Jüdische Akademie in Frankfurt eröffnet: Ein Haus für Wissen, Streit und jüdisches Leben
Am 2. November 2026 wurde die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main feierlich eröffnet. Heute, am 3. November, stand bereits die erste Diskussion über ihre Aufgaben auf dem Programm. Der Ort: das Frankfurter Westend. Der Anlass: eine Bildungseinrichtung, von der sich viele mehr erhoffen als Seminare und Podiumsrunden.
Benjamin Graumann, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden, nannte die Akademie einen „Hoffnungsträger“. Mehr als 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland bewerten ihre Situation pessimistisch. Seit dem Hamas-Terrorüberfall vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Anstieg antisemitischer Drohungen und Übergriffe sei jüdisches Leben hier stärker gefährdet als zuvor. Gleichzeitig, und das gehört zur ganzen Wahrheit, ist es so vielfältig und bunt wie nie zuvor.
Die Diskussion über die Akademie wurde auch mit Blick auf die TU Berlin geführt. Im Herbst des Vorjahres hatten jüdische Studierende Räume des Allgemeinen Studierendenausschusses, des AStA, an der Technischen Universität Berlin besetzt. Sie protestierten gegen antisemitische Parolen auf dem Campus und im AStA. Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, brachte eine Erfahrung zur Sprache, die vielen bekannt sein dürfte: den Umgang mit negativen Fremdzuschreibungen wie „Du Zionist!“. Auf Hochschultoiletten seien solche Beschimpfungen mit Mordaufrufen verbunden worden. Dekel findet, sie müssten positiv umgedeutet werden. Jüdische Menschen sollten sich von einem feindseligen gesellschaftlichen Klima nicht einschüchtern lassen.
Ein Haus für Streit, Wissen und jüdisches Leben
Die Akademie soll sich nicht ausschließlich mit Antisemitismus und Israel beschäftigen. Auf dem Programm stehen auch jüdische Kultur, Wissenschaft, Humor und Optimismus. Graumann zufolge gibt es einen Bedarf an sicheren Orten, an denen jüdische Menschen gehört werden. Die Akademie solle ein „safe space“ und zugleich ein „brave space“ sein: ein geschützter Ort, an dem kritische Themen nicht ausgespart werden.
Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wird etwa darüber diskutiert, ob jüdische Identität auch über die Abstammung von einem jüdischen Vater definiert werden kann. Dekel warnte vor einem „Sterben von Gemeinden“. Die jüdische Gemeinschaft müsse sich selbst stärken; dazu könne die Akademie beitragen. Zu Wort kommen sollen dabei konservative ebenso wie linke jüdische Stimmen.
Die Jüdische Akademie ist eine 2026 eröffnete jüdische Bildungseinrichtung und gilt als erste jüdische Institution dieser Art von überregionaler Bedeutung seit der Schoa. Laut Zentralratspräsident Josef Schuster handelt es sich um die erste überregionale, nicht-universitäre jüdische Bildungseinrichtung in Deutschland seit der Schoah. Bauherr ist der Zentralrat der Juden in Deutschland.
Ihre Wurzeln reichen zurück: Die Akademie entstand aus der 2012 auf Initiative von Dieter Graumann gegründeten Bildungsabteilung des Zentralrats. Der Zentralrat stellt sie in die Tradition des von Franz Rosenzweig geleiteten Freien Jüdischen Lehrhauses, das Anfang der 1920er Jahre gegründet und von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats, und Sabena Donath, Co-Leiterin der Abteilung, übernahmen die Akademieleitung und entwickelten das inhaltliche Konzept.
Überregional wirken, Wissen vermitteln, gesellschaftliche Diskussionen ermöglichen und als Denkfabrik dienen: So ist die Einrichtung angelegt. Sie richtet sich an jüdische Menschen aus Deutschland und Europa ebenso wie an Angehörige anderer Religionsgemeinschaften, die sich für jüdische, interkulturelle, interreligiöse oder universelle Themen interessieren. Öffentliche Diskurse sollen aufgegriffen, initiiert und problematisiert werden. Zugleich soll die jüdische Stimme in Deutschland ein erkennbares Profil bekommen.
Die Katholische Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt beriet den Zentralrat unter anderem bei Finanzen, Konzeption, Personal und Programm. Geplant sind internationale Konferenzen, Fachtagungen und öffentliche Podiumsdiskussionen. Eine Kooperation besteht mit der Frankfurter Goethe-Universität. Auch polarisierende Themen wie der Nahost-Konflikt sollen kontrovers diskutiert werden.
