Lumumbastraße 4: 75 Jahre internationale Studienvorbereitung in Leipzig gehen zu Ende
Die Lumumbastraße 4 in Leipzig war über Jahrzehnte eine zentrale Anlaufstelle für internationale Studierende der Universität Leipzig. Seit mehr als 70 Jahren lernen dort Menschen aus aller Welt Deutsch, büffeln für Aufnahmeprüfungen und bereiten sich fachlich, methodisch und transkulturell auf ein Studium in Deutschland vor. Nun steht der Abschied bevor.
Am 10. Oktober 2026 laden das Studienkolleg Sachsen, das Herder-Institut und interDaF e. V. ab 14 Uhr zum Begegnungstreffen in die Lumumbastraße 4 ein. Der Eintritt ist frei. Medienvertreter können sich unter offenes-haus-lumumbastrasse@uni-leipzig.de anmelden.
Ein Nachmittag zwischen Bildern, Erinnerungen und Zukunftsfragen
Zum Programm gehören zwei Ausstellungen: Zu sehen sind Zeichnungen und Fotografien von Mahmoud Dabdoub, Porträts ehemaliger Studierender sowie Eindrücke aus der Lumumbastraße aus den 1980er Jahren. Dabdoub wurde im Libanon geboren und bereitete sich 1981/82 am damaligen Herder-Institut auf ein Fotografie-Studium in Leipzig vor. Heute arbeitet er als freiberuflicher palästinensisch-deutscher Fotograf.
Um 15:30 Uhr liest der syrisch-deutsche Schriftsteller und Übersetzer Adel Karasholi unter dem Titel „Daheim in der Fremde“ aus seinem Werk. Karasholi stammt aus Damaskus, floh 1961 in die DDR und studierte am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ sowie an der Theaterhochschule Leipzig. Er gehört zu den ersten Absolventen der Lumumbastraße.
Vorher spricht Prof. Dr. Marion Grein von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz über „Sprachlehrkräfte der Zukunft. Kompetenzen neu denken“. Um 17:30 Uhr folgt Prof. Dr. Marina Foschi, Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Pisa, mit ihrem Vortrag „Rückblick mit Blick auf die Zukunft“.
In einer anschließenden Podiumsdiskussion geht es um Potenziale und Herausforderungen des Faches Deutsch als Fremdsprache – im Zusammenhang mit Internationalisierung sowie politischen und technischen Entwicklungen. Weitere Programmpunkte behandeln aktuelle Forschungs- und Lehrprojekte, historisches Filmmaterial und Erfahrungsberichte. Ein Nachmittag also, der zwischen alten Bildern, ziemlich großen Fragen und ganz praktischen Erfahrungen pendelt.
Das Treffen erinnert außerdem an den früheren Leiter des Studienkollegs, Dr. Andreas Michael, der im September 2026 starb. Michael leitete das Studienkolleg Sachsen von seiner Gründung 1991 bis 2022.
Neue Räume in der Grassistraße
Im Frühjahr 2027 zieht das Studienkolleg Sachsen in ein vollständig saniertes Gebäude in der Grassistraße 12. Die neuen Räume bieten zeitgemäße Infrastruktur, insbesondere für digital gestütztes und kompetenzorientiertes Lehren und Lernen. Außerdem liegt das Gebäude in der Nähe zentraler Universitätseinrichtungen. Die Einweihung ist für den Frühsommer 2027 geplant.
Nach dem Herder-Institut ziehen Anfang 2027 auch das Studienkolleg Sachsen und interDaF endgültig um. Damit endet die universitäre Nutzung des zwischen 1952 und 1954 errichteten Gebäudes in der Lumumbastraße 4. Für viele, die dort gelernt, unterrichtet oder Freundschaften geschlossen haben, ist das kein bloßer Adresswechsel.
Seit der Gründung des Studienkollegs Sachsen 1991 haben dort mehr als 25.000 Menschen aus anderen Ländern gelernt. Hinzu kommen Teilnehmende an Sommer- und Fortbildungskursen für internationale Deutschlehrende bei interDaF sowie internationale Studierende des Herder-Instituts. Viele ehemalige Studierende arbeiten laut Universität als Verbindungen zwischen Deutschland, ihren Herkunftsregionen und anderen Ländern.
75 Jahre Studienvorbereitung in Leipzig
Die Universität Leipzig blickt auf mehr als sechs Jahrzehnte Erfahrung in der Studienvorbereitung und -begleitung internationaler Studierender zurück. Insgesamt besteht die Vorbereitung internationaler Studierender auf ein deutschsprachiges Fachstudium an der Universität seit 75 Jahren.
