Künstliche Realität: So geht Furcht im Labor unter die Haut!
Prof. Dr. Sebastian Ocklenburg von der ICAN und seine Kollegen von der Ruhr-Universität Bochum sowie des Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour in den Niederlanden haben eine wegweisende Studie zur Regulation von Furcht veröffentlicht. Diese Arbeit erschien in der renommierten Fachzeitschrift Hormones and Behavior und bietet neue Einblicke in die emotionalen Prozesse, die mit Angst und Furcht verbunden sind. Wie Medical School Hamburg berichtet, bestand die innovative Herangehensweise der Forscher darin, Virtual Reality (VR) sowie mobile neurophysiologische Messverfahren zu nutzen.
Die Teilnehmenden der Studie setzten sich einer VR-Simulation aus, in der sie über ein schmales Holzbrett gehen mussten, das 80 Stockwerke über dem Boden schwebte. Diese realistische Umgebung ermöglichte es, subjektive Furchtreaktionen, biologische Stressmarker im Speichel und Hirnaktivität mithilfe mobiler EEGs zu erfassen. Die Ergebnisse der Studie waren beeindruckend: Die virtuelle Situation löste signifikante Angstreaktionen in beiden Testgruppen aus. Sowohl die subjektiv empfundene Angst als auch der biologische Marker Alpha Amylase stiegen deutlich an. Auffällig war jedoch, dass ein Anstieg des Stresshormons Cortisol nicht festgestellt werden konnte, was nahelegt, dass Angst nicht zwingend eine hormonelle Stressreaktion auslöst.
Furcht und Angst in der Forschung
Die Arbeit von Ocklenburg ist Teil eines größeren Forschungsprojekts, das die Unterschiede zwischen Angst und Furcht untersucht und von einer Stiftung gefördert wird. Ziel dieses Projekts ist es, biologische Erkenntnisse über Angst und Furcht zu gewinnen und therapeutische Maßnahmen für Angststörungen, Panikattacken und Phobien abzuleiten. Der Projektleiter Prof. Dr. Martin Reuter vom Institut für Psychologie der Universität Bonn betont, dass Angst und Furcht oft synonym verwendet werden, obwohl sie unterschiedliche Reaktionen auf negative Reize darstellen. Während Furcht zu Flucht-, Verteidigung- oder Totstellreflexen führt, kann Angst medikamentös beeinflusst werden, was die beiden emotionalen Reaktionen fundamental unterscheidet.
Wissenschaftler der Universität Bonn und der Technischen Hochschule Köln haben in realistisch wirkenden VR-Szenarien getestet, wie Probanden auf furchtassoziierte Bedingungen reagieren. Solche Szenarien, darunter ein bedrohliches unterirdisches Labor mit vermummten Wissenschaftlern und Überwachungsdrohnen, stimulieren insbesondere die Angst und führen zu spezifischen Verhaltensweisen wie Kämpfen oder Fliehen. Die Herausforderung besteht darin, individuelle Unterschiede in den Reaktionen auf Angst und Furcht präzise zu definieren und zu messen. Anhand von Reaktionsdauer und der gewählten Handlung der Testpersonen werden die Ergebnisse erhoben und später mit genetischen Markern und Persönlichkeitsdaten der Probanden abgeglichen.
Ziel und Ausblick
Das Projekt läuft über drei Jahre und hat das Ziel, die Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen bei Angst und Furcht zu validieren sowie die Vorhersagbarkeit des Verhaltens zu untersuchen. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für die akademische Forschungslandschaft von Bedeutung, sondern könnten auch direkte Anwendungen in der Behandlung von Angststörungen, Panikattacken und Phobien finden. Die Nutzung der virtuellen Realität eröffnet zudem neue Möglichkeiten für therapeutische Expositionstherapien und für das Testing angstmindernder Medikamente, wodurch das gesamte Spektrum der Furcht- und Angstforschung vorangetrieben wird, wie auf der Webseite der Daimler-Benz Stiftung nachzulesen ist.
