Wer in Berlin studiert oder eine Ausbildung beginnt, braucht zunächst einmal ein Bett. Klingt banal, ist aber längst eine der schwierigsten Aufgaben am Start. In Großstädten wird bezahlbarer Wohnraum knapper; Studierende und Auszubildende mit meist geringem Einkommen konkurrieren mit vielen anderen Wohnungssuchenden um zentrale Lagen. Für manche Auszubildende und dual Studierende entscheidet die Wohnsituation sogar darüber, bei welchem Arbeitgeber sie anfangen oder an welchem Ort sie studieren.

An der TU Berlin wurde deshalb ausprobiert, was normalerweise ziemlich schnell an Vorschriften scheitert: Im Projekt „Campus as Commons“ verwandelten Studierende vier Seminarräume im Mathematikgebäude vorübergehend in ein Reallabor für studentisches Wohnen. Es gab Schlaf- und Wohnbereiche, eine zeitweilige Küche und einen großen Gemeinschaftstisch. Kochen, Essen und Duschen akzeptierte die Hausverwaltung. Als die Studierenden allerdings übernachteten, kam der Sicherheitsdienst.

Vier Seminarräume, eine Wohnidee

Die Begründung der Hochschule: Übernachten werde rechtlich dem Wohnen gleichgesetzt und sei in Hochschulgebäuden nicht erlaubt. Jesko Lippke, der an dem Projekt beteiligt war, sieht in dem Versuch trotzdem einen „proof of concept“ für die Umnutzung bestehender Gebäude zu Wohnraum. Die Studierenden kritisierten überhöhte Standards und fehlende rechtliche Spielräume für solche Vorhaben.

„Campus as Commons“ ist als übergreifendes Lehr- und Forschungsprojekt angelegt. Es untersucht, wie bestehende universitäre Infrastrukturen und untergenutzte Bürogebäude für bezahlbaren studentischen Wohnraum genutzt werden können. Im Mittelpunkt stehen leerstehende oder wenig genutzte Gebäude und gemeinschaftsbasierte Wohnmodelle. Dabei geht es nicht nur um Wände, Betten und Quadratmeter, sondern auch um die studentische Wohnungskrise, die Transformation vorhandener Gebäudebestände, ökologische Nachhaltigkeit im Bausektor, Governance, Selbstorganisation und Gemeinwohlorientierung.

Wohnraum wird in dem Projekt als sozio-räumliche und politische Herausforderung verstanden. Mehrere miteinander verbundene Formate verknüpfen Lehre, Forschung und Praxis. Das klingt zunächst nach Seminarplan. In den Räumen selbst riecht es aber eher nach improvisierter Küche, nach Staub und vielleicht ein bisschen nach nassen Handtüchern. Genau darin liegt der Reiz: Die Theorie muss sich an einem echten Gebäude mit echten Regeln abarbeiten.

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Auf dem TU-Campus gibt es allerdings keinen dauerhaften Leerstand, sagt Eike Roswag-Klinge, seit April TU-Vizepräsident für Nachhaltigkeit und Campusentwicklung. Er unterstützt grundsätzlich studentische Eigeninitiativen wie „Campus as Commons“. Die TU mietet derzeit vielmehr viele Flächen an und möchte sie zur Kostensenkung wieder abgeben. Die Räume im Mathematikgebäude, die die Studierenden nutzten, stehen wegen eines Wasserschadens leer und sind weiterhin unbenutzbar.

In der Nähe steht außerdem ein Hotel, das seit Jahren leer ist und abgerissen werden soll. Laut Artikel wäre es möglicherweise für studentisches Wohnen geeignet gewesen. Roswag-Klinge, der auch an der Architektenkammer Berlin engagiert ist, plädiert dafür, landeseigene leerstehende Gebäude mit möglichst geringen Eingriffen langfristig in Wohnraum umzubauen. Er warnt zugleich vor hohen Mieten durch Investoren und fordert politische Vorgaben – klare Rahmenbedingungen und einen Mietendeckel etwa. In Berlin stehen rund zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche leer.

Mehr Geld, aber noch zu wenig Betten

Der Staat versucht, an anderer Stelle nachzulegen. Das Bundesprogramm „Junges Wohnen“ ist ein Sonderprogramm des sozialen Wohnungsbaus und fördert Wohnheimplätze für Studierende und Auszubildende. Der Bund stellt den Ländern Finanzhilfen bereit, die damit eigene Förderprogramme auflegen können. Im Programmjahr 2023 standen 500 Millionen Euro Bundesmittel zur Verfügung. Gefördert werden neue Plätze durch Neubau, Ausbau oder Umbau, der erstmalige Erwerb von Wohnheimplätzen innerhalb von zwei Jahren nach Fertigstellung sowie die Modernisierung bestehender Wohnheimplätze. Die Zusammenarbeit von Bund und Ländern ist in einer Verwaltungsvereinbarung geregelt.

In drei Jahren wurden laut Artikel mehr als 20.000 Wohnplätze durch Modernisierung und Neubau auf den Weg gebracht. Sachsen schuf rund 2.500 moderne Wohnheimplätze, Bayern mehr als 3.700 und Hessen knapp 800. Bremen bislang keine. Die Geschwindigkeit ist also höchst unterschiedlich.