Zwischen Professorenvilla und Skyline
Der Neubau steht im Frankfurter Stadtteil Westend an der Südspitze des entstehenden Kulturcampus Bockenheim. Das Grundstück liegt an der spitzwinkligen Einmündung der Georg-Voigt-Straße in die Senckenberganlage. Westlich befindet sich das Tibethaus Deutschland, nördlich das Hochhaus One Forty West. Südlich, gegenüber der Georg-Voigt-Straße, liegt das Hotelhochhaus Westend Gate an der Hamburger Allee. Ursprünglich waren auf dem Grundstück Bürogebäude geplant.
Den Architekturwettbewerb gewann im Herbst 2018 das Frankfurter Büro Zvonko Turkali Architekten. Die Baugenehmigung wurde Ende Dezember 2019 erteilt. Im September 2020 unterzeichneten der Zentralrat und die städtische ABG Frankfurt Holding den Kaufvertrag für das Grundstück. Der symbolische erste Spatenstich folgte am 2. September 2021 im Beisein von Josef Schuster, Markus Kerber, Volker Bouffier und Peter Feldmann.
Ursprünglich sollte die Fertigstellung 2023 erfolgen, die Betriebsaufnahme war für 2024 vorgesehen. Pandemiebedingte Verzögerungen schoben den Bauplan weiter; das Richtfest fand erst am 25. September 2024 statt. Ende Februar 2024 wurde die geschätzte Gesamtbausumme laut Josef Schuster mit 36 Millionen Euro angegeben. Bei der Eröffnung war von Projektkosten in Höhe von rund 40 Millionen Euro die Rede. Bund, Land Hessen, Stadt Frankfurt und der Zentralrat der Juden tragen sie gemeinsam.
Der Bau kontrastiert mit dem denkmalgeschützten Ensemble der ehemaligen Professorenvillen aus der Gründerzeit der Goethe-Universität. Beton- und Putzfassaden treffen auf geschosshohe Fensterbänder. Der vierstöckige Bau nimmt in seiner Staffelung Bezug auf die benachbarte Professorenvilla, während seine Gebäudespitze der Geometrie der angrenzenden Straßen folgt. Ganz oben öffnet sich eine Loggia zum Stadtraum.
Entlang der Senckenberganlage kragt das erste Obergeschoss aus; dahinter liegt der große Veranstaltungssaal. Die Konstruktion ermöglichte den Erhalt großkroniger Bäume an der Grundstücksgrenze. Innen gibt es einen bis zu 5,50 Meter hohen Saal für rund 200 Personen, einen Ausstellungsraum sowie Multifunktions- und Seminarräume. Im Untergeschoss liegt ein Speisesaal. Das Foyer aus beigem Sichtbeton verbindet die Geschosse, eine gewendelte Treppe führt nach oben, und von der Dachterrasse reicht der Blick über die Frankfurter Skyline.
Die 1914 im neoklassizistischen Stil errichtete Professorenvilla an der Senckenberganlage 9–11 wurde saniert und in das Gesamtkonzept integriert. Sie beherbergt ein Café, Besprechungsräume, die Akademieverwaltung und eine kleine Bibliothek. Ein eingeschossiger, verglaster Zwischenbau verbindet Villa und Neubau und bildet den gemeinsamen Haupteingang. Die Tragwerksplanung übernahm das Frankfurter Ingenieurbüro BS Schwarzbart.
Mehr als ein Gebäude
Die Idee für die Akademie entstand in den 2010er-Jahren. Zunächst wurde in Berlin nach einem Standort gesucht, später fiel die Wahl auf Frankfurt. Josef Schuster verwies auf die lebendige jüdische Gemeinde sowie die zentrale Lage und gute Verkehrsanbindung der Stadt.
Bei der Eröffnung im Frankfurter Westend waren unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Josef Schuster, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef dabei. Steinmeier rief Politik und Gesellschaft zu einem entschlossenen Vorgehen gegen Antisemitismus auf. Zugleich warnte er vor einer zunehmenden politischen Instrumentalisierung des Antisemitismus. Der Schutz jüdischen Lebens dürfe niemals zur politischen Verhandlungsmasse werden, sagte Steinmeier.
Nach Schusters Worten soll die Akademie jüdische Perspektiven auf gesamtgesellschaftliche Themen stärker sichtbar machen. Der Zentralrat werde bisher vor allem im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen wahrgenommen; die Akademie soll zeigen, dass Judentum mehr ist als Verfolgung. Religion, Philosophie, Ethik, Geschichte, Erinnerung, Politik, Gesellschaft, Kunst, Film und Literatur gehören zu den Themenbereichen. Jüdisches Leben in Deutschland soll als vielfältig, gegenwartsbezogen und diskussionsfre
