Mario Voigt zieht Klage gegen Doktorgradentzug der TU Chemnitz zurück
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) hat am Mittwochmorgen seine Klage gegen den Entzug seines Doktorgrads beim Verwaltungsgericht Chemnitz zurückgenommen. Die Ankündigung kam kurz vor einer Sondersitzung des Thüringer Landtags. Die TU Chemnitz hatte ihm den Titel im Januar 2026 wegen Plagiats aberkannt.
Voigt betont, der Rückzug sei kein Schuldeingeständnis. Seine Anwälte hätten ihm zur Fortführung des Verfahrens geraten. Er selbst wolle jedoch den hohen Zeit- und Energieaufwand eines möglicherweise jahrelangen Rechtsstreits vermeiden. Wegen der veränderten Mehrheitsverhältnisse im Landtag, vor allem nach dem Zerfall des Thüringer BSW, müsse er sich auf die Regierungsarbeit konzentrieren. Bei seiner Erklärung standen die CDU-Abgeordneten geschlossen hinter ihm.
Ein akademischer Weg mit politischem Risiko
Voigt wuchs im 120 Einwohner zählenden Dorf Zimmritz bei Jena in einfachen Verhältnissen auf und verweist häufig auf seine Verbundenheit mit dem Dorfleben. Gleichzeitig verlief sein Weg akademisch: Nach dem Abitur in Jena studierte er ab 1997 Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Neuere Geschichte. Ab 2003 arbeitete er an seiner Promotion und untersuchte dafür unter anderem Wahlkämpfe in den USA. Seine Doktorarbeit schloss er 2009 bei Eckhard Jesse an der TU Chemnitz ab.
Die Dissertation von 2008 behandelt den US-Präsidentschaftswahlkampf. Seit 2017 ist Voigt Professor für Digitale Transformation und Politik an der Quadriga Hochschule Berlin, derzeit ist er wegen seines Amts als Ministerpräsident beurlaubt. Außerdem arbeitete er als CDU-Strategieberater für Wahlkämpfe, unter anderem für Angela Merkel vor der Bundestagswahl 2017.
Im Landtagswahlkampf 2024 wurden Vorwürfe bekannt, Voigt habe in seiner Arbeit unsauber gearbeitet. Der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber übermittelte der TU Chemnitz im August 2024 erste Prüfergebnisse; bereits 2024 hatte er Plagiatsvorwürfe gegen Voigt erhoben. Die Thüringer AfD-Landtagsfraktion ließ die Arbeit nun erneut durch Weber untersuchen, beauftragte und bezahlte ihn dafür. Das Universitätsgutachten wurde nicht veröffentlicht.
Nach fast eineinhalb Jahren Prüfung entzog die Universität Voigt den Doktortitel einstimmig. Die Entscheidung war zunächst noch nicht endgültig: Voigt legte Widerspruch ein, sein Anwalt arbeitete an der Begründung, und bei einer Zurückweisung hätte Voigt vor dem Verwaltungsgericht klagen können. Eine abschließende Klärung hätte Monate dauern können. Verwaltungsgerichtliche Klagen gegen Aberkennungen haben laut dem Bericht allerdings selten Erfolg.
125 neue Fundstellen und der Verdacht einer „Wissenschaftssimulation“
Webers Team meldet 125 weitere Plagiatsstellen. Damit steigt die Gesamtzahl der beanstandeten Textfragmente auf 265. Das Gutachten listet die Fundstellen einzeln auf und stellt Voigts Text den jeweiligen Originalquellen gegenüber. Besonders häufig seien Übersetzungsplagiate aus dem Englischen festgestellt worden. In neun Fällen seien Quellen vollständig verschwiegen worden. Bei einigen Passagen handle es sich laut Artikel zwar auch um Allgemeinwissen; dennoch liege der Verdacht einer Übernahme ohne Quellenangabe nahe.
Zusätzlich geht das Gutachten dem Verdacht einer „Empirie-Verfälschung“ nach. An 42 Stellen behaupte Voigt, Informationen aus eigenen Experteninterviews gewonnen zu haben. Die Inhalte stünden jedoch nahezu wortgleich in Büchern, die als Quellen hätten angegeben werden müssen. Weber vermutet, Voigt könnte die Interviews tatsächlich geführt und ihre Inhalte später mit fremden Texten ergänzt haben.
Mindestens 100 Bücher und Artikel sind im Literaturverzeichnis aufgeführt, werden im Text aber nirgends zitiert. Weber wertet das als mögliches künstliches Aufblähen des Literaturverzeichnisses. Dadurch bleibe unklar, welche Ideen oder Daten aus den genannten Werken übernommen wurden und ob Voigt sie überhaupt gelesen hat.
An mehr als 60 Stellen soll Voigt laut Gutachten identische Zitierfehler aus anderen Büchern übernommen haben, darunter falsch geschriebene Namen und falsche Jahreszahlen. Ein zufälliges Auftreten solcher Übereinstimmungen sei äußerst unwahrscheinlich, erklärt Weber. Daraus schließt er, Voigt habe Originalquellen häufig nicht selbst gelesen, sondern Inhalte aus anderen Autoren übernommen, ohne dies kenntlich zu machen.
