Galeria in der vierten Insolvenz: 83 Warenhäuser, aber keine Bestandsgarantie
Uni Leipzig, 28.10.2026 – Galeria meldet trotz der inzwischen vierten Insolvenz eine positive Geschäftsentwicklung. Der Umsatz liege über dem Vorjahreswert, teilt das Warenhausunternehmen mit. Gleichzeitig sind viele Einschränkungen, die nach dem Insolvenzantrag gegolten hatten, wieder aufgehoben.
Bekleidung und andere zuvor gesperrte Sortimente werden wieder angeboten. Der Online-Shop läuft regulär, Gutscheine können wieder eingelöst und auch verkauft werden. Galeria hatte deren Annahme zwischenzeitlich gestoppt. Für das Weihnachtsgeschäft sieht sich das Unternehmen gut aufgestellt; auch der Start in den Herbst sei erfolgreich gewesen. Nach kurzfristigen Problemen funktionierten zudem die Belieferungsprozesse wieder stabil.
83 Warenhäuser, aber keine Bestandsgarantie
Galeria-Geschäftsführer Tilo Hellenbock dankte den Beschäftigten für die Entwicklung. Der Fokus liege nun auf dem Weihnachtsgeschäft und auf der Zukunft des Unternehmens. Mit Unterstützung einer Unternehmensberatung sucht Galeria außerdem neue Investorinnen und Investoren.
Der Geschäftsbetrieb läuft derzeit in 83 Filialen weiter. Welche Standorte schließen müssen, ist allerdings offen. Nach Informationen des „Spiegel“ stehen mindestens gut 30 Warenhäuser auf der Kippe. Insolvenzverwalter Frank Kebekus sagte dem ZDF, er rechne nicht damit, alle Standorte erhalten zu können. Er prüft jedes Warenhaus einzeln auf seine wirtschaftliche Tragfähigkeit. Das Warenhaus als Einkaufsform hält Kebekus grundsätzlich trotzdem für überlebensfähig.
Viele Beschäftigte erhalten Insolvenzgeld. Die Eigentümer hatten sich 2024 den Zuschlag unter anderem mit dem Versprechen gesichert, alle 83 Filialen zu erhalten. Andere Bieter hielten damals nur etwa 60 Häuser für realistisch. Anfang Oktober beantragte Galeria zum vierten Mal Insolvenz.
Umsatz unter Plan, Streit über Investitionen
Die Geschäftszahlen zeichnen ein deutlich weniger freundliches Bild als die aktuelle Mitteilung des Unternehmens. Von Oktober 2025 bis Ende September 2026 setzte Galeria 1,79 Milliarden Euro um – geplant waren mehr als 2 Milliarden Euro. Innerhalb eines Jahres sank der Umsatz um 10 Prozent. Der Bruttogewinn ging um 12,7 Prozent auf 728 Millionen Euro zurück.
Als Belastung gilt das große Filialnetz mit seinen hohen Kosten. Außerdem blieb Galeria auf hohen Warenbeständen sitzen und setzte stark auf Rabattaktionen. Miteigentümer Bernd Beetz erklärte, die Insolvenz sei grundsätzlich vermeidbar gewesen; der Umbau sei zu langsam vorangekommen. Er sagte zudem, er und sein Mitinvestor NRDC hätten erhebliches eigenes Kapital investiert.
Nach Angaben von „Spiegel“-Insidern stellten die Eigentümer dagegen kaum nennenswerte Eigenmittel bereit und ließen sich unter anderem Beratungsleistungen von Galeria bezahlen. Nach dem Einstieg war von rund 100 Millionen Euro Investitionen die Rede. Handelsexperten halten dagegen etwa eine Milliarde Euro für erforderlich.
Die Gewerkschaft ver.di macht Management und Eigentümer für die erneute Insolvenz verantwortlich. Ver.di-Vertreterin Silke Zimmer kritisierte fehlende nachhaltige Investitionen, zu geringe Investitionen in Filialen und Sortiment sowie die mangelnde Einbindung der Beschäftigten. Auch das Zukunftskonzept der aktuellen Geschäftsführung bewertet die Gewerkschaft kritisch. Wiederholt monierte ver.di zudem, dass sich das Management dauerhaft von den Tarifverträgen des Einzelhandels entfernen wolle.