Der Anfang reicht bis 1951 zurück: Damals begann in den Räumen des heutigen Herder-Instituts Deutschunterricht für 11 Studienbewerber aus Nigeria. 1956 wurde an der damaligen Karl-Marx-Universität Leipzig das Institut für Ausländerstudium gegründet. Es war direkt dem Rektor unterstellt; ausländische Studierende wurden meist in einjährigen Sprachkursen auf ein Fachstudium in der DDR vorbereitet.
Vor 70 Jahren entstand also das Institut für Ausländerstudium, vor 65 Jahren, 1961, wurde es in Herder-Institut umbenannt. 1964 startete die Zeitschrift „Deutsch als Fremdsprache“, die national und international zu den renommiertesten DaF-Zeitschriften zählt und bis heute vom Herder-Institut herausgegeben wird: Deutsch als Fremdsprache. Zeitschrift zur Theorie und Praxis des Faches Deutsch als Fremdsprache.
1968 übernahm Gerhard Helbig am Herder-Institut den ersten Lehrstuhl für Deutsch als Fremdsprache im gesamten deutschsprachigen Raum. Zugleich war es der weltweit erste Lehrstuhl dieses Fachs; erster Inhaber war Prof. Dr. Gerhard Helbig.
Das Herder-Institut der DDR verband Forschung, akademische Lehre und Sprachdidaktik. Seine Aufgaben ähnelten dabei denen des Goethe-Instituts und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in der Bundesrepublik. Es führte Sprachkurse für ausländische Studierende durch und entsandte im Auftrag der jeweiligen staatlichen Kulturpolitik DaF-Dozenten und -Lektoren an ausländische Hochschulen sowie an deutsche Kulturzentren im Ausland, vor allem nach Osteuropa.
Zwischen 1951 und 1989 wurden am Herder-Institut rund 22.000 ausländische Studierende, Aspiranten und Postgraduierte ausgebildet. Viele waren Delegierte kommunistischer Parteien oder Regierungsstudenten in der DDR. Von 1966 bis 1986 nahmen etwa 3.500 ausländische Deutschlehrer und Germanisten an 51 Sommerkursen und ähnlichen Weiterbildungsveranstaltungen teil.
Von 1962 bis 1993 bestand außerdem in Radebeul die Abteilung Radebeul. Sie war eine „Zentrale Schule für ausländische Bürger zur sprachlichen Vorbereitung auf die produktionstechnische Ausbildung“.
Aus einem Institut werden drei Einrichtungen
Nach der Wiedervereinigung begann 1991 die Umstrukturierung der Hochschulen in den neuen Bundesländern. Aus dem bisherigen Herder-Institut wurden das Studienkolleg Sachsen und der Verein interDaF e. V. ausgegliedert; zugleich wurde das Studienkolleg Sachsen gegründet. Es bereitet ausländische Studierende sprachlich auf ein Studium in verschiedenen Fachrichtungen vor.
1992 entstand interDaF e. V. am Herder-Institut der Universität Leipzig. Der eigenständige Verein bietet voruniversitäre und universitäre Weiterbildungen an. Im selben Jahr wurde der Magisterstudiengang „Deutsch als Fremdsprache“ im Zuge der Neuorganisation der sächsischen Hochschulen nach der Wiedervereinigung umgestellt. Die Schwerpunkte hießen Linguistik/Angewandte Linguistik, Landeskunde/Kulturstudien/Literaturwissenschaften, Didaktik/Methodik sowie Phonetik/Phonologie.
1993 wurde das verbliebene, personell verkleinerte Institut in die Philologische Fakultät der Universität Leipzig eingegliedert. Die gleichnamige Nachfolgeorganisation wurde am 2. Dezember 1993 neu gegründet und widmet sich seitdem der Forschung und Lehre von Deutsch als Fremdsprache. Heute werden Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge angeboten; das Herder-Institut zählt zu den bedeutenden Lehr- und Forschungseinrichtungen für Deutsch als Fremdsprache im deutschsprachigen Raum.
Die Einschnitte waren allerdings heftig: Aus finanziellen Gründen wurde das Institut zwischen 1990 und 1993 umstrukturiert, mehr als 90 Prozent der etwa 330 Beschäftigten verloren ihre Stelle. Aus dem Institut gingen drei eigenständige Einrichtungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten hervor. Das Studienkolleg Sachsen, interDaF e. V. und das heutige Herder-Institut wurden nach der Wiedervereinigung neu gegründet beziehungsweise neu geordnet.
Das Herder-Institut war bis 1993 eine Vorstudienanstalt für ausländische Studierende und eine Einrichtung zur Förderung deutscher Sprachkenntnisse im Ausland an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Seit der Eingliederung in die Philologische Fakultät dient es der Forschung und Lehre im Fach Deutsch als Fremdsprache. 1995 legten dort die ersten Studierenden erfolgreich die Abschlussprüfung im Magisterfach Deutsch als Frem
