Koreanische Sprachlandschaften in NRW: Mit Smartphone und ArcGIS durch acht Städte
Am 24. September 2026 wurde in der Zentralbibliothek im Stadtfenster am Konrad-Adenauer-Platz 1 in Düsseldorf ein Forschungsprojekt vorgestellt, das koreanische Spuren mitten im nordrhein-westfälischen Alltag sichtbar macht. Rund 50 Gäste aus Wissenschaft, lokaler Öffentlichkeit und internationaler Studierendenschaft kamen zur Präsentation der Ergebnisse.
Das Projekt „Erfassung koreanischer Sprachlandschaften in Nordrhein-Westfalen und Entwicklung eines forschungsbasierten Modells für den Koreanischunterricht“ entstand an der Ruhr-Universität Bochum unter der Leitung von Dr. Jaewon Nielbock-Yoon. Gefördert wurde es von The Academy of Korean Studies unter dem Förderkennzeichen AKS-2026-E-018. Veranstalter war die Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit dem Generalkonsulat der Republik Korea in Bonn.
Mit dem Smartphone durch acht Städte
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie koreanische Sprache und Kultur im öffentlichen Raum Nordrhein-Westfalens auftauchen – und welche sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung diese Zeichen haben. Studierende der Koreanistik waren an sämtlichen Forschungsphasen beteiligt: an der Konzeption, der Datenerhebung, der Analyse und schließlich auch an der Präsentation.
In acht Städten, darunter Düsseldorf, Köln und Essen, fotografierten und erfassten sie mit einer Smartphone-App Schilder, Plakate und Produkte. Anschließend wurden die Daten mit Digital-Humanities-Werkzeugen ausgewertet. Eine zentrale Rolle spielte das Geoinformationssystem ArcGIS: Die Fundstücke landeten auf einer digitalen Karte, ergänzt durch visuelle Materialien und Interviews. Ein bisschen Detektivarbeit, nur eben mit Smartphone und Karte statt Lupe.
Im ersten Präsentationsteil zeigten Sarah und Jeki die Gesamtkarte Nordrhein-Westfalens, zentrale Datenmuster und Unterschiede zwischen den Städten. Sichtbar wurde auch, dass koreanische Sprache in verschiedenen Branchen unterschiedlich stark vertreten ist. Enise und Inge rückten danach unterschiedliche Formen koreanischer Präsenz nach Generation und Region in den Blick.
In Essen verweisen Erinnerungsorte auf die Geschichte koreanischer Bergarbeiter und Krankenschwestern, die in den 1960er- und 1970er-Jahren nach Deutschland kamen. Jüngere Generationen nutzen dagegen aktuelle Räume der K-Kultur. Koreanische Präsenz ist also nicht nur Erinnerung, sondern steht ebenso für Gegenwart, Popkultur und neue Treffpunkte.
Vom Supermarkt bis zum Schild „BBLO (Brot)“
Im dritten Teil stellten Sarah und Jeki die „Produktlandschaft“ vor. Koreanische Produkte, Markennamen und Schriftzeichen finden sich längst nicht mehr ausschließlich in koreanischen Supermärkten. Sie tauchen zunehmend in allgemeinen deutschen Geschäften und in Beauty-Abteilungen auf. Untersucht wurde, wie Koreanisch im Marketing eingesetzt wird und wie die Schrift die Wahrnehmung von Produkten beeinflusst.
Sarah erklärte das am Beispiel des Schildes „BBLO (Brot)“. Koreanische Schrift kann heute auch von Franchiseunternehmen als Marketingmittel verwendet werden. Ein koreanisches Schriftzeichen auf einem Schild bedeutet deshalb nicht automatisch, dass das Geschäft von Koreanerinnen oder Koreanern geführt wird. Gerade diese Verschiebung dessen, was als „koreanisch“ gelesen wird, interessierte auch die Studentin Inge. Sie regte an, digitale Karten in der Forschung noch stärker zu nutzen.
Alex präsentierte im vierten Teil unter dem Titel „Korea lesen“ Ergebnisse zu unterschiedlichen Wahrnehmungen koreanischer Sprache im öffentlichen Raum. Grundlage waren Umfragen, Videointerviews und weitere qualitative Daten. Verglichen wurde, wie Koreanischsprachige, Koreanischlernende und deutschsprachige Personen ohne Koreanischkenntnisse koreanische Schilder wahrnehmen, lesen und interpretieren.
Eine Besucherin namens Viktoria fand die Methodik auch für Nichtfachleute nachvollziehbar. Besonders spannend war für sie der Vergleich der Schriften, mit denen koreanische Geschäfte lokale Kundschaft ansprechen. Professor Kevin Tang von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hob die aktive Beteiligung der Studierenden und die digitale Karte mit ihren visuellen Materialien und Interviews hervor. Ihm sei vorher nicht bewusst gewesen, wie stark koreanische Sprachlandschaften bereits im deutschen Alltag verankert seien. Er hoffe auf eine spätere wissenschaftliche Publikation.
