Antisemitismusforschung im Streit: Kontroverse um das Zentrum der TU Berlin
Am 10. Oktober 2026 wird an der Technischen Universität Berlin erneut darüber gestritten, wie Antisemitismus erforscht, benannt und bekämpft werden soll. Anlass sind Leserbriefe zur Arbeit des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), die scharf auseinandergehen. Philipp Peyman Engel kritisiert Äußerungen der früheren und der aktuellen ZfA-Leitung, Wolfgang Benz und Stefanie Schüler-Springorum, als verharmlosend. Der Wechsel an der Spitze habe keine stärkere Erforschung linken und islamischen Antisemitismus bewirkt, schreibt Engel.
Das ZfA ist ein interdisziplinäres Zentrum der TU Berlin. In Forschung und Lehre beschäftigt es sich mit Ausgrenzung, Feindschaft und Gewalt in Geschichte und Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen die antisemitische Stigmatisierung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen sowie von Menschen, die dafür gehalten werden. Zugleich untersucht das Zentrum Antiziganismus, Muslim- und Islamfeindschaft sowie Rassismus gegen Schwarze Menschen. Die Lehre greift diese Themen ebenfalls auf. Dabei sollen die jeweiligen Besonderheiten der Ausgrenzungs- und Gewaltformen sichtbar bleiben, aber auch ihre Gemeinsamkeiten untersucht werden.
Streit um Leitung und Ausrichtung
Engel nennt Monika Schwarz-Friesel und Ingo Elbe als wichtige Forscher außerhalb des ZfA. Institutionelle Probleme führt er auf Personalentscheidungen nach nichtwissenschaftlichen Kriterien, politische Interessen und eine aktivistische Ausrichtung zurück. Teilen der ZfA-Mitarbeitenden fehle ein ausreichendes Verständnis für Wesen und Folgen der Judenfeindschaft. Engel verweist dabei auf die lange religiöse und später politische Geschichte des Antisemitismus.
Sylke Kirschnick schlägt eine Neuausrichtung vor: Das Zentrum könne in ein „Forschungszentrum für jüdische Kultur in Europa“ umgewandelt werden. Junge jüdische Wissenschaftler aus Frankreich, Deutschland, Polen und Israel sollten dort zusammenarbeiten. Aus jüdischer Perspektive, so die Idee, könnte dies das „Weimarer Dreieck“ stärken.
Auch Wolfgang Benz steht in der Kritik. Reinhard Schramm berichtet von einer früheren Einladung Benz’ nach Erfurt. Wegen der Reaktionen der Mitglieder habe es danach keinen weiteren Auftritt gegeben. Schramm wirft Benz vor, verfolgte Araber als „neue Juden“ zu betrachten, und bezeichnet dies als Relativierung des Holocaust.
Robert Norden hält eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Positionen des ZfA für notwendig. Er verfolgt die Arbeit des Zentrums nach eigenen Angaben seit längerer Zeit mit Sorge. Cilly Kugelmann setzt einen anderen Akzent: Öffentliche Kritik und Gegenkritik seien für einen faktenbasierten demokratischen Diskurs wichtig. Pauschale Vorwürfe gegen Wissenschaftler mit abweichenden Analysen lehnt sie ab. Der Antisemitismusvorwurf dürfe nicht als Ersatz für eine inhaltliche Auseinandersetzung dienen. Gefragt seien Dialogbereitschaft, differenzierte Argumentation und faire Diskussionen über unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven.
Linker Antisemitismus und Heidenau
Gotthard Stolle schreibt, linker Antisemitismus habe sich hinter der Kritik am rechten Antisemitismus verborgen. Er berichtet von entsprechenden Erfahrungen im schleswig-holsteinischen Bildungssystem über mehrere Jahrzehnte.
Bianca Okike reagiert entsetzt auf Antrag und Beschluss, in Heidenau keine Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer zu verlegen. Was habe Deutschland aus seiner Geschichte gelernt, fragt sie, und wie ernsthaft werde die Vergangenheit aufgearbeitet? Sie erinnert auch an Euthanasieopfer, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma, Gewerkschafter, Kriegsverweigerer und Widerstandskämpfer.