Viele Galeria-Beschäftigte verdienen laut ver.di deutlich weniger als Beschäftigte im Einzelhandel mit Flächentarifvertrag, teilweise bis zu 30 Prozent weniger. Die Gewerkschaft fordert eine schnelle Offenlegung der Zukunftspläne und die Einbindung der Beschäftigten sowie des Gesamtbetriebsrats.
Was aus dem Warenhaus werden kann
Handelsexperte Carsten Kortum hält eine vollständige Abwicklung für möglich, aber nicht zwingend. Nötig sei ein Eigentümer, der langfristig am Kaufhausmodell festhalte. Eine weitere Sanierung, die vor allem auf Forderungsverzicht und Kostensenkungen setzt, werde voraussichtlich nicht ausreichen.
Für ver.di sind Warenhäuser weiterhin wichtig für die Attraktivität vieler Innenstädte. Entscheidend seien dort vor allem die Beschäftigten – ihre Beratung, ihr Service und ihre Kundennähe. Ein freundliches Wort zwischen Kleiderständern klingt zunächst nach Kleinkram, kann für ein Geschäft aber den Unterschied machen.
Der Fall Galeria fällt in eine Entwicklung, die deutsche Innenstädte schon seit Jahrzehnten verändert. Hertie, Horten, Kaufhof und Karstadt verschwinden zunehmend. Neu ist laut ZDFheute vor allem die Geschwindigkeit. Der durchschnittliche Leerstand in deutschen Innenstädten liegt inzwischen bei rund 15 Prozent; vor der Corona-Zeit waren es deutschlandweit etwa 10 Prozent.
Innenstädte suchen neue Gründe fürs Kommen
Creditreform registrierte 2025 rund 2.440 Insolvenzen im Einzelhandel – 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Handelsverband Deutschland erwartet für Ende 2026 noch rund 296.600 stationäre Einzelhandelsgeschäfte. Das wären etwa 70.000 weniger als zehn Jahre zuvor. Betroffen sind kleine und große Unternehmen, Traditionsgeschäfte und Handelsketten: Warenhäuser, Modefilialisten, Buchhandlungen.
Fachgeschäfte verschwinden, Leerstände nehmen zu, die Vielfalt des stationären Handels geht zurück. Der Handelsverband Deutschland fordert unter anderem Steuervorteile und faire Wettbewerbsbedingungen. Auch die Möglichkeit, Geschäfte sonntags zu öffnen, soll Innenstädte attraktiver machen.
Der Onlinehandel bleibt ein kräftiger Gegenspieler. Im Juni 2026 lag der reale Einzelhandelsumsatz 0,2 Prozent unter dem Vorjahreswert, während der Internet- und Versandhandel um 4,9 Prozent wuchs. Gleichzeitig halten sich Verbraucher wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage beim Konsum zurück. Der GfK-Konsumklimaindex blieb nach einem starken Rückgang im Frühjahr 2026 deutlich im Minus; für August 2026 wurde ein Wert von −29,6 Punkten erwartet.
Gespart wird vor allem bei Dingen, die nicht lebensnotwendig sind: Kleidung, Bücher, Möbel und Unterhaltungselektronik. Steigende Energiekosten, höhere Mieten und Inflation drücken zusätzlich auf die Gewinnmargen. Sind die Rücklagen aufgebraucht, bleibt vielen Unternehmen nur die Schließung. Das wiederum kann die Innenstädte weiter schwächen, weil Einkaufen ein wichtiger Grund für Innenstadtbesuche ist – ein ziemlich mühsamer Kreislauf.
Der Onlinehandel wird voraussichtlich dauerhaft bestehen bleiben, auch die wirtschaftliche Stagnation dürfte nicht kurzfristig verschwinden. Eine Innenstadt kann deshalb nicht ausschließlich als Konsumzentrum funktionieren. Fachleute empfehlen umgestaltete öffentliche Räume, eine stärkere Mischung aus Handel, Wohnen und Freizeit und neue Gründe, überhaupt in die Stadt zu fahren.
Eine Analyse von Creditreform und dem Handelsblatt Research Institute kommt zu dem Schluss, dass Innenstädte ihre Funktionen und Angebote neu ausrichten müssen. Kempen wird dabei als Beispiel genannt: Die Stadt setzt auf inhabergeführte Geschäfte, persönlichen Service und eine historische Kulisse. In Leipzig, wo Galerias Zukunft ebenfalls von einem noch offenen Prüfverfahren abhängt, bleibt derweil die Frage, welche Türen am Ende offen bleiben.
