In Leipzig bekommt eine alte Sprache eine neue Form: Forschende der Universität Leipzig haben die Grammatik und den Satzbau des Demotischen erstmals als Baumdiagramm visualisiert. Aus Wörtern werden dabei Wurzeln, Äste, Zweige und Blätter – ein Bild, das zunächst fast verspielt wirkt, aber ziemlich präzise zeigt, wie die Teile eines Satzes zusammenhängen.

Im Zentrum steht der Stein von Rosette, eine beschriftete Steinplatte aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Derselbe Text steht darauf in drei Formen: in Hieroglyphen, in demotischer Schrift und auf Altgriechisch. Seine Wiederentdeckung im Jahr 1799 lieferte über den griechischen Text einen entscheidenden Ansatz zur Entzifferung der Hieroglyphen. Heute liegt der Stein im British Museum in London.

Wenn Sprache zum Satzbaum wird

Das Leipziger Forschungsteam besteht aus der Historikerin PD Dr. Monica Berti, der Ägyptologin Prof. Dr. Franziska Naether und Josephine Hensel vom Ägyptischen Museum Georg Steindorff der Universität Leipzig. Für ihre Analyse ordneten sie Wörter mit spezieller Software Wortarten und grammatischen Funktionen zu. Daraus erzeugte das Programm digitale Baumdiagramme, sogenannte Satzbäume, die Wortbeziehungen und den Aufbau eines Satzes sichtbar machen.

Die Methode heißt „Treebanking“. Sie wird in der Sprachwissenschaft verwendet, um sprachliche Strukturen systematisch zu erfassen und für Computer analysierbar zu machen. Auf das Demotische zu übertragen, war allerdings nicht einfach. „Das Altägyptische lässt sich nicht immer problemlos mit den üblichen Wortarten und Satzgliedern so darstellen, dass Menschen und Maschinen es verstehen“, erklärt Franziska Naether. Gängige sprachwissenschaftliche Kategorien passen also nicht immer sauber auf diese antike Sprache.

Demotisch ist eine Sprachform des Altägyptischen, die etwa ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten gesprochen und verwendet wurde. Sie diente damals als Alltagsschrift und ist deshalb weniger erforscht als das Altgriechische. Gerade weil antike Sprachen nur in begrenztem Umfang überliefert sind, müssen ihre Strukturen aus den erhaltenen Texten rekonstruiert werden. Jeder aufbereitete Text hilft da ein Stück weiter.

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Vom Rosetta-Stein zur digitalen Forschung

Jean-François Champollion entzifferte 1822 anhand des Steins von Rosette und weiterer Quellen die demotische und hieratische Schrift sowie die Hieroglyphen auf dem Stein. Nun wird ein Teil dieser sprachlichen Welt digital lesbar. Das Leipziger Modell soll künftig durch die Eingabe weiterer Texte erweitert werden.

Die digitalen Satzbäume können Lernenden Grammatik und Satzbau des Demotischen veranschaulichen, das Lehren und Lernen erleichtern und grammatische Zusammenhänge sichtbar machen. Auch Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler sollen damit arbeiten können. Die systematische Aufbereitung ermöglicht sprachwissenschaftliche Analysen und macht Demotisch für Maschinen lesbar.

Das öffnet eine Tür zu weiteren Anwendungen: Künstliche Intelligenzen könnten künftig mit den Daten trainiert werden, um bisher unübersetzte Texte automatisch zu analysieren. Noch ist das Zukunftsmusik, aber die Grundlage liegt nun digital vor. Zwei Fachaufsätze sollen das Modell in Kürze ausführlich vorstellen. Die Ergebnisse selbst wurden bereits online veröffentlicht.

Ein Projekt endet, die Vermittlung geht weiter

Seit 2017 beschäftigte sich das „Digital Rosetta Stone Project“ mit der digitalen Darstellung und Analyse des Steins von Rosette. Die Arbeit dauerte fast zehn Jahre. Mit der Veröffentlichung des Treebankings gilt das Projekt als abgeschlossen.

Ganz Schluss ist trotzdem nicht. Über das Projektende hinaus sind Vermittlungsangebote geplant. Im Rahmen des Projekts entstand außerdem die digitale Ausstellung „Aller guten Dinge sind drei“ zur Geschichte, Bedeutung und digitalen Erforschung des Steins von Rosette. Eine Ausstellung zum Thema läuft derzeit auch in Groitzsch.

Von der dreifachen Inschrift auf einer Steinplatte bis zu digitalen Satzbäumen ist es ein weiter Weg – und irgendwie genau der Weg, auf dem alte Texte wieder beweglich werden: nicht mehr nur als Zeichenfolge im Museum, sondern als Struktur, die Menschen untersuchen und Maschinen verarbeiten können.