Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat wegweisende Ergebnisse zur genetischen Geschichte Süddeutschlands veröffentlicht. Die Studie, die am 29. April 2026 in der Fachzeitschrift Nature erschien, beleuchtet Genomdaten aus der Zeit des Endes des Weströmischen Reichs und bietet neue Einblicke in die Ursprünge der Region.

Die Forscher konzentrierten sich auf archäologische Siedlungen in Mitteleuropa, die nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs entstanden, häufig in der Nähe des Limes. Diese Siedlungen zeigen eine vielfältige genetische Herkunft, die in der Forschung bisher nur unzureichend erfasst wurde. Historische Annahmen einer groß angelegten „Völkerwanderung“ wurden in den Hintergrund gedrängt.

Detailreiche Genomanalysen

Das Team analysierte umfassend 258 Genome aus Bayern und Hessen und verglich diese mit rund 2.900 antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass bereits in der spätrömischen Phase Menschen mit genetischer Herkunft aus nördlichem Europa in Süddeutschland bestattet wurden. Dies lässt darauf schließen, dass diese Menschen in kleinen Gruppen nach Süden zogen und schrittweise den römischen Lebensstil übernahmen.

Die sozialen Strukturen der damaligen Zeit scheinen stark durch römische Regelungen beeinflusst gewesen zu sein. Diese könnten eine soziale Trennung der Gruppen gefördert haben, um Integrationsprozesse zu steuern. Die Studie ermöglicht auch eine erstmalige Typisierung der Bevölkerung eines römischen Kastells in Süddeutschland, die genetisch heterogen war.

Ein markanter Wandel wird ab dem Jahr 470 n. Chr. sichtbar. Menschen zogen ins Umland und bildeten neue Gemeinschaften. Die neuen Forschungsergebnisse deuten auf regionale Mobilität und friedliche Integration hin und widerlegen die Vorstellung von großen Wanderungsbewegungen. Die Genomdaten ermöglichen zudem die Rekonstruktion von Stammbäumen und zeigen die Bildung neuer Familienverbände auf. Interessanterweise bestanden die damaligen Haushalte überwiegend aus Kernfamilien, wobei die Ehen monogam waren und Heiratsverbote zwischen Verwandten existierten.

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Langfristige Entwicklungen

Ab dem 7. Jahrhundert entwickelte sich in Süddeutschland eine Bevölkerung, die genetisch der heutigen Bevölkerung ähnelt. Diese Forschung wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützt und umfasst eine Kooperation mit mehreren Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland, England, Spanien, Italien, Österreich, Serbien und der Schweiz.

Um den Kontext dieser historischen Migrationen weiter zu untersuchen, legt die Abteilung für Archäogenetik (DAG) der Max-Planck-Gesellschaft Wert auf die Analyse genetischer Datensätze der letzten 20.000 Jahre eurasischer Geschichte. Ziel ist es, historische Hypothesen zu überprüfen, insbesondere hinsichtlich der Rekonstruktion der europäischen genetischen Populationsstruktur und der Migrationsbewegungen. Diese Daten können auch dazu beitragen, die Ursachen und Folgen historischer Ereignisse besser zu verstehen und die Entwicklung menschlicher Krankheitsverläufe nachzuvollziehen.

Dieser interdisziplinäre Ansatz bezieht auch die Transformation von biologischen Ressourcen durch Menschen über die letzten 12.000 Jahre ein, was die Relevanz der Forschung unterstreicht. Die damit gewonnenen Erkenntnisse sind entscheidend für das Verständnis der genetischen Geschichte nicht nur in Süddeutschland, sondern in ganz Europa.