In der Leipziger Universität liegen neue Zahlen zur medialen Sichtbarkeit Ostdeutschlands vor – und sie sind ein wenig sperrig. Gerade deshalb lohnt sich der zweite Blick. Medienwissenschaftler der Universität Leipzig haben 1000 aufeinanderfolgende Ausgaben der „Tagesschau“ um 20 Uhr untersucht, ausgestrahlt zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 27. September 2025.

Gemessen an der Einwohnerzahl kam Ostdeutschland darin deutlich häufiger vor als Westdeutschland. Zwar gab es für die westdeutschen Länder insgesamt doppelt so viele Nennungen wie für die fünf ostdeutschen Länder ohne Berlin. Pro eine Million Einwohner entfielen jedoch 37 Nennungen auf Ostdeutschland und 15 auf Westdeutschland. Sachsen wurde zudem deutlich häufiger genannt als das bevölkerungsmäßig vergleichbare Rheinland-Pfalz.

Ostdeutschland: sichtbar, aber oft im Krisenmodus

Die Leipziger Untersuchung wertete Sendungstranskripte aus. Fundstellen wurden Sinnabschnitten zugeordnet und nach Themenfeldern kategorisiert. Sport, Wetter, Katastrophen und Unglücke betrachteten die Forschenden gesondert, weil ihre regionale Zuordnung als zufällig gilt.

Das Ergebnis fällt beim Blick auf die Themen auffällig aus: In 24 Prozent der Sendungsabschnitte mit Ostdeutschland-Bezug ging es um Themen im Zusammenhang mit rechter Ideologie. Bei westdeutschen Ländern lag dieser Anteil bei fünf Prozent. Ein Viertel der Berichterstattung über Ostdeutschland behandelte Wahlen oder Wahlkampf, während es bei westdeutschen Ländern 13 Prozent waren.

Im Untersuchungszeitraum fanden Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg statt. Im Westen gab es ebenfalls vier Landtags- und Bürgerschaftswahlen. Die „Tagesschau“-Redaktion erklärte, ihre Themenauswahl richte sich nach journalistischer Relevanz und nicht nach geografischen Regionen. Über die Landtagswahlen habe die Sendung jeweils umfassend berichtet.

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Wirtschaft, Infrastruktur oder Arbeitsmarkt waren bei den westdeutschen Ländern in 19 Prozent der Berichte Thema, bei den ostdeutschen Ländern in neun Prozent. Der Begriff „ostdeutsch“ fiel 152-mal – häufiger als „westdeutsch“, „norddeutsch“ und „süddeutsch“ zusammen. Die Forschenden beschreiben den Westen deshalb als Normalfall und den Osten als ausdrücklich markierte Kategorie.

Die Karte nach der Bundestagswahl

Eine zweite Datenauswertung von Universität Leipzig und der Produktionsfirma Hoferichter & Jacobs kommt zu einem ähnlichen Befund für überregionale Zeitungen. Dafür wurden Millionen Beiträge aus den Jahren 1990 bis 2024 automatisiert ausgewertet. Untersucht wurde, welche Begriffe in Berichten über Ostdeutschland besonders häufig vorkamen.

Ostdeutschland erschien überdurchschnittlich oft als abgehängter und armer Landesteil, vor allem aber als rechte Hochburg. Begriffe aus dem Umfeld rechter Ideologien wie „Pegida“, „völkisch“, „Lügenpresse“ und „ausländerfeindlich“ kamen in Beiträgen über Ostdeutschland häufiger vor als im gesamtdeutschen Durchschnitt. In den 1990er Jahren waren Begriffe mit rechtem Bezug noch deutlich weniger überrepräsentiert; seit den 2000er Jahren nahm ihr Anteil stark zu.

Schon in den 2010er Jahren wurde die AfD in ihren Anfangsjahren als Ostpartei beschrieben, obwohl sie damals zwei Drittel ihrer Wählerstimmen in westdeutschen Bundesländern erhielt. Der Begriff „AfD“ wurde 13-mal häufiger in Artikeln erwähnt, die zugleich das Wort „ostdeutsch“ enthielten.

Nach der Bundestagswahl im Februar zeigte sich das Muster besonders anschaulich. Eine Deutschlandkarte färbte die Wahlkreise nach der jeweils stärksten Partei auf Basis der Zweitstimmen ein: Der Westen erschien überwiegend schwarz für die CDU, der Osten blau für die AfD. Der Leipziger Politikwissenschaftler Christopher Pollak erklärte, die Karte bilde zwar korrekte Fakten ab, zeige aber nicht die Stimmenanteile der übrigen Parteien. Eine Darstellung aller Parteien hätte ein differenzierteres Bild ergeben und die pauschale Aussage vom „blauen Osten“ erschwert. Als weiteres Beispiel wird die Berichterstattung nach der Bundestagswahl 2025 mit genau dieser Formel genannt.

