Wenn ein Unfall nicht mehr zu verhindern ist, bleiben oft nur Sekundenbruchteile. Genau dann könnte nicht nur eine automatische Bremsung, sondern auch ein gezieltes Ausweichmanöver über Leben und schwere Verletzungen entscheiden. An der TU Berlin arbeiten die TU Chemnitz, die TU Berlin und das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut (EMI), daran, solche Situationen besser abzufangen.

Fußgänger und Fahrradfahrer sind zwar nur an etwa jedem zehnten Verkehrsunfall beteiligt, machen in Deutschland aber 75 bis 85 Prozent der Schwer- und tödlich Verletzten aus. Die absolute Zahl der Verkehrstoten ist weiterhin leicht rückläufig, unter anderem wegen strengerer Anforderungen an Fahrzeugstrukturen und Fahrerassistenzsysteme. Für ungeschützte Verkehrsteilnehmer – im Forschungsprojekt „Vulnerable Road Users“, kurz VRU, genannt – bleibt die Sicherheit trotzdem eine zentrale Herausforderung.

Lenken, wenn Bremsen allein nicht reicht

Im Forschungsprojekt „VIRTUS“ entwickeln und validieren Fraunhofer EMI, TU Berlin und TU Chemnitz eine automatisierte Fahrfunktion. Sie soll bei unvermeidbaren Kollisionen mit Fußgängern oder Fahrradfahrern die Verletzungsrisiken durch gezielte Brems- und Lenkmanöver verringern. Ein Algorithmus berechnet dazu aus Sensordaten, der Bewegung des Fahrzeugs und der vorhergesagten Bewegung des VRU innerhalb sehr kurzer Zeit eine verletzungsminimierende Fahrstrategie.

Aktuelle Fahrerassistenzsysteme beschränken sich bei drohenden Kollisionen überwiegend auf automatische Notbremsungen. Bisherige Systeme mindern Unfallfolgen also vor allem durch Bremsmanöver. VIRTUS prüft, ob zusätzliche, gezielte Lenkbewegungen mehr bringen können – und ob die automatisierte Funktion auch unter realitätsnahen Bedingungen zuverlässig arbeitet. Dafür sind die kommenden drei Jahre vorgesehen.

Das Projekt baut auf „ATTENTION“ auf. In diesem Vorgängerprojekt hatte das Fraunhofer EMI mithilfe einer virtuellen Testumgebung bereits gezeigt, dass kombinierte Lenk- und Bremseingriffe das Risiko von Verletzungen senken können. Frühere Simulationen deuteten zugleich auf einen heiklen Zielkonflikt hin: Bei einem drohenden Aufprall auf die Fahrzeugkarosserie kann ein automatisches Ausweichmanöver das Verletzungsrisiko verringern. Stattdessen könnte die betroffene Person jedoch auf die Frontscheibe treffen. Diese Erkenntnisse werden nun mit Menschen in einer virtuellen Umgebung überprüft.

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Ein echtes Auto, eine virtuelle Gefahr

Für die Versuche wird ein vernetzter Prüfstandverbund aus vier Systemen eingesetzt. Beim „Vehicle-in-the-Loop“ fährt ein echtes Fahrzeug auf einem Prüfstand, während die Umgebung virtuell simuliert und in Echtzeit dargestellt wird. Beim „Pedestrian-in-the-Loop“ bewegt sich eine reale Person zu Fuß interaktiv durch dieselbe virtuelle Verkehrsszene. Eine reale Fahrerin oder ein realer Fahrer kommt beim „Driver-in-the-Loop“ hinzu, damit auch menschliches Reaktionsverhalten berücksichtigt wird.

Die Kopplung bildet Unfallsituationen und das Zusammenspiel der Beteiligten realitätsnah nach, ohne dass jemand tatsächlich gefährdet wird. Ein echtes Fahrzeug auf dem Prüfstand, ein virtuell dargestellter Fußgänger und ein realer Fahrer werden in Echtzeit miteinander vernetzt. Die Versuchspersonen sind keinem realen Risiko ausgesetzt; die Tests erfolgen unter strengen ethischen Vorgaben.

Die Psychologinnen und Psychologen der TU Chemnitz untersuchen dabei vor allem, wie sich potenzielle Unfallopfer während der Unfallsituation verhalten. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Ein Mensch reagiert eben nicht wie ein sauber berechneter Punkt auf einer Karte. Er erschrickt, weicht vielleicht in die falsche Richtung aus oder bleibt für einen Moment stehen. Genau solche Reaktionen sollen in die Entwicklung einfließen.

Mehr als eine einzelne Fahrfunktion

Neben der konkreten automatisierten Fahrfunktion sollen auch die entwickelten Testmethoden und ethischen Leitlinien für andere automatisierte Fahrsysteme nutzbar werden. Das Projekt soll damit die sichere Entwicklung und Erprobung automatisierter Fahrzeugtechnik in Deutschland unterstützen. Die praktische Frage bleibt dabei ziemlich unmittelbar: Wohin soll ein Fahrzeug in dem kurzen Moment lenken, in dem Bremsen allein nicht mehr genügt?

Die Forschung an der TU Berlin, gemeinsam mit der TU Chemnitz und dem Fraunhofer EMI, versucht darauf eine Antwort zu finden – mit virtuellen Szenen, realen Menschen und einem Fahrzeug, das zwar fährt, aber niemanden in Gefahr bringt. Veröffentlicht wurde der Beitrag am 4. Oktober 2026.