Generationengerechtigkeit an der RWTH Aachen: Wer entscheidet über Rente, Klima und Wehrpflicht?
Am Mittwoch, 28. Oktober 2026, dreht sich an der RWTH Aachen alles um eine Frage, die gern vertagt wird: Wie gerecht ist Deutschland zwischen den Generationen? In der Skylounge im Hauptgebäude der RWTH Aachen, Templergraben 55, 52062 Aachen, geht es bei einer Podiumsdiskussion um Rente, Klima und Wehrpflicht im demografischen Wandel.
Das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung liegt derzeit bei knapp 45 Jahren und soll bis 2036 auf etwa 46 Jahre steigen. Mit der alternden Gesellschaft verschieben sich politische Interessen und Mehrheitsverhältnisse. Die Sicherung des bestehenden Wohlstands und die Altersvorsorge gewinnen an Gewicht, während die Interessen junger und zukünftiger Generationen stärker berücksichtigt werden sollen. Leichter gesagt als getan.
Wer setzt die Themen?
Der Soziologe Aladin El-Mafaalani beschreibt den demografischen Wandel als „riesiges Problem“. Bei „Hart aber fair“ erklärte er, öffentliche Debatten hätten sich in den vergangenen 15 Jahren stark von Kindern, Jugendlichen und jungen Familien entfernt. Die erste PISA-Studie von 2001 hatte wegen schlechter Ergebnisse noch einen „PISA-Schock“ ausgelöst. Die Ergebnisse von 2023 waren laut El-Mafaalani sogar schlechter, sorgten aber für deutlich weniger öffentliche Reaktionen.
Eine Erklärung liegt für ihn in der Altersstruktur: Der geburtenstarke Jahrgang 1964 war 2001 etwa 37 Jahre alt und hatte häufig schulpflichtige Kinder. Heute ist diese Gruppe etwa 61 Jahre alt und interessiert sich weniger unmittelbar für Bildungsthemen. Eltern minderjähriger Kinder bilden inzwischen eine vergleichsweise kleine demokratische Gruppe. Wahlkämpfe können deshalb geführt werden, ohne Kinder, Jugendliche oder deren Eltern ausdrücklich anzusprechen.
In fünf bis acht Jahren könnten Wahlen maßgeblich durch Rentnerinnen und Rentner entschieden werden. Damit träfen zunehmend Menschen politische Entscheidungen, die diese möglicherweise nicht mehr lange selbst erleben oder umsetzen müssen. Eine stark alternde Bevölkerung funktioniere nicht automatisch schlechter, werde aber viele gesellschaftliche Bereiche verändern: Sehr alte Menschen verfügten über einen großen Teil der Kaufkraft, was den Binnenmarkt und die Risikobereitschaft beeinflussen könne.
Rente, Pflichtjahr und Wehrdienst
Bei der Aachener Diskussion soll es unter anderem um den Stellenwert der Generationengerechtigkeit in Deutschland, um eine stärkere Berücksichtigung junger und künftiger Generationen sowie um die Aussichten auf umfassende politische Reformen gehen. Der Blick fällt dabei auch auf die Finanzierung der Renten. Obwohl die Probleme seit Jahren bekannt sind, fehle es weiterhin an ausreichendem Problembewusstsein und politischen Entscheidungen.
El-Mafaalani zählt zu einem von Friedrich Merz vorgeschlagenen „neuen Konsens der Generationen“ neben einer gerechten Rentenpolitik auch eine stärkere Beteiligung älterer Menschen. Ein verpflichtendes Jahr für Rentnerinnen und Rentner lehnt er ab. Freiwillig sollten sie jedoch mehr Verantwortung übernehmen als bisher. Hintergrund sind die hohen Kosten für ältere Menschen sowie zusätzliche Anforderungen an Bundeswehr und Infrastruktur.
Eine Wehrpflicht hält El-Mafaalani ebenfalls nicht zwingend für erforderlich, wenn die Bundeswehr ihre Bedingungen attraktiver gestaltet und genügend Freiwillige gewinnt. Bei der Veranstaltung wird dieser Punkt gemeinsam mit Rente und Klima im Mittelpunkt stehen. Auch das Konzept einer Aktienrente für Deutschland dürfte dabei als Reformidee eine Rolle spielen – Johannes Vogel hat es entwickelt.
Ökonomen fordern unter anderem mehr Migration und eine Stärkung der Kindertagesbetreuung, weil sie die wirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels berechnen. Migration werde ohnehin benötigt; ohne eine stärkere Beteiligung der Rentnerinnen und Rentner müsste die Zuwanderung laut El-Mafaalani möglicherweise verdoppelt werden. Deutschland hat derzeit zwar historisch viele Menschen im erwerbsfähigen Alter, kämpft aber trotzdem mit Fachkräftemangel und Infrastrukturproblemen. Für bereits Zugewanderte gibt es nicht genügend Sprachkursangebote.
Ein Abend mit vielen offenen Rechnungen
Jährlich gehen ungefähr doppelt so viele Menschen in Rente, wie aus der Schule ins Erwerbsleben eintreten. Gleichzeitig wird die Zahl der Rentner zusätzlich durch steigende Gesundheits- und Pflegekosten belastet. Schon heute gibt es vergleichsweise wenige hochaltrige und pflegebedürftige Menschen, trotzdem funktioniert das Versorgungssystem laut El-Mafaalani nicht ausreichend. Ohne Veränderungen werde sich die Situation weiter verschlechtern.
In einer alternden Gesellschaft wird es außerdem schwieriger, ausreichend Räume und Perspektiven für Kinder zu schaffen und Kinder gesellschaftlich wahrzunehmen. Genau dort liegt der Reibungspunkt der Generationengerechtigkeit: bei der Frage, wer im politischen Alltag sichtbar ist – und wer erst später mit den Folgen heutiger Entscheidungen leben muss.
Auf dem Podium sitzen Johannes Vogel, ehemaliger stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP und seit Dezember 2025 Leiter des Bereichs „Personal und Recht“ bei Eurowings, Prof. em. Dr. Emanuel Richter und Johanna Berger von der Liberalen Hochschulgruppe Aachen. Richter war bis 2020 Professor für Politische Systeme an der RWTH Aachen und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik. Er ist außerdem Autor des Buches „Seniorendemokratie. Die Überalterung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Politik“.
El-Mafaalani selbst ist Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war er Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück und von 2018 bis 2019 Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration.
Veranstalter ist das Bildungszentrum NRW. Kooperationspartner sind die Landeszentrale für politische Bildung NRW, LHG NRW, LHG Aachen und der LHG-Bundesverband. Der Eintritt ist kostenlos.
- 17:30 Uhr: kleiner Empfang
- 18:30 Uhr: Begrüßung durch Martin Fischer und Karl Kühne
- 18:40 Uhr: Diskussion zur Generationengerechtigkeit in Deutschland
- 19:30 Uhr: Fragen aus dem Publikum
- 20:00 Uhr: Ende
Die Skylounge liegt im Hauptgebäude der RWTH Aachen am Templergraben 55. Wer wissen möchte, ob die Interessen der eigenen Generation überhaupt noch auf dem politischen Zettel stehen, bekommt dort am 28. Oktober Gelegenheit, nachzuhaken – spätestens bei den Fragen aus dem Publikum.
