Studium oder Ausbildung: Wie KI die Berufswahl verändert
In Berlin steht eine alte Frage plötzlich in neuem Licht: Studium oder Ausbildung? Thomas Haun, Geschäftsführer eines Kreuzberger Heizungs- und Sanitärbetriebs und Vorstandsmitglied der SHK-Innung Berlin, wirbt für das Handwerk. Ein Meister, sagt er, könne als Geschäftsführer eines Zehn-Mann-Betriebs ein mittleres sechsstelliges Jahreseinkommen erzielen.
Die Entscheidung fällt allerdings nicht im luftleeren Raum. In Deutschland ist die Zahl der Studierenden in den vergangenen Jahren auf 2,9 Millionen gestiegen – rund 4 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Berlin verzeichnet seit 2016 sogar einen Zuwachs von 15 Prozent. Akademische Berufe galten lange als attraktiv, angesehen und sicher. Nun sorgt künstliche Intelligenz für Unruhe: Was bleibt von vielen Tätigkeiten, wenn Programme immer mehr Aufgaben übernehmen?
Mehr Ausbildungsverträge, offene Stellen
Ökonomen wie Erik Brynjolfsson und Daron Acemoglu warnen vor erheblichen Umbrüchen und möglichen Millionenverlusten von Arbeitsplätzen durch KI. In einer US-Erklärung warnten zudem 200 Ökonomen und Tech-Unternehmer vor einem kurzfristigen Wandel von Wirtschaft und Arbeitsmarkt, der die Industrielle Revolution übertreffen könnte.
Haun sieht darin eine Chance für das Handwerk. Auch akademische Berufe wie der Energie- und Versorgungsingenieur könnten durch KI verändert werden. Eine handwerkliche Ausbildung sei deshalb für manche eine Alternative zum Studium.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) meldet 2026 erneut mehr neue Ausbildungsverträge. Im ersten Halbjahr wurden 67.800 Verträge geschlossen, knapp 5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Wert ist der höchste seit sechs Jahren. Gleichzeitig blieben rund 16.000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt; insgesamt seien etwa 200.000 Stellen offen.
Der ZDH wirbt mit „KI-sicheren“ Handwerksberufen um Nachwuchs. Auch die Berliner Handwerkskammer berichtet von größerem Zulauf bei Ausbildungen in Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Sie nennt diese Berufe „Klimaberufe“ – ihre Nachfrage dürfte wegen Energiewende und technologischem Wandel weiter steigen.
Wie viele Berliner Jugendliche sich wegen KI gegen ein Studium und für eine Ausbildung entschieden haben, weiß die Handwerkskammer allerdings nicht. KI könne im Handwerk bei der Planung helfen, sagt die Kammer; die praktische Umsetzung bleibe Aufgabe des Menschen. Der Unterschied klingt nüchtern, ist im Alltag aber ziemlich greifbar: Software kann rechnen, sortieren und vorschlagen. Wenn es auf der Baustelle klemmt, muss trotzdem jemand hin.
Unsicherheit vor dem Studium
Katrin Niemann von der Studienberatung der Freien Universität Berlin beobachtet bei Studieninteressierten wachsende Unsicherheit. KI werde selten ausdrücklich angesprochen, beeinflusse aber die Gespräche. Dazu kommen eine wirtschaftliche Flaute, fehlender bezahlbarer Wohnraum sowie steigende Lebenshaltungskosten und Finanzierungsschwierigkeiten – in Berlin besonders deutlich.
Immer häufiger fragen Studieninteressierte, welche beruflichen Möglichkeiten ein bestimmtes Studium künftig noch bietet. Niemann vergleicht die Lage mit den Geisteswissenschaften: Deren Absolventinnen und Absolventen mussten ihre beruflichen Wege traditionell selbst entwickeln. Diese Flexibilität könne künftig auch in Natur- und Ingenieurwissenschaften wichtiger werden.
Ihre Empfehlung fällt entsprechend praktisch aus: Studierende aller Fachrichtungen sollten Praktika machen und Zusatzqualifikationen im Umgang mit KI erwerben. Die Fähigkeit, selbstständig Probleme zu lösen, bleibe ein zentraler Wert eines Studiums. Ein Fach sollte man nach persönlichen Interessen und Fähigkeiten auswählen – nicht in der Erwartung, dass am Ende automatisch ein garantiert sicherer und gut bezahlter Beruf wartet.
Arbeitsmarktforscher Simon Janssen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hält Vorhersagen über einzelne Berufe angesichts der schnellen KI-Entwicklung für unsicher. Wissenschaftliche Belege dafür, dass KI Abiturienten vom Studium in Ausbildungsberufe lenkt, gebe es bislang nicht. Der Anteil von Auszubildenden mit Abitur steigt bereits seit Ende 2022, also vor dem breiten KI-Boom mit ChatGPT und Bildgeneratoren. Eine mögliche Erklärung: Ausbildungsbetriebe bevorzugen Abiturienten schon länger wegen ihrer erwarteten Qualifikation.