Die Analyse bestätigt, dass Rechtsextremismus in Ostdeutschland stärker ausgeprägt ist als in Westdeutschland. Gleichzeitig werde Ostdeutschland in den Medien überdurchschnittlich häufig im Zusammenhang mit diesem Problem beschrieben. Andere Aspekte des ostdeutschen Lebens und Alltags würden deutlich seltener kontinuierlich behandelt als entsprechende Themen in süd-, nord- oder westdeutschen Regionen.

„Ossi-Wochen“ und das alte Bild vom Osten

Olaf Jacobs, einer der Autoren der Studie, warnt, fehlende kontinuierliche und differenzierte Berichterstattung könne bestehende Darstellungsmuster verstärken und verfestigen. Überregionale Medien berichten laut Datenauswertung besonders häufig rund um den 3. Oktober und ansonsten eher anlassbezogen. Vor Bundestagswahlen erhielt Ostdeutschland unterdurchschnittlich wenig Aufmerksamkeit, nach Wahlen dagegen überdurchschnittlich viel. Einige Medienschaffende nennen interne Phasen erhöhter Aufmerksamkeit „Ossi-Wochen“ – etwa nach Wahlen oder rund um Einheitsjubiläen.

Eine MDR-Umfrage zeigt: 77 Prozent der Teilnehmenden aus Mitteldeutschland bewerten die überregionale Berichterstattung über Ostdeutschland als eher negativ, nur drei Prozent fühlen sich positiv repräsentiert. In der MDRfragt-Erhebung bezeichneten 56 Prozent die Berichterstattung als voreingenommen, 55 Prozent als oberflächlich und 48 Prozent als einseitig. 32 Prozent bewerteten sie als manipulativ, 27 Prozent als sensationslustig. Nur neun Prozent hielten sie für informativ, sieben Prozent für neutral.

Die Querschnittanalyse von Presseartikeln seit 1990, erstellt für die ARD-Dokumentation „Es ist kompliziert… Der Osten in den Medien“, identifiziert wiederkehrende Zuschreibungen wie Mürrigkeit, Protesthaltung und ein ungepflegtes Erscheinungsbild. Medienwissenschaftlerin Mandy Tröger nennt als negative Narrative unter anderem Rechtsradikalismus, Arbeitslosigkeit und die Darstellung Ostdeutscher als ständig nörgelnd.

Nach den Landtagswahlen im Herbst 2024 wurde Ostdeutschland erneut häufig als „Sonderfall“ thematisiert. Dabei seien laut dem MDR-Artikel vielfach seit Jahrzehnten bestehende Stereotype reproduziert worden. Ein frühes, prägendes Klischeebild ist das „Zonen-Gaby“-Cover der Satirezeitschrift „Titanic“ von November 1989: Eine junge Frau hält eine geschälte Gurke, darüber steht „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“. Das Motiv steht laut Artikel beispielhaft für westdeutsche Vorurteile gegenüber Ostdeutschen nach dem Mauerfall.

Der damalige „Titanic“-Redakteur Hans Zippert erklärt, Ostdeutsche hätten diese Zuschreibungen nicht selbst festgelegt, sondern seien durch die Berichterstattung zu einem Gegenstand von Einordnung und Reaktion geworden. Schlagzeilen der 1990er-Jahre lauteten unter anderem „Milliardengrab ‚Aufschwung Ost‘“, „Große Pleite“ und „Opfer für den Osten“. Lange konzentrierte sich die Berichterstattung auf negative wirtschaftliche und politische Themen.

Marieke Reimann, stellvertretende SWR-Chefredakteurin und in den 1990er-Jahren in Ostdeutschland aufgewachsen, beschreibt eine Darstellung Ostdeutscher als „abgeschlagen“ oder „faul“ – nicht als aktiv handelnde Menschen. Auch überregionale Medien berichteten lange Zeit nur sporadisch über Ostdeutschland, abgesehen von der Wahlberichterstattung. Oft wurde die Region zum Ziel für Roadtrip-Reportagen: Journalistinnen und Journalisten reisten kurzfristig an, während die Perspektiven der Menschen vor Ort kaum berücksichtigt wurden.

Misstrauen wächst nicht über Nacht

Der Dokumentarfilmer Reinhard Kungel bereiste die damalige DDR im Mai 1990, wenige Monate nach der Maueröffnung. Der „kritische Blick aus dem Westen auf den Osten“ prägte die Berichterstattung seit den 1990er-Jahren. „Zeit“-Journalist Christoph Dieckmann sagt, der Osten nehme wahr, was der Westen über ihn behaupte; umgekehrt könne der Osten kaum über den Westen urteilen, weil ihm überregionale Medien fehlten.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte im April bei den Mitteldeutschen Medientagen, er höre wegen persönlicher Erfahrungen mit der Auswahl berichteter Inhalte keinen Deutschlandfunk mehr. Viele Ostdeutsche fühlten sich, so Haseloff, als von einem allgemeinen deutschen Bild abgegrenzte Gruppe