Das Smartphone liegt neben dem Teller, der Bildschirm leuchtet kurz auf, und schon wandert der Blick weg vom Essen. Was nach einer kleinen Gewohnheit aussieht, kann die Wahrnehmung der Mahlzeit deutlich verändern. Studien zufolge stört die Handynutzung beim Essen die bewusste Aufmerksamkeit, erschwert später das Erinnern an das Gegessene, schwächt das Geschmacksempfinden ab und kann die aufgenommene Nahrungsmenge erhöhen.

Am Ende geht es also nicht nur um die Frage, ob jemand nebenbei Nachrichten liest. Das Gehirn verarbeitet beim Essen nicht allein die Nahrung, sondern speichert auch das Ereignis der Mahlzeit: wo sie stattgefunden hat, in welcher Umgebung und zu welchem Zeitpunkt. Gerade diese Informationen helfen dabei, die letzte Mahlzeit einzuordnen und das weitere Essverhalten zu regulieren.

Der Hippocampus merkt sich mehr als den vollen Teller

Eine vom US-Forscherteam um Scott Kanoski geleitete und in „Nature“ veröffentlichte Arbeit beschreibt die Rolle des Hippocampus, eines Zentrums des episodischen Gedächtnisses. Er hält normalerweise fest, an welchem Ort, in welcher Umgebung und zu welcher Zeit gegessen wurde. Kanoski zufolge ist die Erinnerung daran, was und wann man gegessen hat, für die Regulation des Essens ebenso wichtig wie der Inhalt des Tellers.

Bei Ratten blockierten die Forschenden Neuronen, die an der Speicherung dieser Mahlzeiterinnerungen beteiligt sind. Die Tiere suchten daraufhin vorzeitig wieder nach Nahrung. Wurden sie beim Fressen durch Videoinhalte abgelenkt, stiegen die verzehrten Portionen deutlich – unabhängig davon, welchen Inhalt die Videos hatten. Frauen waren in den beschriebenen Versuchen besonders betroffen.

Für Menschen ist das zunächst eine Übertragung aus Tierversuchen, doch die Vermutung liegt nahe: Eine unvollständige Erinnerung an eine Mahlzeit, etwa durch Ablenkung, könnte wiederholtes Snacken und übermäßiges Essen begünstigen. Wer trotz gefülltem Magen nicht mehr genau weiß, was und wann er gegessen hat, orientiert sich womöglich weniger zuverlässig an den eigenen Sättigungssignalen. Besonders kalorienreicher weiterer Konsum könnte dadurch leichter passieren.

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Wenn der Geschmack leiser wird

An der Uniklinik RWTH Aachen wurde mit funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht, was paralleler Videokonsum beim Essen im Gehirn bewirkt. Die Teilnehmenden nahmen Geschmacksreize als weniger intensiv wahr. Überraschend dabei: Die Aktivität in den primären Geschmacksarealen blieb unverändert. Beschrieben wurden stattdessen Veränderungen in höheren kognitiven und aufmerksamkeitsbezogenen Verarbeitungsprozessen. Der Geschmack verschwindet also nicht, aber die Aufmerksamkeit, die ihm gewidmet wird, ist eine andere.

Auch der Blick lässt sich offenbar schon durch die bloße Anwesenheit eines Telefons verschieben. Eine Untersuchung von Ladouce und Kollegen aus dem Jahr 2025 zeigte per Eye-Tracking, dass ein Mobiltelefon neben dem Teller die visuelle Aufmerksamkeit verändert – selbst dann, wenn die Benachrichtigungen ausgeschaltet waren. Das Gerät muss gar nicht klingeln. Es reicht mitunter, dass es da liegt.

Experimente, die im Journal der Association for Consumer Research veröffentlicht wurden, weisen in dieselbe Richtung: Bei Arbeitsgedächtnis- und Urteilstests schnitten die Teilnehmenden besser ab, wenn sich das Telefon in einem anderen Raum befand, statt auf dem Tisch oder in der Tasche zu liegen. Ein kleiner Unterschied in der Entfernung, offenbar mit ziemlich großer Wirkung.

Zwischen Sättigung, Bauch und Bakterien

Das Sättigungssignal vom Magen braucht laut dem Artikel ungefähr 20 Minuten bis zum Gehirn. Wer währenddessen dauerhaft auf einen Bildschirm schaut, kann unbewusst weiteressen, bevor die Rückmeldung überhaupt angekommen ist. Betroffene nehmen laut Artikel 30 bis 40 Prozent mehr Nahrung auf.

Der Bildschirmfokus kann außerdem die Produktion von Speichel und Verdauungsenzymen verringern sowie den Blutfluss im Magen-Darm-Trakt senken. Magenprobleme und Blähungen werden dadurch begünstigt. Ungenügendes Kauen wird im Artikel zudem mit einer Zunahme von Bauchfett in Verbindung gebracht. Dabei wäre es eigentlich simpel: langsamer werden, gründlich kauen, zwischendurch den Bissen wirklich schmecken.

Ein weiterer, etwas unappetitlicher Punkt betrifft die Hygiene. Mobiltelefone seien laut den angeführten Untersuchungen zehnmal stärker mit Bakterien belastet als eine Toilettenschüssel. Unter anderem könnten E. coli über Hände und Nahrung in den Magen gelangen. Das Handy erst auf dem Tisch, dann in der Hand und gleich wieder am Mund – der Gedanke ist nicht gerade appetitfördernd.

Ein Versuch ohne Display

Ernährungsexperten empfehlen, digitale Geräte während der Mahlzeit aus dem Sichtfeld zu entfernen. Das Smartphone kann vor dem Essen auf eine Ablage, in eine Tasche oder an das andere Ende des Raums gelegt werden. Wer es wirklich loswerden möchte, stellt es in einen anderen Raum – genau dort zeigten die Experimente die besseren Leistungen in Arbeitsgedächtnis- und Urteilstests.

Langsameres und gründlicheres Essen soll Heißhunger und Glukosespitzen reduzieren, weil der Körper mehr Zeit zur Freisetzung von Sättigungshormonen erhält. Die Erinnerung an die Mahlzeit bekommt dabei ihren eigenen Platz: Nicht nur die Menge im Magen zählt, sondern auch das, was im Gedächtnis angekommen ist.

Eine nachhaltige Umstellung auf achtsames Essen ohne Ablenkung braucht laut Artikel Geduld und dauert in der Praxis mindestens vier bis sechs Monate. Bis dahin liegt das Telefon vielleicht noch ein paar Mal neben dem Teller. Nur eben mit etwas mehr Abstand. Quelle: ad-hoc-news.de