Boris Zernikow erhält Bundesverdienstkreuz für sein Engagement in der Kinderpalliativmedizin
Prof. Dr. Boris Zernikow von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) ist mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden. Regierungspräsident Andreas Bothe überreichte ihm die Auszeichnung am 9. Oktober im Kinderpalliativzentrum Datteln. Gewürdigt wurden Zernikows Verdienste in der medizinischen Versorgung schwerkranker Kinder und Jugendlicher, in der wissenschaftlichen Forschung und in seinem jahrzehntelangen gesellschaftlichen Engagement.
Zernikow, geboren am 12. August 1964 in Bochum, ist Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkten in Schmerztherapie und pädiatrischer Palliativmedizin. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der UW/H, Chefarzt der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln und Vertrauensdozent des Cusanuswerks.
Vom Hausbesuch zum ersten Lehrstuhl Europas
Schon Ende der 1990er-Jahre besuchte Zernikow gemeinsam mit zwei Kinderkrankenschwestern ehrenamtlich schwerstkranke Kinder zu Hause. Aus diesen Ansätzen entwickelte sich später die spezialisierte ambulante Palliativversorgung für Kinder und Jugendliche. 2002 war er am Aufbau des Deutschen Kinderschmerzzentrums beteiligt. Dort werden jährlich mehr als 1.500 Kinder und Jugendliche ambulant und mehr als 300 stationär behandelt.
Ebenfalls 2002 gründete Zernikow gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik das Vodafone Stiftungsinstitut für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin (VIKP). Daraus gingen später das Deutsche Kinderschmerzzentrum und das Kinderpalliativzentrum Datteln hervor.
2008 wurde Zernikow an die Universität Witten/Herdecke berufen. Seit November 2008 besteht dort der Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin – der erste Lehrstuhl dieser Art in Europa. Im Juni 2010 wurde unter seiner ärztlichen Leitung an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln das weltweit erste Kinderpalliativzentrum eröffnet; 2010 öffnete dort außerdem die erste pädiatrische Palliativstation Europas.
Der Lehrstuhl beschäftigt sich mit Kinderschmerztherapie, pädiatrischer Palliativmedizin, Diagnostik, Therapieforschung und Versorgungsforschung. Die Forschungsprojekte werden durch Drittmittel finanziert. Neben der Patientenversorgung arbeitet Zernikow an der strukturellen Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen und lebenslimitierenden Erkrankungen.
Medizin, Forschung und Lehre
Nach seinem Zivildienst an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln studierte Zernikow von 1986 bis 1993 Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein Praktisches Jahr absolvierte er am Kantonsspital St. Gallen und an der Harvard Medical School in Boston. Von 1987 bis 1993 erhielt er ein Stipendium des Cusanuswerks. Anschließend wurde er an den Universitätskliniken Bonn, Datteln und Münster zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Kinderonkologie ausgebildet. Zusätzlich erwarb er die Bezeichnungen „Spezielle Schmerztherapie“ und „Palliativmedizin“.
2004 habilitierte er sich mit der Arbeit „Schmerz-Therapie in der Onkologischen Pädiatrie (STOP) – Ergebnisse eines bundesweiten Qualitätsmanagement-Programms“. Seitdem forscht er zur besseren Behandlung von Schmerzen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie zur Versorgung junger Menschen mit lebensverkürzenden Erkrankungen. Forschung, Lehre und unmittelbare Patientenversorgung laufen bei ihm nebeneinander her – manchmal vermutlich mit ziemlich wenig Luft dazwischen.
An der UW/H lehrt Zernikow Studierenden Themen der Palliativversorgung und Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen. Dazu gehören unter anderem die Querschnittsfächer Q13 Palliativmedizin und Q14 Schmerzmedizin. Er betreut Seminare sowie Doktorandinnen und Doktoranden und übernimmt die Betreuung Promovierender ehrenamtlich.
Gemeinsam mit seinem Team bildet er Fachkräfte für Kinderpalliativversorgung und Schmerzmedizin weiter und richtet regelmäßig die Dattelner Kinderschmerztage aus. An der Vestischen Kinder- und Jugendklinik leitet er ärztliche Weiterbildungskurse für Spezielle Schmerztherapie sowie multiprofessionelle Weiterbildungen in pädiatrischer Palliativversorgung.
Ein weiteres Projekt war die Forschungswerkstatt Palliativversorgung. Fachkräfte aus Pflege, Psychologie, Medizin, Seelsorge, Pädagogik und weiteren Bereichen entwickelten dort eigene klinische Forschungsprojekte. Die Ergebnisse sollten über Fachartikel oder Kongressbeiträge verbreitet werden; langfristig sollten tragfähige Forschungsstrukturen entstehen.
Leitlinien, Bücher und verständliche Informationen
Zernikow initiierte medizinische Leitlinien zur Kinderschmerztherapie und arbeitet an bundesweit gültigen Leitlinien mit. Er veröffentlichte mehr als 200 wissenschaftliche Artikel in peer-reviewten Fachzeitschriften zur Schmerztherapie und Palliativversorgung von Kindern und Jugendlichen.
Als Herausgeber und Autor betreut er unter anderem Schmerztherapie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, 5. Auflage, Springer Medizin, 2015, sowie Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, 2. Auflage, Springer Medizin, 2013. Gemeinsam mit Michael Dobe veröffentlichte er Therapie von Schmerzstörungen im Kindes- und Jugendalter, 2. Auflage, Springer Medizin, 2019, und Practical Treatment Options for Chronic Pain in Children and Adolescents, 2. Auflage, Springer International, 2019.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Aufklärung über chronische Schmerzen und Palliativversorgung. Dafür wurden Edukationsfilme in verständlicher und unterhaltsamer Form produziert. Gemeinsam mit Michael Dobe veröffentlichte Zernikow außerdem die „ROTE KARTE“, eine Informationsschrift für betroffene Kinder, Jugendliche, Eltern und Geschwister. Sie erklärt die Grundlagen chronischer Schmerzen und beschreibt Möglichkeiten, aktiv mit den Schmerzen umzugehen.
Auch öffentlich zugängliches Wissen liegt ihm am Herzen. Zernikow setzt sich dafür ein, dass Familien nicht erst nach langem Suchen verständliche Informationen über chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen finden.
Engagement über die Klinik hinaus
Zernikow gründete den Verein „eigenes Leben – Hilfen für Kinder mit Schmerzen oder lebensverkürzenden Erkrankungen“. Außerdem initiierte er den Freundeskreis Kinderpalliativzentrum Datteln e. V. und ist dort weiterhin ehrenamtlich 1. Vorsitzender.
Was in den 1990er-Jahren mit ehrenamtlichen Hausbesuchen begann, reicht heute von bundesweiten Leitlinien über Forschungsprojekte bis zur Versorgung von jährlich tausenden Kindern und Jugendlichen. Die Auszeichnung im Kinderpalliativzentrum Datteln würdigt damit nicht nur eine akademische Laufbahn, sondern auch ein dauerhaftes Engagement dort, wo medizinische Hilfe für Familien ganz konkret werden muss.
Stand: 12.10.2026, Uni Magdeburg