Webers Auftragsgutachten spricht von einer „groß angelegten Wissenschaftssimulation“ und vergleicht die festgestellte Vorgehensweise mit dem Plagiatsfall des früheren Bundesministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Weber erklärte, die Untersuchung könne wegen weiterer Verdachtsfälle fortgesetzt werden. Einen konkreten weiteren Auftrag gebe es derzeit jedoch weder von der AfD noch von anderer Seite.
Die AfD erklärte, mit dem neuen Gutachten die „charakterlichen Züge“ des Ministerpräsidenten beleuchten zu wollen. Die CDU bezeichnete das Vorgehen während eines laufenden Rechtsverfahrens als „Schmutzkampagne“. Angestoßen worden war die Begutachtung offenbar durch den Plagiatsjäger Weber; politisch aufgegriffen hatte das Thema die AfD. Über den Titelentzug entschied aber der Erweiterte Fakultätsrat der TU Chemnitz, nicht die AfD.
Warum Voigt die Klage fallen ließ
Innerhalb der Thüringer CDU wuchs der Zweifel, ob der Rechtsstreit politisch noch sinnvoll war. In der Partei galt das Verfahren zunehmend als Risiko für die Landtagswahl 2029: Eine gerichtliche Niederlage hätte damals womöglich einen kurzfristigen Austausch des Spitzenkandidaten erzwungen. Der freiwillige Verzicht soll den politischen Schaden begrenzen und das Thema beenden.
Als Vergleich wird Franziska Giffey genannt. Sie trat zurück und verzichtete auf ihren Doktortitel, wurde später aber Regierende Bürgermeisterin von Berlin. Für Voigt geht es jetzt erst einmal um Mehrheiten, Haushaltsfragen und eine Regierung, deren Spielraum kleiner geworden ist. Die veränderten Kräfteverhältnisse hängen insbesondere mit dem Zerfall des Thüringer BSW zusammen.
Die Thüringer AfD unter Björn Höcke nutzt die Aberkennung des Doktorgrads, um Voigts Glaubwürdigkeit anzugreifen. Im Februar und August hatte die AfD bereits zwei Misstrauensvoten gegen ihn angestrengt – beide blieben erfolglos.
Die Sondersitzung und der Streit um Neuwahlen
In der anschließenden Sondersitzung beantragte die AfD die Auflösung des Landtags und damit eine Neuwahl. Höcke begründete den Antrag unter anderem damit, dass die Fraktion „Thüringen.Gerecht“ nach der Trennung vom BSW der Brombeer-Koalition beigetreten sei, ohne von den Bürgern gewählt worden zu sein. Die Minderheitsregierung sei von einer „tiefroten Gesinnung“ geprägt und wegen ihrer stärkeren Abhängigkeit von der Linken besonders problematisch.
CDU-Fraktionschef Andreas Bühl entgegnete, dass Höckes Parteifreund in Sachsen-Anhalt selbst eine Minderheitsregierung anstrebe. Außerdem spiele in der AfD inzwischen Ulrich Siegmund eine wichtigere Rolle als Höcke, sagte Bühl. Höckes Eile diene möglicherweise dazu, wieder öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten.
SPD-Fraktionschef Lutz Liebscher warf Höcke vor, das freie Mandat der Abgeordneten infrage zu stellen. Abgeordnete seien allen Bürgern verpflichtet, nicht ihrer Partei. Bei der Abstimmung über die Landtagsauflösung votierten 34 Abgeordnete dafür, 54 dagegen.
Für die Auflösung stimmten neben der AfD nur die fraktionslosen Abgeordneten Anke Wirsing und Sven Küntzel, die dem Wagenknecht-BSW treu geblieben sind. Wirsing erhielt für ihre Rede mehrfach starken Beifall aus den Reihen der AfD.
Der Fall berührt dabei nicht nur Parteitaktik und Hochschulrecht, sondern auch den ganz gewöhnlichen Alltag des wissenschaftlichen Schreibens. Mehrere Nutzer berichten, Grammarly während des Studiums, der Promotion und im Berufsleben verwendet zu haben – für Rechtschreibkorrekturen, bessere Formulierungen und Unterstützung beim Schreiben in Microsoft Word. Genannt werden Studienarbeiten und Kurse, Praktika, E-Mails und berufliche Texte.
Einige Nutzer empfehlen den Dienst weiteren Personen oder sogar ihrem gesamten Promotionsprogramm. Einer bedauert, Grammarly nicht schon in der Schule verwendet zu haben, und vermutet, dadurch eine bessere Abschlussnote hätte erreichen können. Mehrere Beiträge bezeichnen das Programm während ihrer Ausbildung als besonders hilfreich oder gar lebensrettend. Ein Schreibwerkzeug kann also Tippfehler finden und Sätze glätten. Die Frage, woher ein Gedanke stammt und welche Quelle man dafür nennen muss, bleibt trotzdem beim Menschen.
