Wenn der Arbeitsplatz krank macht: Raumklima, Licht und innere Uhr im Fokus der TU Berlin
Am Morgen ist Licht nicht bloß Licht. Es fällt durchs Fenster, landet auf dem Schreibtisch – und kann offenbar beeinflussen, wie wach, konzentriert und engagiert Menschen durch ihren Arbeitstag kommen. Eine Studie mit 182 Vollzeitbeschäftigten untersuchte genau diesen Zusammenhang. Dahinter steckt eine größere Frage: Was passiert, wenn Raumklima, Arbeitszeiten und innere Uhr nicht zusammenpassen?
Am 29.10.2026 zeigt sich an der TU Berlin, wie viele kleine Stellschrauben dabei eine Rolle spielen. Zu kalte Klimaanlagen, stickige Luft, flimmernde Bildschirme, Dauergeräusche und ein Arbeitsbeginn, der dem eigenen Chronotyp komplett entgegenläuft – das klingt banal, kann sich aber ordentlich auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit schlagen.
Wenn das Büro krank macht
Seit Mitte der 1970er-Jahre wird über Befindlichkeitsstörungen in Innenräumen berichtet. Das Sick-Building-Syndrom, kurz SBS, beschreibt Beschwerden, die mit bestimmten Gebäuden oder Innenräumen in Verbindung stehen. Typisch sind gereizte Augen, eine kratzende Nase oder Atemwege, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Unwohlsein, Schwindel und Konzentrationsschwierigkeiten. Gelegentlich kommt es auch zu Hautreizungen. Nach dem Verlassen des Gebäudes klingen die Beschwerden wieder ab – manchmal ist der Unterschied schon auf dem Weg zur U-Bahn spürbar.
Die meisten Untersuchungen beziehen sich auf Arbeitsplätze, SBS kann aber ebenso in Wohnungen auftreten. Eine einzige Ursache gibt es meist nicht. Genannt werden unzureichende Lüftung, mangelnde Hygiene bei Klimaanlagen, Feuchtigkeitsschäden, ein unbehagliches Raumklima und Emissionen geruchsintensiver oder reizender Stoffe aus Materialien und Geräten. Auch hohe Belegungsdichten, Staub, geschlossene Fenster, defekte Lüftungen sowie Ausdünstungen von Druckern oder Reinigungsmitteln können die Luft verschlechtern.
Hinzu kommen störende Dauergeräusche und ungeeignet eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze. Erhöhter psychischer Stress beeinflusst zudem Häufigkeit und Stärke der Beschwerden. Arbeitsüberlastung, fehlende Einflussmöglichkeiten, mangelnde Privatsphäre oder Probleme mit Kollegen und Vorgesetzten machen aus einem ohnehin schlechten Raum schnell einen Ort, an dem der Kopf dichtmacht.
In klimatisierten Gebäuden berichten Beschäftigte häufiger über Beschwerden. Die genaue Ursache ist nicht eindeutig geklärt; als wichtiger Faktor gilt die fehlende Kontrolle über das Raumklima. Erkrankungen durch mangelhaft gewartete Anlagen, sogenannte „Building-Related Illness“, treten dagegen selten auf. Dazu zählen etwa Infektionen mit Legionellen.
Nach der Arbeitsstättenverordnung darf die Raumtemperatur 26 °C nicht überschreiten. Das Umweltbundesamt empfiehlt, höchstens 3 bis 4 °C unter der Außentemperatur zu bleiben und nicht unter 26 °C abzukühlen. Studien zufolge empfinden Frauen Klimaanlagen häufiger als zu kalt. Ein Temperaturunterschied von höchstens 6 bis 7 °C zur Außenluft gilt als empfehlenswert, mehr als 10 °C gelten als problematisch. Der klassische Sprung aus der brütenden Straße in einen Kühlschrank mit Teppichboden ist also keine gute Idee.
Mobile Klimageräte sollen nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden. Überhitzte Fahrzeuge sollten nach starker Sonneneinstrahlung etwa 15 Minuten gelüftet werden. Klimaanlagen gehören jährlich durch einen autorisierten Service gewartet; Filter sollten ungefähr alle zwei Wochen mechanisch gereinigt werden. Ungefilterte Anlagen können Bakterien und Pilze verbreiten. Als wichtiger Erreger gilt Legionella pneumophila, das die Legionärskrankheit mit Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie trockenem Husten auslösen kann.
Ventilatoren lösen das Problem nicht immer. Sie können Staub und Pollen aufwirbeln und Allergiker belasten. Arbeitgeber müssen nach dem Arbeitsschutzgesetz Arbowet ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld mit ausreichender Belüftung gewährleisten. CO₂-Messgeräte können dabei helfen, die Luftqualität zu kontrollieren.
Was thermische Behaglichkeit wirklich bedeutet
Schlechte Luft kündigt sich oft unspektakulär an: Kopfschmerzen, Müdigkeit trotz ausreichenden Schlafs, Konzentrationsprobleme oder gereizte Augen, Nase und Kehle. Das Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin untersucht solche Bedingungen in einem neuen IEQ-Lab. In einem Klimaraum und mithilfe von Virtual Reality wird dort erforscht, wie Menschen Raumklima wahrnehmen.
