KI in der Darmkrebsvorsorge: Wo bleibt der Fortschritt?
Das Lynch-Syndrom, eine genetische Erkrankung, betrifft schätzungsweise einen von 300 Menschen und gilt als die häufigste erbliche Ursache für Darmkrebs. Personen, die betroffen sind, haben ein Lebenszeitrisiko von etwa 50 Prozent, selbst bei regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Die Qualität der durchgeführten Darmspiegelungen ist für diese Patientengruppe von besonderer Bedeutung. Dies unterstreicht die Relevanz der aktuellen Forschung zur Rolle der künstlichen Intelligenz (KI) in der Darmkrebsvorsorge.
Die CADLY2-Studie, die am Universitätsklinikum Bonn initiiert und koordiniert wird, untersucht, ob KI-gestützte Assistenzsysteme während der Darmspiegelung in der Lage sind, mehr Adenome zu erkennen als die herkömmliche Standardkoloskopie. An der Studie nehmen 757 Menschen mit genetisch gesichertem Lynch-Syndrom aus neun spezialisierten Zentren in Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Belgien teil. CADLY2 ist somit die größte endoskopische Studie weltweit, die sich mit dieser Hochrisikogruppe beschäftigt.
Ergebnisse der Studie
Die erste Auswertung der CADLY2-Studie zeigt, dass die KI-Unterstützung in spezialisierten Zentren nicht zu einer höheren Anzahl relevanter Krebsvorstufen führt im Vergleich zu Standardkoloskopien, die von erfahrenen Untersuchenden durchgeführt werden. Trotz der Integrationsversuche der KI-Technologie lassen die hohen Qualitätsstandards der Untersuchungen wenig Raum für signifikante Verbesserungen. Dies deutet darauf hin, dass der Einsatz von KI-Systemen nicht automatisch bessere Ergebnisse liefert.
Die Ergebnisse weisen auch darauf hin, dass der Nutzen neuer Technologien stark vom klinischen Umfeld, der Erfahrung der Untersuchenden und der Ausgangsqualität der Untersuchung abhängt. Sorgfältige und erfahrene Darmspiegelungen bleiben das entscheidende Element in der Krebsprävention, insbesondere für Menschen mit Lynch-Syndrom. Zukünftige Studien sollen untersuchen, in welchen Bereichen und unter welchen Bedingungen KI-Systeme tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen bieten können.
Künftige Forschungsmöglichkeiten und Herausforderungen
Die CADLY2-Studie ist Teil einer größeren europäischen Forschungsoffensive zur Verbesserung der Darmkrebsvorsorge. Ein verwandtes Projekt, das CADEYE-System von Fujifilm, zeigt in einer monozentrischen Pilotstudie zwar eine Verbesserung der Adenomdetektionsrate im Vergleich zur Weisslichtendoskopie, allerdings waren die Ergebnisse aufgrund der kleinen Fallzahl nicht signifikant. Aktuell ist eine multizentrische europäische Studie in Planung, an der sechs Zentren in Deutschland sowie je ein Zentrum in Spanien und den Niederlanden beteiligt sind.
Bislang sind 170 von 764 geplanten Patienten in die Studie eingeschlossen, die randomisiert in einen Weisslicht-Studienarm oder in einen CADEYE-Studienarm eingeteilt werden. Der primäre Endpunkt dieser Studie bleibt die Adenomdetektionsrate. Weitere Informationen zur CADLY2-Studie sind unter DGVS verfügbar. Ansprechpartner für Interessierte ist Dr. med. Robert Hüneburg von der gastroenterologischen Ambulanz des Nationalen Zentrums für erbliche Tumorsyndrome.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die CADLY2-Studie einen wichtigen Beitrag zur realistischen Einschätzung des Einsatzes von KI in der Hochrisikovorsorge leistet. Die Bedeutung spezialisierter Zentren und strukturierter Vorsorgeprogramme für Menschen mit Lynch-Syndrom ist durch die Ergebnisse deutlich unterstrichen worden.
