Professorin Dubbels: Wie Gerüchte Politik in der Vergangenheit prägten
Am 1. Juli 2026 wurde Prof. Dr. Elke Dubbels für ihre herausragende wissenschaftliche Arbeit mit dem Boehringer Ingelheim Preis für Geisteswissenschaften ausgezeichnet. Dubbels, die seit Oktober 2025 die Professur für „Neuere und Neueste Deutsche Literatur“ an der Universität Osnabrück innehat, hat sich intensiv mit der Rolle von Gerüchten als politische Machtfaktoren in Dramentexten vom 17. bis frühen 19. Jahrhundert auseinandergesetzt. Ihre Forschung beleuchtet die politische Relevanz von Aussagen in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bevölkerung kein politisches Mitspracherecht hatte. Dabei zeigt sie, wie Herrscher um ihr öffentliches Ansehen kämpften und welche Bedeutung „das, was man sagt“ spielte, lange bevor die sozialen Medien das Bild der Kommunikation prägten. Der Preis, dotiert mit 10.000 Euro, wurde im feierlichen Rahmen in der Saalkirche Ingelheim verliehen. Laut uni-osnabrueck.de wird der Preis alle zwei Jahre von der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung verliehen, um herausragende Dissertationen und Habilitationsschriften zu würdigen.
Dubbels fokussiert insbesondere auf Dramen wie die Trauerspiele „Leo Armenius“ und „Carolus Stuardus“ von Andreas Gryphius. Diese Stücke demonstrieren, dass das Konzept einer „öffentlichen Meinung“ bereits vor der offiziellen Einführung des Begriffs im späten 18. Jahrhundert existierte. Dramen fungieren nicht nur als Spiegel politischer Kommunikation, sondern analysieren und interpretieren auch die gesellschaftlichen Geschehnisse jener Zeit. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Machtkämpfe, die in literarische Formate wie Tragödien und Komödien übersetzt werden. Die Erkenntnisse von Dubbels machen deutlich, dass politische Deutung bereits früher eng mit der Inszenierung von Kommunikationsformen verbunden war. Ihr Buch „Politik der Gerüchte. Dramen von Gryphius bis Kleist im medien- und öffentlichkeitsgeschichtlichen Kontext“, das 2024 im Wallstein Verlag erscheinen wird, erweitert diese Thematik umfassend. boehringer-geisteswissenschaften.de hebt hervor, dass Dubbels mit dieser Preisverleihung Anerkennung für ihre bedeutende Forschung zu Teil wird.
Gerüchte in der Gesellschaft
Das Phänomen Gerücht hat die Menschheitsgeschichte stets begleitet und erfährt in der heutigen Zeit, insbesondere durch soziale Medien, eine beispiellose Intensivierung. Der Bielefelder Historiker Dr. Jan Siegemund hat dies zum Anlass genommen, einen Workshop unter dem Titel „Unsichere Nachrichten im medialen Wandel“ zu organisieren, der die empirische Untersuchung von Gerüchten fördert. Der Workshop findet am 10. und 11. November statt und vereint Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen wie Kommunikationsgeschichte, Linguistik und Kulturwissenschaften. Hierbei wird ein zentraler Forschungsansatz verfolgt, der die Metakommunikation über Gerüchte und deren Bedeutung für die Öffentlichkeit untersucht. aktuell.uni-bielefeld.de beschreibt, wie neue linguistische Ansätze die Gerüchtekommunikation in Online-Foren analysieren und sie auf historische Kommunikationsformen übertragen.
Gerüchte wirken nicht neutral; sie werden vielmehr gemäß sozialer Differenzkategorien wie Rasse, Klasse und Geschlecht beeinflusst. Der Workshop befasst sich daher auch mit der Frage, inwiefern Gerüchte marginalisierten Gruppen Handlungsspielräume eröffnen können. Alte und neue Formen der Gerüchtekommunikation spiegeln soziale Unsicherheiten wider und zeigen, wie Gesellschaften mit unzuverlässigen Nachrichten umgehen. Historische Recherchen zu Gerüchten können somit eine wertvolle Perspektive bieten, um die sich verändernde Bedeutung dieses Phänomens im Kontext der sozialen Medien besser zu verstehen.
