung von Ausbildung, Forschung und sonderpädagogischer Förderung seit 1976 soll beim Jubiläum sichtbar werden.
Erwartet werden Absolventen früherer Studiengänge der Hilfsschul- und Sonderpädagogik, ehemalige Studierende der Masterprogramme „Bildungswissenschaften – Frühe Hilfen“ und „Sonder- und Inklusionspädagogik“ sowie frühere Institutsmitarbeiter. Auch Wissenschaftler, Lehrkräfte und Kooperationspartner sind dabei. Nach der Begrüßung durch Universitätsrektorin Professorin Elizabeth Prommer sind Grußworte von Professorin Katja Koch und dem ehemaligen Studenten Dr. Michael Burgert vorgesehen. Der frühere Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb, hält einen Vortrag.
Ein fester Tag im Klassenzimmer
Seit dem Wintersemester 2025/2026 gehört ein wöchentlicher Praxistag fest zum Studium angehender Sonderpädagogen. Das Ausbildungsformat wurde im Zusammenhang mit der Reform des Lehrkräftebildungsgesetzes Mecklenburg-Vorpommerns eingeführt. Studierende wechseln dadurch frühzeitig vom Hörsaal ins Klassenzimmer, beobachten Unterricht, sammeln Erfahrungen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und wenden theoretische Kenntnisse im Schulalltag an.
Dafür kooperiert das ISER mit dem Staatlichen Schulamt Rostock und zahlreichen Partnerschulen. Danach werden die Erlebnisse mit Universitätsdozenten und schulischen Mentoren ausgewertet. Das klingt nach einem einfachen Wechsel vom Sitzen zum Tun, ist in der Praxis aber durchaus anspruchsvoll: Sonderpädagogische Lehrkräfte müssen unterschiedliche Lernentwicklungen einschätzen, individuelle Fördermaßnahmen planen und mit Eltern, Kollegen sowie weiteren Fachkräften zusammenarbeiten.
Der Fachtag thematisiert deshalb ausdrücklich den Beitrag der Praxistage zur professionellen Entwicklung angehender Lehrkräfte. Außerdem beraten die Beteiligten darüber, wie Kooperationen zwischen Hochschulen und Schulen dauerhaft organisiert und qualitativ weiterentwickelt werden können. Dabei geht es auch um die Betreuung der Studierenden und um die Anforderungen der Schulen – zwei Seiten, die im Alltag nicht immer automatisch zusammenpassen.
Weitere Beiträge und Workshops kommen von Dozenten der Universitäten Rostock und Erfurt sowie der Pädagogischen Hochschule Linz. Bei der Festveranstaltung und dem anschließenden Fachaustausch stehen Vorträge und Workshops auf dem Programm. Die zentrale Frage bleibt dabei angenehm praktisch: Wie lässt sich die Verbindung zwischen theoretischem Studium und schulischen Anforderungen stärken, ohne dass eine Seite bloß als Anhängsel der anderen behandelt wird?
Inklusion beginnt nicht erst im Klassenzimmer
Der Blick über Rostock hinaus zeigt, wie unterschiedlich die Wege in Deutschland sind. Lehrkräftebildung zu Inklusion gilt als Grundvoraussetzung für ein inklusives Schulsystem, die Angebote unterscheiden sich jedoch zwischen den Bundesländern. Ein Dossier des Deutschen Bildungsservers, aktualisiert am 21. Januar 2026, bündelt Informationen zu Studium, Fort- und Weiterbildung, Forschung und weiterführender Literatur.
In Baden-Württemberg erhalten seit dem Wintersemester 2015/2016 alle Lehramtsstudierenden eine Grundbildung zu Inklusion; die Pädagogische Hochschule Heidelberg informiert über die „Lernwerkstatt Inklusion“. Bayern bietet eine Übersicht aktueller Lehrerfortbildungen an. In Berlin und Brandenburg organisiert das LIBRA sonder- und inklusionspädagogische Veranstaltungen und Fortbildungen zu Inklusion, Sonderpädagogik sowie zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen, darunter moderierte Gespräche mit Fachleuten und Vorträge.