Für Besucherinnen und Besucher gab es außerdem eine praktische Möglichkeit, selbst mit der Sprache in Kontakt zu kommen: Sie konnten ihren eigenen Namen auf Koreanisch schreiben. Die Veranstaltung zeigte Beispiele aus Düsseldorf und aus weiteren Städten in NRW und machte Sprache und Kultur anschaulich, ohne sie auf Hörsaal oder Lehrbuch zu beschränken.
Arbeitsmigration, Gemeinden und neue Generationen
Dass koreanische Zeichen heute in Geschäften, auf Produkten und in Beauty-Abteilungen auftauchen, hat eine längere Vorgeschichte. Bereits Ende der 1950er Jahre lebten südkoreanische Studenten, Krankenschwestern und Industriepraktikanten in der Bundesrepublik. Ein größerer Zuzug begann in den 1960er Jahren durch die Anwerbung südkoreanischer Krankenschwestern und Bergarbeiter. Neben wirtschaftlichen Interessen ging es auch um die politische Unterstützung Südkoreas als geteiltem, antikommunistischem Staat.
Am 16. Dezember 1963 kam die erste Gruppe südkoreanischer Bergleute im Rahmen des deutsch-südkoreanischen Anwerbeabkommens nach Deutschland. Die südkoreanische Regierung finanzierte weitgehend die Reisekosten, deutsche Unternehmen übernahmen Löhne und Sprachunterricht. Mehr als 60 Prozent der angeworbenen Arbeiter hatten Abitur oder einen tertiären Bildungsabschluss. 1966 kamen zahlreiche südkoreanische Krankenschwestern nach Deutschland. Südkoreaner gehörten damit zu den wenigen nichteuropäischen Gruppen, die Westdeutschland damals als Arbeitskräfte anwarb.
Viele wollten zunächst nur für begrenzte Zeit bleiben. Etwa die Hälfte der angeworbenen Südkoreaner blieb letztlich in Deutschland; einige wanderten später, begünstigt durch das US-Einwanderungs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1965, in die USA weiter. In den 1970er Jahren forderten die dauerhaft hier lebenden Arbeiterinnen und Arbeiter ein unbefristetes Aufenthaltsrecht und verwiesen auf ihren Beitrag zur deutschen Wirtschaft und zum Gesundheitswesen. Die Bundesregierung verzichtete schließlich auf die Ausweisung von Personen mit ausgelaufenen Arbeitsverträgen und gewährte ihnen ein unbefristetes Aufenthaltsrecht.
Es entstanden koreanische Kirchengemeinden und Schulen. Viele Koreaner sprechen neben Koreanisch auch Deutsch; häufige Religionszugehörigkeiten sind Christentum und Buddhismus. Einige der in Deutschland niedergelassenen Südkoreaner kehrten nach ihrer Pensionierung nach Südkorea zurück, teilweise gemeinsam mit deutschen Ehepartnern. Daraus entstand unter anderem das deutsche Dorf Dogil Maeul im Landkreis Namhae-gun in der südkoreanischen Provinz Gyeongsangnam-do.
Eine wachsende, vielfältige Bevölkerung
Die koreanische Bevölkerung in Deutschland besteht aus eingebürgerten Menschen koreanischer Herkunft sowie aus Personen mit koreanischer Staatsangehörigkeit und deutschem Aufenthaltsrecht. Zum 31. Dezember 2018 lebten 36.230 südkoreanische Staatsangehörige in Deutschland, 58,2 Prozent davon waren Frauen. Zwischen 2011 und 2018 stieg ihre Zahl jährlich um 4,6 bis 6,8 Prozent.
Nach südkoreanischen Angaben lebten 2013 insgesamt 33.774 koreanische Staatsangehörige in Deutschland. Damit war Deutschland weltweit das Land mit der 14.-größten koreanischen Bevölkerungsgruppe und nach Großbritannien die zweitgrößte in Westeuropa. Schwerpunkte liegen im Rhein-Main-Gebiet und in Nordrhein-Westfalen. Die größte Gemeinschaft gab es 2013 in der Rhein-Main-Region mit etwa 5.300 koreanischen Einwohnern, unter anderem wegen der dort ansässigen Zentralen südkoreanischer Unternehmen wie Kia, Hyundai, Samsung, LG, SK und Daewoo.
Zum 30. Juni 2017 gab es 4.887 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit südkoreanischer Staatsangehörigkeit in Deutschland, 1.745 davon arbeiteten in Hessen. Dazu kamen 1.162 geringfügig Beschäftigte koreanischer Staatsangehörigkeit. Im Jahr 2016 erhielten 219 Südkoreaner eine EU-Blaue Karte; insgesamt wurden in Deutschland 17.630 Blaue Karten bewilligt. Im Wintersemester 2015/2016 studierten 6.087 südkoreanische Staatsangehörige an deutschen Hochschulen. Mehr als 70 Prozent der zweiten Generation koreanischer Nachkommen in Deutschland verfügten mindestens über das Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss.
Seit 1995 erscheint die koreanischsprachige Wochenzeitung Kyopo Shinmun für in Deutschland lebende Koreanerinnen und Koreaner; sie enthält auch einige deutschsprachige Beiträge. In der Öffentlichkeit stehen daneben zahlreiche deutsch-koreanische beziehungsweise in Deutschland tätige Persönlichkeiten aus Sport, Musik, Film, Literatur, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.
