In Halle (Saale) haben die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (HzE) 2025 knapp 130 Millionen Euro erreicht. Die Summe ist im Jugendhilfeausschuss nicht einfach durchgewunken worden: Eine Bedarfserhebung des Instituts ORBIT e. V. vom August 2026 beschreibt erhebliche Steuerungsprobleme in der Jugendhilfe.

Rund 17 bis 18 Prozent der Fälle würden nach Angaben des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) und freier Träger nicht bedarfsgerecht vermittelt. Als Hauptgründe nennt die Erhebung fehlende Plätze in passenden Einrichtungen und lange Verweildauern in Inobhutnahmen. Für Familien bedeutet das oft: warten, telefonieren, wieder warten. Für die Stadt wird es teuer.

Lange Inobhutnahmen, steigende Fallzahlen

Die durchschnittliche Dauer einer Inobhutnahme hat sich seit 2018 mehr als verdoppelt. 2024 lag sie bei 76,3 Tagen. ORBIT bewertet diese langen Aufenthalte als vermeidbaren Kostenfaktor und als „massiven Kostentreiber“.

Auch die Fallzahlen haben sich verändert. Die Zahl der gewährten Hilfen zur Erziehung stieg von 2.971 Fällen im Jahr 2020 auf 3.118 Fälle im Jahr 2025. Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei den Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung aus: Sie nahmen im selben Zeitraum von 600 auf 1.910 zu.

Im Alltag des ASD treffen dabei mehrere Probleme aufeinander. Dem Jugendamt fehlt dem Bericht zufolge teilweise oder vollständig die Kenntnis darüber, welche ambulanten Hilfen verfügbar sind. Eine zentrale Übersicht über Angebote gibt es nicht. Dazu kommen eine mangelhafte technische Ausstattung des ASD, neun unbesetzte Vollzeitstellen und eine hohe Personalfluktuation bei freien Trägern.

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Mehr eigene Plätze, bessere Übersicht

Das Gutachten schlägt mehrere Reformansätze vor. Frei werdende Kita-Immobilien könnten etwa in Wohngruppen umgewandelt werden. Außerdem soll die Stadt ihre eigenen Einrichtungen stärker nutzen und die digitalen Verbindungen zwischen den Beteiligten verbessern. Eine zentrale Angebotsübersicht könnte helfen, schneller passende Unterstützung zu finden.

ORBIT empfiehlt außerdem Prävention und niedrigschwellige Zugänge, Familienräte sowie eine Clearingstelle. Sogar datenschutzkonforme KI-Assistenzsysteme für die Fallberatung werden genannt. Diese Systeme sollen vom Internet getrennt arbeiten. Die CDU betont ausdrücklich, dass KI Fachkräfte unterstützen, aber nicht deren Entscheidungen ersetzen solle.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau städtischer stationärer Kapazitäten. Dadurch könnten Belegungsdruck und die Abhängigkeit von teureren Angeboten freier Träger sinken. Geprüft werden soll auch, ob die Kopplung von Fachleistungsstunden an einzelne Fälle verändert werden kann. Sie könne Selbsterhaltungseffekte begünstigen, heißt es in der Erhebung.

CDU verlangt konkrete Schritte für 2027

Die CDU-Stadtratsfraktion fordert für den Haushalt 2027 konkrete Maßnahmen samt Zeitplan. In einem Änderungsantrag zum Haushalt 2026 hatte sie vorgeschlagen, die HzE-Ansätze 2026 um rund eine Million Euro zu senken. Für die Jahre 2027 bis 2030 sollten die Ansätze jeweils um rund fünf Millionen Euro reduziert werden.

Zusätzlich verlangte die Fraktion ein Konzept, mit dem die HzE-Aufwendungen auf das Niveau Magdeburgs gesenkt werden könnten. Auch ein Ausbau städtischer stationärer Einrichtungen sollte geprüft werden. Fachliche Qualität und ein wirtschaftlicher Einsatz der Mittel müssten dabei gemeinsam verfolgt werden – nicht das eine auf Kosten des anderen.

Mit einem weiteren Antrag soll die Verwaltung untersuchen, ob ein HzE-Portal eingeführt werden kann. Dabei geht es um mögliche Zeit- und Kosteneinsparungen, eine Entlastung des ASD sowie Verbesserungen bei Steuerung, Controlling und Jugendhilfeplanung. Für die Beschäftigten im Jugendamt wäre das womöglich ein kleiner, aber wichtiger Unterschied im täglichen Durcheinander: weniger Suchen, weniger Weiterleiten, mehr Zeit für die eigentliche Fallarbeit.

Die Zahlen liegen nun auf dem Tisch: knapp 130 Millionen Euro Ausgaben im Jahr 2025, längere Inobhutnahmen, mehr Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung und gleichzeitig offene Stellen im ASD. Wie schnell aus den vorgeschlagenen Prüfungen tatsächlich neue Plätze, bessere Übersichten oder ein funktionierendes Portal werden, dürfte sich mit dem Haushalt 2027 zeigen.