Atomkraft hat 2025 weltweit so viel Strom erzeugt wie nie zuvor: rund 2.703 Terawattstunden. Trotzdem ist ihr Platz im globalen Strommix weiter geschrumpft. Nur noch 8,8 Prozent des weltweiten Stroms kamen aus Kernenergie – der niedrigste Anteil seit etwa 45 Jahren. 1996 waren es noch rund 17,5 Prozent.

Das sind die zentralen Zahlen des World Nuclear Industry Status Report 2026 (WNISR2026), der am 29. September 2026 in Istanbul, Türkiye, vorgestellt wurde. Ein Livestream des Medienbriefings war ebenfalls verfügbar. Der 596-seitige Bericht untersucht Reaktoren, Stromproduktion, Neubauten, Stilllegung und Rückbau weltweit. Beteiligt waren auch Fachleute der Technischen Universität Berlin. Eine nachgewiesene peer-reviewte Einzelstudie ist der Bericht laut der zugrunde liegenden Einordnung allerdings nicht.

China hält die Bilanz über Wasser

Der Zuwachs bei der Atomstromproduktion stammt vor allem aus China. Außerhalb Chinas ging die Produktion 2025 sogar leicht zurück – obwohl der weltweite Strombedarf zunahm. Vier neue Reaktoren gingen rund um den Globus in Betrieb, sieben wurden endgültig abgeschaltet. Unter dem Strich verringerte sich die weltweit installierte Kernkraftleistung dadurch um etwa 500 Megawatt.

Mitte 2026 waren 73 Reaktoren im Bau, 37 davon in China. Eilig geht es dabei offenbar selten zu: Keiner der Reaktoren, die zwischen 2023 und 2025 fertiggestellt wurden, wurde nach den ausgewerteten Projektdaten innerhalb der ursprünglich geplanten Bauzeit fertig. Die laufenden Reaktoren waren Mitte 2026 im Durchschnitt knapp 33 Jahre alt; mehr als ein Drittel stand bereits mindestens 41 Jahre in Betrieb. Laufzeitverlängerungen und Ersatzneubauten werden damit wichtiger.

Der Bericht blickt ausführlich auf bestehende Reaktorflotten und Neubauprogramme in China, Frankreich, Ungarn, Japan, Russland, Südkorea, Schweden, der Ukraine, im Vereinigten Königreich und in den USA. Auch Polen ist dabei, das sein erstes Atomkraftwerk plant. In Türkiye wird derzeit das erste Atomkraftwerk gebaut. Taiwan wiederum hat nach dem im Vorjahr abgeschlossenen Atomausstieg eine mögliche politische Kehrtwende eingeleitet.

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Viele Versprechen, wenige Baustellen

Eine große Hoffnung der Branche sind kleine modulare Reaktoren, kurz SMR. Kleinere Einheiten und standardisierte Fertigung sollen sie künftig schneller und günstiger machen. Ob das im kommerziellen Maßstab tatsächlich funktioniert, ist bislang nicht ausreichend belegt. Zwischen den zahlreichen Ankündigungen und dem realen Ausbau klafft laut WNISR2026 eine erhebliche Lücke. In der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich befand sich bislang kein SMR im Bau.

Der Report untersucht deshalb auch Zulassung und Einführung dieser Reaktoren sowie die unterschiedlichen Entwicklungsstände von Atomprogrammen in möglichen neuen Betreiberländern. Ein eigenes Kapitel widmet sich den nuklearen Abhängigkeiten von Russland: Es geht um russische Lieferungen im Nuklearsektor ebenso wie um die Abhängigkeit westlicher Unternehmen von Russland als Abnehmer nuklearer Produkte und Dienstleistungen.

Auch die Vergangenheit bleibt präsent. Der Fukushima-Statusbericht befasst sich 15 Jahre nach Beginn der Katastrophe mit den anhaltenden Herausforderungen am Standort und in der Umgebung sowie mit der Debatte über direkte und indirekte gesundheitliche Folgen. Der Decommissioning Status Report beschreibt den Zustand der 224 inzwischen geschlossenen Atomreaktoren. Anhang 1 listet außerdem die betriebenen Atomprogramme nach Region und Land auf, die nicht in den Schwerpunktkapiteln behandelt werden.

