Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) widmet sich einem bislang wenig erforschten Thema: der palliativmedizinischen Versorgung von inhaftierten Personen. Die Studie ARREST, die mit rund 356.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, zielt darauf ab, Defizite und Potenziale in der Versorgung schwerkranker Gefangener in Niedersachsen aufzudecken. Laut MHH haben Inhaftierte in Deutschland das Recht auf dieselbe medizinische Versorgung wie gesetzlich Krankenversicherte, was auch palliativmedizinische Leistungen einschließt.
Besonders auffällig ist, dass in Deutschland sterbende Inhaftierte in der Regel vorzeitig entlassen werden, es sei denn, die öffentliche Sicherheit wird als gefährdet erachtet. Diese Praxis wirft die Frage auf, wie gut die palliativmedizinische Betreuung innerhalb der Justizvollzugsanstalten (JVA) tatsächlich ist. Die Wirklichkeit ist oft von Unsicherheit geprägt: Es liegen kaum Daten über die Anzahl schwerkranker Gefangener vor, gleichzeitig steigt diese Zahl durch den demografischen Wandel. Besonders hervorzuheben ist, dass über 60-Jährige die am schnellsten wachsende Gruppe in den Vollzugsanstalten darstellen.
Studienstruktur und Zielsetzung
Die ARREST-Studie unterteilt sich in mehrere Phasen. In der ersten Phase werden Interviews mit schwerkranken Inhaftierten durchgeführt, um deren Erfahrungen, Bedürfnisse und Wünsche zu erfassen. Die zweite Phase beinhaltet Gespräche mit Versorgenden in Hospizen und Palliativstationen. Schließlich wird in der dritten Phase ein zusammenfassendes Bild aller gesammelten Ergebnisse erstellt, um ein multiperspektivisches Verständnis der Thematik zu ermöglichen.
Die medizinische Versorgung in Haft erfolgt ursprünglich durch intern angestelltes Personal, wobei größere JVA eigene Krankenstationen besitzen. Bei schweren Erkrankungen können Gefangene in JVA-Krankenhäuser verlegt werden. Dennoch unterliegt die Versorgung besonderen Bedingungen, wie einer restriktiven Umgebung und der Stigmatisierung, die Einsamkeit und Konflikte mit dem Personal sowie Mithäftlingen hervorrufen können. Zudem ist der Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem für Inhaftierte eingeschränkt; sie sind oft von Dritten abhängig, insbesondere in Lebensendphasen.
Forschung und Herausforderungen
Die Datenlage über vorzeitige Entlassungen und Sterbefälle innerhalb der Haft ist weiterhin unklar und unterstreicht die Dringlichkeit der ARREST-Studie. Laut mz.de ist es entscheidend, die derzeitige Lage und die Herausforderungen der palliativmedizinischen Versorgungsangebote im Strafvollzug zu beleuchten. Ziel der Forschung ist es, den aktuellen Stand der palliativmedizinischen Versorgung darzustellen und Handlungsbedarf aufzuzeigen, um die Lebensqualität schwerkranker Inhaftierter zu verbessern.
Die Untersuchungen beschränken sich auf Niedersachsen, die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bundesländer wird jedoch diskutiert. Bis jetzt haben 13 selbstständige Justizvollzugsanstalten in Niedersachsen Unterstützung für das ARREST-Team zugesagt, was die Hoffnung auf Fortschritte in der palliativmedizinischen Versorgung der Inhaftierten nährt.