Eine neue Studie der Universität Marburg beleuchtet die Problematik der Überdiagnostik bei Schmerzen des Bewegungsapparats. Laut der Studie, die am 7. Mai 2026 veröffentlicht wurde, ist der Einsatz bildgebender Verfahren wie Röntgen und MRT oft übermäßig und nicht zielgerichtet. Diese Methoden verbessern nicht zwangsläufig die Diagnosen und können eher zu Verunsicherung bei Patient*innen führen, zudem verursachen sie unnötige Folgebehandlungen und steigende Kosten.
Unter der Leitung von Dr. Nicole Lindner und Prof. Dr. Annika Viniol beschreibt die Studie ein besorgniserregendes Maß an struktureller Überversorgung. Um diesem Trend entgegenzuwirken, wurde das Programm „Betti“ („Better Imaging“) entwickelt, das darauf abzielt, die Entscheidungsfindung bei der Diagnostik von Bewegungsapparatschmerzen zu verbessern.
Das Programm „Betti“
„Betti“ umfasst ein multimediales Training für Hausärzt*innen, ein leitlinienbasiertes Entscheidungssystem sowie Informationsmaterialien für Patient*innen. Die Entwicklung des Programms basierte auf gründlichen Literaturauswertungen, Interviews mit Patient*innen und dem Feedback von Expert*innen. Erste Tests zeigen eine hohe Akzeptanz des Programms, es wird jedoch betont, dass die Integration in die ärztliche Beratung unabdingbar ist.
Das Hauptziel von „Betti“ besteht darin, „low-value care“ zu reduzieren, indem die Kommunikation zwischen Ärzt*innen und Patient*innen verbessert wird. Dieser Ansatz könnte dazu beitragen, die allgemeinärztliche Versorgung nachhaltiger, patientenzentrierter und effizienter zu gestalten.
Interne und externe Empfehlungen zur Vermeidung von Überversorgung
Im Kontext dieser Entwicklungen hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine Leitlinie veröffentlicht, die den Schutz der Patient*innen vor Über- und Unterversorgung fokussiert. Diese Leitlinie betont die Notwendigkeit einer ausgewogenen, patientenzentrierten und evidenzbasierten Versorgung.
Wichtige Empfehlungen zur Vermeidung von Überversorgung beinhalten die sorgfältige Abwägung der Nutzen-Risiko-Relation von Maßnahmen sowie regelmäßige Fortbildungen für das medizinische Personal. Außerdem wird die enge Kommunikation mit Patient*innen als entscheidend erachtet, um unnötige Maßnahmen zu vermeiden.
Ein zentrales Anliegen der DEGAM ist die Vermeidung von Unterversorgung, insbesondere in der Behandlung chronischer Erkrankungen und bei präventiven Maßnahmen. Hausärzte und Hausärztinnen spielen hierbei eine entscheidende Rolle als „Gatekeeper“, da sie Patient*innen über längere Zeiträume begleiten und so besser in der Lage sind, potenzielle Über- und Unterversorgung zu erkennen.
Beispiele für „low value care“ sind unnötige Diagnostik, wie nicht-indizierte Bildgebungen bei akuten nicht-spezifischen Rückenschmerzen, sowie überflüssige Therapien, etwa Antibiotika bei viralen Infektionen. Tatsächlich könnte die Reduktion von Überversorgung nicht nur gesundheitliche, sondern auch ökologische Vorteile mit sich bringen: Das Einsparpotenzial an CO2 bei Überversorgung wird auf etwa 100 kg CO2e pro Jahr und Kopf geschätzt.