Das Labor verfügt über 54 regelbare Module. Ihre Oberflächentemperaturen können innerhalb von 30 Sekunden um bis zu 5 Kelvin verändert werden. Das klingt nach Labor und Kabelsalat, trifft aber einen ziemlich alltäglichen Nerv: Bei Raumtemperaturen zwischen 20 und 28 °C entfielen in der Gesamtbewertung eines Raums 33 % auf thermische Behaglichkeit, 26 % auf Luftqualität, 23 % auf visuelle Behaglichkeit und 18 % auf Akustik.
Wie weit Messwerte und Empfinden auseinanderliegen können, zeigte eine Feldstudie an 16 Standorten. Zwischen Zertifizierungswerten und der tatsächlichen Wahrnehmung der Nutzer wurden Abweichungen von bis zu 50 % festgestellt. Ein Raum kann auf dem Papier passen und sich für die Menschen darin trotzdem falsch anfühlen.
Die innere Uhr sitzt mit am Schreibtisch
Auch der Zeitpunkt der Arbeit ist nicht nebensächlich. Die genetisch verankerte innere Uhr steuert unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Stimmung, den Stoffwechsel und das Konzentrationsvermögen. Viele Büros arbeiten zwischen 9 und 17 Uhr, obwohl diese Zeiten häufig nicht zum individuellen Chronotyp passen. Wer morgens erst langsam in Gang kommt, wird um neun nicht automatisch zur Frühaufsteherin oder zum Frühaufsteher – nur weil der Kalender das behauptet.
Eine bessere Abstimmung von Arbeitszeiten und biologischem Rhythmus soll Beschäftigten und Unternehmen Vorteile bringen. Besonders deutlich wurde das in einer Untersuchung unter Leitung von Kate Keeler vom Fisher College of Business. 182 Beschäftigte trugen zwei Arbeitswochen lang jeweils 30 Minuten nach dem Aufwachen spezielle Lichtbrillen.
Eine Gruppe erhielt 100 % Blau-Türkis-Licht, die Kontrollgruppe 1 % Kontrolllicht. Das Morgenlicht verschob die innere Uhr und führte in der folgenden Woche zu längerem und qualitativ besserem Schlaf. Die Auswertung von 1.259 Erhebungen zeigte außerdem höhere Wachheit, weniger kognitive Erschöpfung, höheres Arbeitsengagement und weniger kontraproduktives Verhalten.
Am stärksten verbesserten sich jüngere Beschäftigte und Personen mit bereits bestehenden Schlafproblemen. Das ist ein ziemlich konkreter Hinweis darauf, dass der erste Lichtkontakt des Tages mehr sein kann als ein Kampf mit der Vorhangkante.
Schlafmangel hat dabei nicht nur persönliche Folgen. Laut Chronobiologe Till Roenneberg schlafen rund 40 % der Erwachsenen in Deutschland an Arbeitstagen weniger als sieben Stunden. Der daraus entstehende wirtschaftliche Schaden wird auf rund 40 Milliarden Euro jährlich geschätzt; etwa die Hälfte soll auf Social Jetlag entfallen.
Die Rand Corporation beziffert die jährlichen Verluste durch Abwesenheit, Fehler und Präsentismus infolge von Schlafstörungen auf mindestens 50 Milliarden Euro. Laut einer Barmer-Auswertung von 2019 waren Betroffene im Durchschnitt 2,8-mal länger krankgeschrieben. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin veranstaltet vom 5. bis 7. November 2026 ihre 34. Jahrestagung in Wiesbaden.
Als Erstbehandlung bei Insomnie gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Künftig werden auch Chronotherapie und künstliche Intelligenz als ergänzende Ansätze genannt.
Vom Sick-Building-Syndrom zu gebäudebezogenen Symptomen
In der Fachliteratur tauchen zunehmend die Begriffe „Building-related symptoms“ und „Building-related illness“ auf. Eine einheitliche Definition des SBS und verwandter Konzepte existiert nicht. Gemeint sein können Verschlimmerungen bestehender Erkrankungen wie Rhinitis oder Asthma, Berufskrankheiten und möglicherweise auch neue oder bislang unbekannte Störungen. In Japan wird dafür der Begriff „Sick House Syndrome“ verwendet, mit einem Schwerpunkt auf chemischen Belastungen und Schimmel in Wohngebäuden.
Verschiedene Autoren fassen die Beschwerden auch unter Bezeichnungen wie Öko-Syndrom, Multiple-Chemikalien-Sensitivität (MCS) oder Sick-Building-Syndrom zusammen. Genannt werden außerdem verminderte Arbeitsfähigkeit, häufigere Arbeitsunfähigkeit und die Besserung der Beschwerden nach dem Verlassen des Gebäudes. Nach Schätzungen des Deutschen Allergie- und Asthmabunds sind in Deutschland rund 400.000 Menschen von Überempfindlichkeiten gegenüber Chemikalien betroffen.</p