Erneuerbare ziehen davon

Während weltweit vier Reaktoren ans Netz gingen, wurden 2025 etwa 510 Gigawatt Solarleistung und 159 Gigawatt Windleistung neu installiert. Solarenergie erzeugte erstmals innerhalb eines gesamten Jahres mehr Strom als Atomkraftwerke. Für die Kernenergie liegt die entscheidende Herausforderung damit weniger in der absoluten Strommenge als im relativen Bedeutungsverlust gegenüber Technologien, die deutlich schneller wachsen.

Das passt zu den Energiedaten von Enerdata. Das interaktive Datentool erfasst für 60 Länder und Regionen den Zeitraum von 1990 bis 2025 und zeigt Produktion, Verbrauch und Handel von Öl, Gas, Kohle, Strom und erneuerbaren Energien ebenso wie CO₂-Emissionen aus der Verbrennung. Die Entwicklung lässt sich animiert verfolgen, auf einer zoombaren Weltkarte betrachten, zwischen Ländern vergleichen und für frei wählbare Zeiträume oder einzelne Energiequellen exportieren.

Der weltweite Energieverbrauch wuchs 2025 langsamer als 2024, aber weiterhin ungefähr so schnell wie im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2019. Rechenzentren, Elektrofahrzeuge und die Elektrifizierung der Industrie trieben den Stromverbrauch zusätzlich an; China und die USA waren dabei die wichtigsten Akteure. Trotzdem verlief die Elektrifizierung insgesamt langsam: Strom machte 2025 rund 22 Prozent des Endenergieverbrauchs aus – vier Prozentpunkte mehr als 2010.

Solar- und Windkraft erreichten bei den Neuinstallationen Rekordwerte. Ihr Anteil am weltweiten Strommix stieg 2025 um zwei Prozentpunkte auf 17 Prozent. Die CO₂-Emissionen nahmen im selben Jahr um weniger als ein Prozent zu, in China gingen sie zurück. Zahlen, die beim Lesen kurz Hoffnung machen – und dann doch wieder nach Arbeit aussehen.

Ein großer Bericht mit vielen Beteiligten

Am WNISR2026 wirkten 18 interdisziplinäre Autoren aus Kanada, Frankreich, Deutschland, Indien, Japan, Litauen, Südafrika, Südkorea, Taiwan, Türkiye, dem Vereinigten Königreich und den USA mit. Zu den beteiligten Einrichtungen und Organisationen gehören unter anderem die Nagasaki University, die University of British Columbia, die Technische Universität Berlin, die University of Johannesburg, Bellona und die Sasakawa Peace Foundations. Zum Projektteam zählen außerdem ein Projektkoordinator, ein Dateningenieur, zahlreiche Korrekturleser und zwei Grafikdesigner.

Das Vorwort verfasste KONO Taro, Mitglied des japanischen Abgeordnetenhauses und ehemaliger Außenminister Japans. Angeboten werden die PDF-Version des WNISR2026 mit 14,8 MiB, Tabellen als einzelne HTML-Dateien mit 178,2 KiB, Abbildungen als einzelne HTML-Dateien mit 253,6 KiB sowie die Präsentation des Medienbriefings zur weltweiten Vorstellung mit 6,6 MiB und die Präsentation der öffentlichen Veranstaltung mit 7,6 MiB.

Wer sich durch die Tabellen klickt, landet schnell bei einer unbequemen Parallelität: Atomkraft produziert Rekordmengen, verliert aber weiter an Gewicht. Auf dem Campus der TU Berlin klingt das zunächst nach einer trockenen Statistik. In den Zahlen steckt allerdings ordentlich Bewegung – und ein globaler Energiemarkt, der sich längst nicht mehr an alten Ranglisten orientiert.