Matthias Anbuhl vom Deutschen Studierendenwerk verweist auf ein Missverhältnis: Die Zahl der staatlich geförderten Wohnheimplätze stieg lediglich um 9 Prozent, während die Zahl der Studienplätze um 48 Prozent zunahm. Nur etwa jeder zehnte Studierende erhält derzeit einen Platz beim Studierendenwerk. Die durchschnittliche Warmmiete liegt bei 318 Euro. Anbuhl hält eine doppelt so hohe Versorgungsquote für erforderlich.

Wartelisten sind vielerorts kein Randproblem. Mitte September 2022 standen laut Deutschem Studierendenwerk in elf großen Universitätsstädten mehr als 35.000 Menschen auf Wartelisten für Wohnheimplätze. Auch bei Wohnheimen für Auszubildende ist der Bedarf hoch. Die Bundesregierung will ihren jährlichen Förderanteil ab 2027 auf eine Milliarde Euro verdoppeln.

Die Länder müssen bei „Junges Wohnen“ mindestens 30 Prozent der Kosten selbst finanzieren; im Durchschnitt legen sie nochmals etwa 30 Prozent zusätzlich auf. Der soziale Wohnungsbau kann damit preiswertes Wohnen in Innenstädten ermöglichen – durch Neubau ebenso wie durch Modernisierung. Er hilft älteren Menschen, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben, und jungen Menschen, am Studien- oder Ausbildungsort eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

Hamburg baut, Flensburg organisiert

Hamburg plant bis zum nächsten Jahrzehnt 6.000 neue Wohnplätze für Studierende und Auszubildende, jeweils etwa zur Hälfte. Fertiggestellt und bezogen sind bisher gut 200 Plätze für Auszubildende, weitere 840 befinden sich im Bau. Vorgesehen sind unter anderem Wohnheime auf Schulgrundstücken und das Konzept „Bildungshaus+“, das Wohnen und Bildung verbindet.

Ein Pilotprojekt soll ein Wohnheim für Auszubildende mit einer Kita kombinieren. Tagsüber sollen im Erdgeschoss 100 Kinder betreut werden, darüber junge Erwachsene wohnen. Unterschiedliche Zugänge sollen die Bereiche für Kinder, Eltern und Auszubildende trennen. Außerdem hat Hamburg die gesetzliche Zweckbindung bestimmter Wohnheime auf Menschen in Berufsausbildung ausgeweitet.

Anbuhl sieht Vorteile in gemeinsamen Wohnheimen für Studierende und Auszubildende, weist aber auf unterschiedliche Bedürfnisse hin – und auf den zusätzlichen Druck, der dadurch auf ohnehin knappe Studierendenwohnplätze entstehen kann.

In Flensburg geht ein Pflegedienst einen eigenen Weg. Er baut ein Wohnheim mit 46 Plätzen für Auszubildende und Studierende der Pflege, finanziert auch aus Mitteln des Bundesprogramms. Wegen des Fachkräftemangels an der deutsch-dänischen Grenze wirbt der Pflegedienst gezielt ausländische Auszubildende an; laut Betreiber kommen 90 Prozent aus Vietnam.

Bislang werden die Zugezogenen in Pflegeeinrichtungen oder in einem eigens gekauften Stadthaus untergebracht. Das neue Haus soll diese Unterbringung zentralisieren und zugleich deutschen Auszubildenden eine bezahlbare Alternative bieten. Die Stadt Flensburg machte innerhalb von zehn Monaten eine Wiese baureif und stellte das Grundstück in Erbpacht bereit. Betreiber Stefan Boysen sagt, der Pflegedienst habe inzwischen kein Fachkräfteproblem mehr.

Ein eigenes Wohnheim lohnt sich laut Boysen vor allem für Betriebe mit vielen Auszubildenden. Für kleinere Unternehmen können Zusammenschlüsse nach dem Vorbild eines „Azubiwerks“ sinnvoll sein. In Hamburg ist dafür eine gemeinnützige Stiftung zuständig, in München ein gemeinnütziger Verein mit städtischer Unterstützung.

Das Azubiwerk als Standortpolitik

Das Azubiwerk München plant 1.000 Wohneinheiten, überwiegend Einzelapartments mit Miniküche, Bad und Gemeinschaftsflächen. Mehr als die Hälfte der Einheiten ist fertiggestellt; etwa ein Drittel davon ist an kleine und mittlere Betriebe vermietet. Die Wohnungen gelten als Instrument der Wirtschaftsförderung.

Die Kaltmiete beträgt 330 Euro. Unternehmen zahlen zusätzlich rund 200 Euro monatlich als Ausgleich zur Marktmiete. Gibt es mehr Bewerbungen als Plätze, entscheidet das Los. Kein Betrieb darf mehr als fünf Einheiten und diese höchstens sechs Jahre mieten. 80 Prozent der Bewohner kommen von außerhalb Münchens. Fast 30 Prozent sagen, dass sie ohne das Wohnangebot die Ausbildung in München nicht begonnen hätten.

Die Geschichte des Modells reicht weiter zurück. Erste Ideen für das AzubiWerk München entstanden in den 1990er Jahren. Ein Stiftungsprojekt aus