Demokratie beginnt vor der Haustür: Wie zwei Stunden Engagement etwas bewegen können
An der Uni Magdeburg wirkt Demokratie manchmal wie etwas Großes, Fernes, fast wie ein Begriff aus dem Seminarraum. Doch nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin fragen sich viele Menschen angesichts der Erfolge extremistischer Parteien, was sie jenseits des Wahlsonntags tun können. Die Antwort beginnt oft erstaunlich unspektakulär: im eigenen Umfeld.
Zuhören. Im Gespräch bleiben. Demokratiefeindliche Aussagen nicht einfach stehen lassen, sondern nachfragen, wie jemand zu einer bestimmten Meinung kommt. Bei öffentlichen Äußerungen kann es helfen, andere Anwesende um Unterstützung zu bitten – gemeinsam nachzufragen, statt die Situation eskalieren zu lassen. Hilfestellungen zum Umgang mit Rassismus bietet unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung.
Demokratie beginnt nicht erst im Parlament
Den Kontakt zu Menschen abzubrechen, die sich von der Demokratie abgewandt haben, ist nicht immer der beste Weg. Laut Sally Lisa Starken berichten Menschen, dass ihnen der Weg zurück oft gelang, weil Personen aus ihrem früheren Umfeld den Kontakt hielten und an sie glaubten. Das kann anstrengend sein. Manchmal auch ziemlich nervig. Aber ein Gespräch ist immerhin noch möglich, solange niemand die Tür endgültig zuschlägt.
Wer mehr tun möchte, findet viele Anknüpfungspunkte: in demokratischen Parteien, Organisationen für Freiheit und Vielfalt, Elternvertretungen von Schulen und Kindergärten, Betriebsräten, Kammern und Berufsverbänden. Auch Kirchengemeinden, Gewerkschaften, der Naturschutz und Sportvereine gehören dazu. Nicht jedes Ehrenamt sieht auf den ersten Blick politisch aus. Trotzdem können Vereine und Organisationen demokratische Strukturen und die Zivilgesellschaft stärken.
Sie schaffen Zugehörigkeit, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, selbst etwas bewegen zu können. Freiwilligenagenturen beraten zu Engagementmöglichkeiten und vermitteln Interessierte an passende Vereine und Einrichtungen. Wer lieber selbst sucht, kann den Projektfinder des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ nutzen – nach Ort, Postleitzahl, Programmbereich und Thema.
Zwei Stunden können reichen
Der Anteil der Menschen ab 14 Jahren, die sich freiwillig engagieren, stieg in Deutschland von 30,9 Prozent im Jahr 1999 auf 36,7 Prozent im Jahr 2024. Engagement ist heute häufiger flexibel, zeitlich begrenzt und digital organisiert. 53 Prozent der freiwillig Engagierten investieren höchstens zwei Stunden pro Woche. Das klingt überschaubar, und genau das ist für viele der entscheidende Punkt.
Ein Beispiel liefert das Projekt „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“ der Robert Bosch Stiftung und des Bundesverbands Soziokultur. Menschen kommen an vertrauten Alltags- und Freizeitorten durch gemeinsame Projekte wieder stärker miteinander ins Gespräch und zur gesellschaftlichen Teilhabe. In der „Werkstatt 26“ in Königstein in Sachsen gibt es unter anderem Kunstkurse, Reparaturcafés und eine Kleiderstube. Dort werden auch Formen demokratischer Beteiligung vermittelt – etwa das Schlichten von Streit oder der Erwerb verlässlicher Informationen.
Nach Angaben des ehrenamtlich Engagierten Johannes Dietrich hat das Projekt bei einigen Menschen das Bewusstsein für Demokratie gestärkt. Vielleicht passiert das nicht mit großem Knall, sondern zwischen einer reparierten Lampe, einem Kleidungsstück und einem Gespräch, das sonst nie stattgefunden hätte.
Was der Freiwilligensurvey zeigt
Der Deutsche Freiwilligensurvey bildet seit 1999 die Entwicklung des freiwilligen Engagements in Deutschland ab. Grundlage ist eine Befragung von mehr als 27.000 Personen, die alle fünf Jahre durchgeführt wird. Der 6. FWS basiert auf Daten aus dem Jahr 2024 und wurde zunächst als Kurzbericht veröffentlicht. Der ausführliche Hauptbericht mit detaillierten Auswertungen soll Mitte 2026 erscheinen.
2024 waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert – rund 26,97 Millionen Menschen. Die Engagementquote blieb damit auf hohem Niveau, sank aber gegenüber 2019 von 39,7 Prozent. Gleichzeitig investierten engagierte Personen 2024 wieder mehr Zeit in ihre freiwillige Tätigkeit; auch die Häufigkeit der Ausübung nahm gegenüber 2019 zu. Mehr als zwei Drittel wollten ihre Tätigkeit unverändert fortsetzen.
Die höchsten Engagementquoten wurden in den jüngeren Altersgruppen festgestellt. Frauen und Männer engagierten sich gleich häufig, wie bereits 2019 bestand kein statistisch signifikanter Unterschied. Anders sieht es beim Bildungsniveau aus: Mit höherer Schulbildung stieg der Anteil der Engagierten. Der Rückgang der Engagementquote gegenüber 2019 ging ausschließlich auf Personen mit hoher formaler Schulbildung zurück.
Bei Personen mit Migrationshintergrund lag die Engagementquote bei 28,4 Prozent. Der allgemeine Rückgang der Engagementbeteiligung ging ausschließlich auf Personen ohne Migrationshintergrund zurück; bei Personen mit Migrationshintergrund blieb der Anteil entgegen dem allgemeinen Trend stabil. Bei Menschen mit Migrationshintergrund und eigener Zuwanderungserfahrung stieg die Engagementquote gegenüber 2019.
Mitreden, spenden, informiert bleiben
Politischer Einfluss braucht nicht immer ein Parteibuch. Bürgerinnen und Bürger können Petitionen einreichen, an Bürgerentscheiden, Bürgerforen oder öffentlichen Anhörungen teilnehmen. Wer wenig Zeit, aber finanzielle Mittel hat, kann demokratische Parteien, Vereine oder Organisationen durch Spenden unterstützen; diese sind steuerlich absetzbar.
Auch ein Abonnement einer Lokalzeitung ist eine Möglichkeit. Es unterstützt die lokale Medienlandschaft und versorgt Menschen mit Informationen aus ihrer Region. Verlässliche Berichterstattung und informierte Bürgerinnen und Bürger gelten als Grundlage für eine eigenständige Meinungsbildung in der Demokratie – gerade dann, wenn im Netz die nächste Behauptung schon mit voller Lautstärke um die Ecke biegt.
Heute, am 10.10.2026, lässt sich das an der Uni Magdeburg ziemlich konkret weiterdenken: ein Gespräch im Flur, ein Termin im Verein, zwei Stunden in der Woche, eine Nachfrage an der richtigen Stelle. Vieles davon sieht klein aus. Es bleibt aber nicht unbedingt klein.
