Amateurfunk zwischen Weltgeschichte, Technikbegeisterung und Krisenvorsorge
Amateurfunk beginnt oft mit einem kleinen Moment: ein fremdes Rufzeichen rauscht aus dem Lautsprecher, irgendwo zwischen Knacken und Pfeifen, und plötzlich ist da jemand. Oliver Häusler aus Kalefeld war 13 Jahre alt, als ihn sein Onkel an dieses Hobby heranführte. Technik und die Möglichkeit, Abenteuerlust und Fernweh über Funk auszuleben, ließen ihn nicht mehr los. Heute, mit 59 Jahren, leitet Häusler den DARC-Distrikt Niedersachsen.
In Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) mehr als 67.500 Hobbyfunker, weltweit rund zwei Millionen. Die DARC-Mitglieder sind bundesweit in 24 Distrikten und etwa 1.000 Ortsverbänden organisiert. Mit Telefonieren hat das für Häusler trotzdem wenig zu tun: Man ruft nicht bloß eine bestimmte Person an, sondern „in den Äther“ und wartet ab, wer antwortet.
Funk, wenn sonst nichts mehr geht
Das klingt ein bisschen nach Geduldsspiel, ist aber auch praktisch. Amateurfunk funktioniert notfalls ohne Stromnetz und Internet. Seit 2024 arbeiten Funkamateure bundesweit am Aufbau flächendeckender alternativer Notfunknetze. Hintergrund sind die zunehmende Anfälligkeit der Stromnetze und etwa der tagelange Stromausfall in Berlin. Auch bei Überschwemmungen, Erdbeben und in Kriegsgebieten haben Funkamateure wiederholt Hilfe geleistet.
Nach den internationalen Funkvorschriften darf Amateurfunk nicht aus wirtschaftlichem Interesse betrieben werden. Er soll grundsätzlich kein Ersatz für das Telefon sein. Gerade diese Begrenzung gehört zum Charakter des Hobbys: technisches Basteln und Experimentieren, weltweite Funkkontakte, Wettbewerbe über Anzahl und Reichweite von Verbindungen, Diplome und die Bestätigung von Funkkontakten durch QSL-Karten. Die Nutzung staatlich regulierter Frequenzen führte allerdings regelmäßig zu Konflikten mit anderen Funkdiensten und zu umfangreichen rechtlichen Regelungen.
Die Geschichte reicht fast ebenso weit zurück wie die Funktechnik selbst, ungefähr 140 Jahre. Heinrich Hertz übertrug am 13. November 1886 erstmals elektromagnetische Wellen von einem Sender zu einem Empfänger. Alexander Stepanowitsch Popow übertrug im März 1896 drahtlos Signale über 250 Meter. Hertz hatte elektromagnetische Wellen in den 1880er-Jahren experimentell nachgewiesen, ausgehend von den theoretischen Arbeiten James Clerk Maxwells und den Forschungen Michael Faradays. Er nutzte eine offene Drahtschleife, an deren Enden Funken übersprangen. Daher kam zunächst die Bezeichnung „Funkentelegraphie“, später schlicht „Funk“.
Noch früher, Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte die elektromagnetische Telegraphie die optische Telegraphie abgelöst. Samuel Morse entwickelte einen Telegraphiercode, den er 1840 patentieren ließ. Nachrichten wurden durch Ausschläge einer Magnetnadel übertragen und beim Empfänger auf Papier aufgezeichnet. Ab 1850 gab es internationale Telegraphenverbindungen, 1857 wurde das erste Transatlantikkabel verlegt. In St. Petersburg entstand 1875 der erste Internationale Telegraphenvertrag; im Mittelpunkt stand die Pflicht, Nachrichten an den Empfänger weiterzuleiten. Das deutsche Telegraphengesetz von 1892 übertrug das staatliche Nachrichtenmonopol der Deutschen Reichspost auf die technische Nachrichtenübermittlung. In Württemberg und Bayern lag dieses „Telegraphenregal“ wegen der eigenen Postverwaltungen bei den Ländern.
Von Marconi bis zum Amateurfunkverein
Ab 1897 experimentierte Guglielmo Marconi mit der Nachrichtenübertragung über größere Entfernungen. Nach seinem Wechsel von Italien nach England gelang ihm der Durchbruch; 1901 stellte er die erste Nachrichtenverbindung über den Atlantik her. Seine „Wireless Telegraph Co.“ vermarktete die Technik unter anderem für Schiffe und Leuchttürme. Großbritannien verabschiedete 1904 den „Wireless Telegraphy Act“, der liberaler war als die entsprechende deutsche Regelung. Erste Lizenzen erhielten Fachleute wie Marconi und John Ambrose Fleming.