Auch Bremen hält über das Landesinstitut für Schule Angebote zur inklusiven Pädagogik bereit, einzeln oder im Team. In Hamburg beschreibt der Landesaktionsplan 2023 Maßnahmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. An der HAW Hamburg startete im Wintersemester 2024/2025 das Projekt „Inklusive Bildung Hamburg“. Menschen mit Lernschwierigkeiten, die für eine Tätigkeit in Werkstätten für behinderte Menschen berechtigt sind, werden dort über drei Jahre zu Bildungsfachkräften qualifiziert; seit Oktober 2024 befanden sich acht Teilnehmende in einer Ankommensphase an der HAW Hamburg.
Hessen richtet Fortbildungen zu Inklusion und Lehrkräftebildung an Ausbildungsbeauftragte sowie Ausbilderinnen und Ausbilder aller Lehrämter. Sie sollen der Vertiefung, Vernetzung und Verstetigung dienen und sprechen sowohl Teilnehmende an Qualifizierungsreihen als auch weitere Interessierte aus dem Ausbildungsbereich an. In Mecklenburg-Vorpommern führt das Inklusionsamt Schulungs- und Bildungsmaßnahmen gemeinsam mit den Grone-Bildungszentren Mecklenburg-Vorpommern durch. Themen und Inhalte werden gemeinsam abgestimmt, die Organisation liegt bei den Grone-Bildungszentren.
In Niedersachsen hat das Kultusministerium im Rahmen einer Qualifizierungsoffensive umfangreiche Fortbildungsangebote zur Unterstützung der inklusiven Schule eingerichtet. Viele tausend Lehrkräfte haben bereits teilgenommen, auch für Schulleitungen gibt es Angebote. Nordrhein-westfälische Schulen können eine schulinterne Fortbildung auf dem Weg zur Inklusion nutzen; sie unterstützt die Weiterentwicklung von Unterricht und schulischer Praxis. Zusätzlich existiert dort eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erwerb des Lehramts für sonderpädagogische Förderung.
Rheinland-Pfalz setzt auf Beratung, Fortbildung, Hospitationen sowie Materialien und Medien des Pädagogischen Landesinstituts. Ziel ist die professionelle Unterstützung von Lehrkräften und Schulen bei inklusiver Unterrichts- und Schulentwicklung. Im Saarland bietet die Universität des Saarlandes die berufsbegleitende wissenschaftliche Weiterbildung „Inklusive Pädagogik“ an, mit Informationen zu Kompetenzbereichen, Inhalten, Veranstaltungsterminen und Bewerbung.
In Sachsen informiert das Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung über Inklusion im Lehramtsstudium. Studierende sollen auf heterogene Klassen vorbereitet werden und individuelle Bedürfnisse von Lernenden erkennen und unterstützen können; auch ein inklusives und diversitätssensibles Umfeld an der Universität wird dort als relevant beschrieben. Sachsen-Anhalt bietet Lehrkräften Fort- und Weiterbildungen zu „Inklusiver Bildung/Gemeinsamem Unterricht“ an.
Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel richtet Bildungsangebote zu Inklusion an Studierende aller Fachbereiche an Universitäten und Fachhochschulen sowie an Fach- und Führungskräfte aus Verwaltung, Wirtschaft und Politik. Thüringen arbeitet mit dem Qualifizierungskonzept „Inklusive Bildung“, zu dem der Basiskurs „Allgemeine Inklusionspädagogik“ gehört. Behandelt werden die zunehmende Heterogenität in Schule und Gesellschaft und die Herausforderungen für Schulen im 21. Jahrhundert. Der Kurs richtet sich an Lehrkräftetandems und soll ihre professionellen Handlungsmöglichkeiten erweitern.
Forschung, Haltung und der Alltag dazwischen
Zur Forschung und weiterführenden Literatur gehört ein Beitrag, der eine veränderte Lehrkräftebildung als notwendig für die Umsetzung des Rechts auf inklusive Bildung beschreibt. Vorgestellt wird außerdem ein interdisziplinäres Seminar an der Universität Würzburg, das Studierende der Sonderpädagogik und anderer Lehrämter zusammenführt. Eine weitere Veröffentlichung untersucht, wie Inklusion im Lehramtsstudium verankert ist, welche länderspezifischen Rahmenbedingungen bestehen und vor welchen Herausforderungen die Ausbildung steht.
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