Im Durchschnitt verdienen Akademiker laut Janssen weiterhin mehr als Beschäftigte im Handwerk. Auch ihre Arbeitslosenquote liege trotz steigender Arbeitslosigkeit in technischen Berufen unter dem gesamtwirtschaftlichen Niveau. Welcher Anteil des Anstiegs in technischen Berufen auf KI zurückzuführen ist, sei derzeit unklar.
Wie sicher ist das Handwerk?
Janssen hält Handwerksberufe ebenfalls nicht grundsätzlich für KI-sicher. Robotik könnte etwa die Softwareentwicklung und Bauarbeiten verändern. In den USA werden bereits humanoide Roboter in der Automobilproduktion eingesetzt. Künftig könnten sie weitere Aufgaben übernehmen. Chatbots könnten Heimwerker bei Reparaturen unterstützen – und dadurch die Nachfrage nach Handwerkerleistungen senken.
Hinzu kommen Wirtschaftskrise und geopolitische Konflikte, die das Handwerk belasten. Der vermeintlich sichere Hafen hat also auch Wellengang. Und während jemand noch über den Unterschied zwischen Studium und Ausbildung nachdenkt, erledigt ein Programm vielleicht schon die erste Bewerbungsrunde.
Jörg Dittrich, seit 2023 Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, ist gebürtiger Dresdner und Dachdeckermeister. Er steht damit für eine Branche, die nicht nur über Fachkräftemangel spricht, sondern auch mit ihrer praktischen Arbeit sichtbar bleibt. Gleichzeitig übernimmt KI zunehmend Aufgaben wie das Prüfen von Bewerbungen, das Verfassen anwaltlicher Schriftsätze, das Erstellen von Steuererklärungen, das Planen von Dienstreisen, die Analyse komplexer Datensätze und das Erstellen von Präsentationen.
Die Entwicklung schreitet in hohem Tempo voran; laut dem zugrunde liegenden Artikel gibt es alle paar Monate deutliche Entwicklungssprünge. Büroangestellte fragen sich deshalb, wie viele Arbeitskräfte künftig noch benötigt werden und wie sie sich für den Arbeitsmarkt weiterqualifizieren können. Diese Sorgen werden zunehmend unter Kolleginnen und Kollegen diskutiert, besonders stark unter Hochschulabsolventen. Immer mehr von ihnen sind monatelang auf Jobsuche und finden trotz guter Qualifikationen keine Stelle.
Ein anderer Blick aus der Berufsschule
Der 20-jährige Janos Schienmann absolviert eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann bei der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte. Er schätzt den Kontakt mit Mietern und Mietinteressierten. Darin steckt für ihn ein sozialer Aspekt, den KI seiner Ansicht nach nicht ersetzen könne.
Zunächst hatte Schienmann ein duales Polizeistudium begonnen. Bei seiner Entscheidung spielte auch die Einschätzung eine Rolle, dass KI künftig keine Kriminellen jagen könne. Während des Studiums beobachtete er, dass viele Studierende KI zum Verfassen von Hausarbeiten nutzen. In der Berufsschule werde Wissen dagegen regelmäßig in Tests abgefragt. Er muss sich eigenständig mit dem Lernstoff auseinandersetzen – ohne digitale Abkürzung, wenn man so will.
In seinem Umfeld sehen mehrere Menschen mit Abitur oder Fachabitur eine Ausbildung als Alternative zum Studium. Schienmann ist mit seiner Entscheidung zufrieden und möchte mit praktischer Berufserfahrung starten. Ganz ausschließen lässt sich allerdings nicht, dass KI-gesteuerte Roboter künftig auch Aufgaben von Immobilienkaufleuten übernehmen, etwa bei Besichtigungen oder im Mieterkontakt.
KI lernen, Nachhaltigkeit mitdenken
Wie berufliche Bildung mit KI umgehen kann, zeigt auch ein Webinar des Bundesinstituts für Berufsbildung. Künstliche Intelligenz einschließlich generativer KI hat ökologische, ökonomische und soziale Auswirkungen. Chancen und Risiken sollen für den Kompetenzerwerb in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie an beruflichen Schulen genutzt werden.
Das Webinar verknüpft zentrale Nachhaltigkeitsaspekte von KI mit der Beruflichen Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BBNE) und der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“. Vorgestellt und diskutiert werden konkrete Umsetzungsbeispiele, Materialien und Lernangebote für Ausbildung und Unterricht aus Berlin und anderen Regionen. Ziel ist, KI und Nachhaltigkeit in der Berufsbildung gemeinsam zu planen und umzusetzen.
Der Termin ist der 7. Oktober 2026, 10:00–11:00 Uhr. Referent ist Jonas Vollmer, Grundsatzreferent in der Fachstelle Digitalisierung der schulischen beruflichen Bildung bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Seine Arbeitsfelder umfassen Medienkompetenz, „Demokratie 4.0“, Open Educational Resources (OER), künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung.
Vollmer leitet außerdem das Projekt „BER-LOK 4.0 – Lernortkooperation in der digitalen Lern- und Arbeitswelt“ sowie den Schulversuch „