In Sachsen nimmt Okike einen offeneren und gesellschaftlich akzeptierteren Antisemitismus wahr, dazu eine zunehmende Geringschätzung von Minderheiten. Der politische und gesellschaftliche Ton werde aggressiver, Ansichten offen zu äußern schwieriger. Das zunehmende Schweigen und Hinnehmen gesellschaftlicher Entwicklungen bereite ihr Sorge und Angst. Das sitzt.
Berlin, Israel und die Linkspartei
Klaus Aßhoff beschreibt die Vorstellung einer antisemitisch beeinflussten Regierung als beunruhigend. Den Vergleich der Linkspartei mit der AfD kritisiert er jedoch. Wegen ihrer wachsenden Macht und ihres Rassismus sei die AfD besonders gefährlich. Die demokratische Mitte habe soziale und regionale Unterschiede sowie Fragen zu Infrastruktur, Einkommen, Vermögen, Steuern und Bildung nicht ausreichend aufgegriffen. Auch Irrationalität und Emotionalität in der Politik habe sie unterschätzt.
Wolfgang Buschfort widerspricht der Einschätzung, SPD und Grüne würden durch eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ihr demokratisches und moralisches Gewissen verlieren. Führende SPD-Politiker verträten gegenüber Juden und Israel teilweise Positionen, die sich nicht von denen der Linkspartei unterschieden. Für Buschfort hat die SPD nach 44 Jahren Mitgliedschaft in diesen Fragen ihr moralisches Gewissen verloren.
Mit Israels Bildung beschäftigt sich Michaela Kuhlmann. Schwache Lese- und Rechenleistungen von Kindern führt sie auf Lernkonzepte zurück, die ihrer Ansicht nach nicht kind- und gehirngerecht sind. Basiskompetenzen würden häufig nicht bis zur sicheren Beherrschung trainiert. Kuhlmann verweist auf das verhaltenstherapeutisch fundierte „IntraActPlus-Konzept“ und wiederholungsbasiertes Training. Schulen sollten neurobiologische Erkenntnisse stärker berücksichtigen und sich von ideologischen oder veralteten Methoden lösen.
„Fauda“ und die Berichterstattung
Matthias Glenz schreibt, die Netflix-Serie „Fauda“ habe ihm ein besseres Verständnis der Ursachen des Konflikts und des Alltags in Israel und der Region vermittelt. Die fünfte Staffel habe ihn wegen der realitätsnahen Verarbeitung der Ereignisse vom 7. Oktober 2023 emotional berührt. Er hebt die Belastung für Produktionsteam und Schauspieler hervor und will die Serie weiterverfolgen.
Caja Geiß wirft öffentlich-rechtlichen Sendern seit dem 7. Oktober 2023 und bereits zuvor eine einseitige Berichterstattung zulasten Israels vor. Sie kritisiert Verzerrungen, Relativierungen und eine aus ihrer Sicht fehlende Ausgewogenheit. Sophie von der Tann sei für diese Berichterstattung besonders prägend; ihre öffentliche Anerkennung kritisiert Geiß ebenfalls.
Was Prävention leisten muss
Eine Expertise der Bertelsmann Stiftung analysiert antisemitische Erscheinungsformen in Deutschland systematisch und differenziert. Sie untersucht Narrative im rechtsextremen, islamistischen und postkolonial geprägten Milieu. Diese Narrative werden als Ausdruck kollektiver Identitätsbildung beschrieben: Gruppen vergewissern sich ihrer selbst über die Abwertung von Juden.
Im Mittelpunkt steht die aktuelle Antisemitismusprävention. Betrachtet werden bewährte pädagogische und zivilgesellschaftliche Ansätze. Als Risiken nennt die Expertise politisch-mediale und rechtliche Polarisierung, unklare Begrifflichkeiten und verkürzte Israelkritik. Wirksame Prävention brauche eine vertiefte historische Auseinandersetzung, Ambiguitätstoleranz und Selbstreflexion.
Die Publikation ergänzt Studien der Bertelsmann Stiftung zur gegenseitigen Wahrnehmung von Deutschen und Israelis. Antisemitismus erscheint darin als Belastungsprobe für politische Kultur, historisches Verantwortungsbewusstsein und kritische Solidarität mit Israel. Die frühere DOI 10.11586/2025041 wurde durch die überarbeitete Fassung mit DOI 10.11586/2025067 ersetzt.
Quellen: Jüdische Allgemeine, TU Berlin und Bertelsmann Stiftung.