Am 3. November 1906 wurde in Berlin ein internationaler Funkentelegraphievertrag geschlossen, der vor allem zur Weiterleitung von Nachrichten verpflichtete. Ein Abkommen über Schiffstelegraphie vom 16. Juli 1908 regelte außerdem Hilfeleistungen in Notfällen. Deutschland dehnte das Telegraphenregal zunächst durch Auslegung, ab dem 7. März 1908 dann durch eine Neufassung des Telegraphengesetzes auf drahtlose Telegraphie und Sprechfunk aus. Wegen der Gefahr gegenseitiger Funkstörungen galt Regulierung als notwendig.
Ab 1910 experimentierten in den USA, Kanada und England zahlreiche Techniker und Telegraphisten mit drahtloser Nachrichtenübermittlung. Nach der Entwicklung ungedämpfter Sender übertrugen Funkamateure Sprache und Musik. Einige frühe Rundfunksender wurden von Funkamateuren betrieben, darunter A. Goldsmith in New York von 1912 bis 1914. Im selben Jahr gründete Hiram Percy Maxim in Connecticut den „Radio Club of Hartford“. Der Verein errichtete Amateurfunklinien mit Relaisbetrieb und machte dadurch größere Reichweiten möglich.
In den USA entstand daraus am 6. April 1914 die American Radio Relay League (ARRL). Hiram Percy Maxim blieb bis 1936 ihr Präsident. Seit dem 13. November 1914 wurden offizielle Sendelizenzen vergeben; 1915 umfasste das US-Amateurfunkverzeichnis 1.200 Einträge, 1917 zählte die ARRL 4.000 Mitglieder. Nach dem Kriegseintritt der USA wurden Amateurfunker als Nachrichtenspezialisten der US-Armee eingesetzt, der private Sendebetrieb wurde vorübergehend vollständig verboten.
Großbritannien begrenzte die Lizenzen zunächst auf Wellenlängen von 1.000 oder 200 Metern, auf Sendebetrieb am Tag und auf höchstens 10 Meilen beziehungsweise 16 Kilometer Reichweite. C. H. Tilsley und G. Tonkin hatten bereits 1910 mit Radiosendern experimentiert; 1913 wurde die „Wireless Society of London“ gegründet. In Deutschland war die Funktechnik seit der Jahrhundertwende vorhanden, private Funkinteressierte durften sie jedoch nicht nutzen. Einzelne spätere Funkamateure führten trotz Verbots Sende- und Empfangsversuche durch.
Kurzwelle, Vereine und Verbote
In den USA wurde Amateurfunk am 26. September 1919 wieder zugelassen. Die Wellenlängen 150 bis 200 Meter waren ausschließlich dem Amateurfunk vorbehalten, 200 bis 275 Meter mussten mit anderen Funkdiensten geteilt werden. Frequenzen unter 200 Metern galten damals wegen vermeintlich zu großer Störungen als ungeeignet. Großbritannien erlaubte Anfang der 1920er-Jahre Wellenlängen bis 150 Meter.
1920 begann die ARRL mit Versuchen zu einer Transatlantikverbindung. 1921 gelang erstmals seit Marconi wieder eine Funkverbindung zwischen den USA und Europa. Ebenfalls 1921 startete die Westinghouse Electric Company breit ausgestrahlte Informations- und Unterhaltungssendungen. Die Verlagerung der Funkamateure auf Kurzwellen führte zu intensiven Experimenten. Dabei zeigte sich, dass mit geeigneter Technik auf Kurzwelle größere Entfernungen als auf Lang- oder Mittelwelle möglich waren: 1920 sendeten amerikanische Funkamateure auf 170 Metern, 1923 arbeiteten sie bis 100 Meter, im November 1923 gelang die erste transatlantische Kurzwellenverbindung zwischen Nizza und Hartford. Ab 1927 gab es Versuche mit Sprechfunk über selbstgebaute Mikrofone, 1928 erste Erfolge mit Ultrakurzwellen.
1921 wurde die „Wireless Society of London“ in „Radio Society of Great Britain“ (RSGB) umbenannt, 1923 der Kurzwellenbereich in Großbritannien freigegeben. Am 18. Juli 1925 gründeten Funkamateure aus mehreren Ländern in Paris die International Amateur Radio Union (IARU). Der Weltnachrichtenvertrag von Washington von 1929 regelte den grenzüberschreitenden Funk- und Nachrichtenverkehr und verteilte insbesondere Frequenzbereiche verschiedener Sender.
In Deutschland nahm im Oktober 1923 in Berlin der erste Rundfunksender den Betrieb auf. Empfang war zunächst nur mit Geräten erlaubt, die von der Reichstelegraphenverwaltung gestempelt waren. Funkvereine forderten die Freigabe des Selbstbaus von Empfangsgeräten. Nach Gesprächen im Reichspostministerium am 20. Januar 1924 folgten die „Verordnung zum Schutz des Funkverkehrs“ vom 24. März 1924 und die Verfügung zur „Audion-Versuchserlaubnis“ vom 14. Mai 1924. Die Erlaubnis setzte eine technische Prüfung voraus, die Vereine durchführen konnten. Am 24. August 1925 wurde der Empfängerbau allgemein freigegeben.</p
