Am 22. April 2026 hat der Senat der Universität Bielefeld einen bedeutenden Schritt in Bezug auf die Ehrensenatorwürde von Professor Dr. Hartmut von Hentig unternommen. Der Senat, unter dem Vorsitz von Professorin Dr. Silke Schwandt, hat sich eingehend mit der Eignung von von Hentig auseinandergesetzt. Ehrensenatoren werden für herausragende Verdienste um die Universität geehrt und tragen gleichzeitig eine Verantwortung, die von der Universität erwartet wird.
In den letzten Sitzungen hat der Senat Bedenken geäußert, ob von Hentig dieser Verantwortung gerecht werden kann. Zentrale Aspekte der Diskussion sind seine umstrittenen Ansichten zum Umgang mit den Missbrauchsfällen seines Lebensgefährten Gerold Becker, der an der Odenwald-Schule tätig war. Diese Sichtweisen stehen in direktem Widerspruch zu den Werten, die die Universität Bielefeld vertritt. Der Senat hat festgestellt, dass von Hentig in seinen wissenschaftlichen Publikationen nicht ausreichend auf die Themen Traumatisierung und Machtasymmetrien eingegangen ist.
Erhebliche Zweifel an der Eignung
Die Bedenken des Senats basieren auf einer gründlichen Analyse von veröffentlichten Schriften, Interviews und wissenschaftlichen Stellungnahmen, die über einen längeren Zeitraum hinweg untersucht wurden. Die Relativierung des pädokriminellen Verhaltens von Becker durch von Hentig ist eine der zentralen Problemstellungen, die den Senat alarmiert hat.
Obwohl von Hentig die Möglichkeit gegeben wurde, sich schriftlich zu den Vorwürfen zu äußern, hat er diese Gelegenheit nicht genutzt. Stattdessen hat er angekündigt, auf die Ehrensenatorwürde zu verzichten. Dies geschah im Kontext der Diskussion, die durch die Rektorin der Universität im vergangenen Jahr ausgelöst wurde, als sie von Hentigs 100. Geburtstag sprach.
Kritische Reflexion über Ehrungen
Der Senat hat in den vergangenen Sitzungen auch die Rolle und den Umgang mit Ehrungen an der Universität Bielefeld kritisch hinterfragt. In der Vergangenheit hatten sich die Senate nicht mit von Hentig befasst, was einige als ausgesprochen problematisch erachten, da die Gründe für diese Vernachlässigung unklar bleiben. Die laufenden Diskussionen und Evaluierungen sollen dazu dienen, zukünftige Entscheidungen über Ehrungen verantwortungsbewusster zu gestalten und die Integrität der Universität zu wahren.
Die Entwicklungen rund um die Ehrensenatorwürde von Hartmut von Hentig werfen somit nicht nur Fragen zur Person selbst auf, sondern auch zur institutionellen Verantwortung der Universität Bielefeld im Umgang mit sensiblen Themen des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses.