Schüler auf Spurensuche: Erinnerungen an den Holocaust in Polen
Am 29. Juni 2026 fand eine bedeutende Exkursion von 15 Studierenden der Viadrina und der Touro University statt, die von der französischen gemeinnützigen Organisation Yahad In Unum organisiert wurde. Der Zeitraum der Exkursion lag zwischen dem 15. und 20. Juni 2026, wobei die Zielorte in der Lubliner Region auf ehemalige jüdische Lebensorte und Holocaust-Stätten fokussiert waren. Dies war Teil eines Seminars mit dem Titel „Holocaust durch Kugeln“, das von Dr. habil. Frank Grelka (Viadrina) und Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt (Touro University) geleitet wurde.
Ein zentrales Element der Exkursion war das Treffen mit Władysław M., einem 98-jährigen Zeitzeugen, der seine Erinnerungen teilte. Er erzählte von seiner Kindheit in Szczebrzeszyn, wo er jüdische Mitschüler, darunter Hania, eine Spielkameradin, hatte. Seine Schilderungen reichten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 und umfassten die Schrecken der deutschen Besatzung, einschließlich der Berichte über die Ermordungen seiner jüdischen Nachbarn durch Erschießungen und Deportationen ins Vernichtungslager Bełżec.
Besuche bedeutender Stätten
Die Teilnehmenden besichtigten unter anderem die ehemalige Synagoge in Szczebrzeszyn, die heute als Kulturzentrum fungiert, sowie den jüdischen Friedhof der Stadt. Diese Orte wurden gewählt, um aufzuzeigen, dass der Holocaust nicht allein in Konzentrationslagern stattfand, sondern auch in kleinen Ortschaften, wo viele jüdische Familien lebten und ermordet wurden. Prof. Lehnstaedt wies darauf hin, dass ein Viertel der ermordeten Juden durch Massenerschießungen in diesen Regionen ums Leben kam.
Die Gedenkstätten Majdanek und Bełżec wurden ebenfalls besucht, um das Erinnern an authentischen Orten zu ermöglichen. „Die Authentizität dieser Studienreise ist von größter Bedeutung“, erklärte Lehnstaedt, der die Absolventen dazu ermutigte, die Spuren der Vernichtung aktiv zu erkunden.
Kulturelle Kontexte und Rückblick
Die Erinnerungskultur in Polen ist stark geprägt von den historischen Ereignissen während der nationalsozialistischen und sowjetischen Okkupation von 1939 bis 1945. Der Zweite Weltkrieg hinterließ in fast jeder polnischen Familie tiefe Spuren. Während die jüdische Bevölkerung mit dem Verlust von über 90 % ihrer Vorkriegsmitglieder konfrontiert wurde, erlebte die nichtjüdische, überwiegend katholische Bevölkerung ebenfalls gravierende Verluste von schätzungsweise 1,8 bis 1,9 Millionen zivilen Opfern.
Nach 1945 drifteten jüdische und nichtjüdische Erinnerungen an den Krieg zunehmend auseinander. Insbesondere die kommunistische Machtergreifung ab 1948 führte zu einer Gleichschaltung der Erinnerungskultur. Ein bemerkenswerter Teil der zurückgekehrten jüdischen Bevölkerung verließ Polen aufgrund von Antisemitismus, der sich in verschiedenen Wellen über die Jahrzehnte manifestierte.
Wie die bpb berichtet, gibt es seit den 1980er Jahren eine kritische Betrachtung der Erinnerungskultur, die sich mit der polnisch-jüdischen Geschichte auseinandersetzt. Die Errichtung von neuen kulturellen Institutionen wie dem Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN), das 2013 eröffnet wurde, verdeutlicht die Bemühungen um eine differenzierte Darstellung der Geschichte.
Die Exkursion der Studierenden bietet nicht nur einen tiefen Einblick in die Vergangenheit, sondern auch in die gegenwärtige Erinnerungskultur. Mit finanzieller Unterstützung durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, den Förderkreis der Viadrina sowie die Kulturwissenschaftliche Fakultät konnte diese tiefgründige Auseinandersetzung mit der Geschichte nachhaltig gefördert werden. Die Erkundung der jüdischen Geschichte in Polen bleibt also ein zentrales Anliegen der aktuellen Gesellschaft und Wissenschaft.
