Wenn Erschöpfung zur Krankheit wird: Soziologische Perspektiven auf Burnout und Arbeitswelt
Erschöpfung kann vieles bedeuten: gezieltes Auspowern im Sport, ein Abend, an dem gar nichts mehr geht, oder das stolze Gefühl, nach einer langen Arbeitswoche alles gegeben zu haben. Genau diese Spannungen nimmt der öffentliche Vortrag „Das gesellschaftliche Leid der Erschöpfung. Eine soziologische Perspektive“ in den Blick. Referent ist Sighard Neckel von der Universität Hamburg.
Der Vortrag findet am 9. November 2026 von 16:00–17:30 Uhr online per Zoom statt. Veranstaltet wird er im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin. Die Veranstaltung ist damit auch für Interessierte außerhalb des Hörsaals zugänglich – Laptop auf, Zoom an, und los geht’s.
Wann wird Erschöpfung zur Krankheit?
Neckel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedeutungen von Erschöpfung. Sie kann gezielt herbeigeführt werden, etwa im Sport. Sie kann den Alltag so stark einschränken, dass selbst einfache Dinge zur Last werden. Manchmal gilt sie als Zeichen hoher Arbeitsleistung, manchmal als Reaktion auf Überbeanspruchung. Und unter bestimmten Bedingungen wird sie behandlungsbedürftig.
Die Ringvorlesung fragt deshalb, wie neu die gegenwärtige Konjunktur der Erschöpfung eigentlich ist. Wo beginnt Erschöpfung? Wann erhält sie Krankheitswert – und unter welchen Bedingungen wird ihr dieser zugesprochen? Außerdem geht es darum, wie eine Gesellschaft mit Erschöpfung und ihren Folgen umgehen soll und wer dabei welche Verantwortung trägt. Untersucht werden diese Fragen interdisziplinär.
Wie schnell aus beruflichem Ehrgeiz ein Absturz werden kann, zeigt der Bericht eines Sozialforschers über Gespräche mit Finanzexperten im Frankfurter Bankenviertel. Dort erzählten immer mehr Menschen von Burnout-Erfahrungen. Einer von ihnen, ein 50-jähriger Investmentbanker, schilderte seinen Weg besonders eindringlich.
Goldkarten, Deals und die Leere danach
Nach sieben Jahren in der Zentrale sei er stark erschöpft gewesen und habe Burnout gehabt. Zu diesem Zeitpunkt war er etwa 40 Jahre alt, hatte früh Kinder bekommen und sehr viel gearbeitet. Ausgerechnet in Phasen hoher Aktivität habe er sich am stärksten erlebt, etwa beim Reisen. Gold- und Platinkarten von American Express gehörten zu dieser Welt der Statussymbole dazu.
Sobald Ruhe eingetreten sei, habe er Leere empfunden. Viele Investmentbanker, so seine Einschätzung, benötigten die Spannung des Geschäftsabschlusses und identifizierten sich als „Deal-Maker“. Das Streben nach immer mehr führte schließlich zum Zusammenbruch. Ärzte rieten ihm, seine Arbeit sofort zu verlassen. Danach benötigte er nach eigener Aussage eineinhalb Jahre zur Erholung.
Der Fall passt zu einer breiteren Debatte: Medien thematisieren zunehmend, wie Arbeitsbedingungen die Gesundheit von Beschäftigten beeinflussen – häufig am Beispiel Burnout. Ganz so eindeutig, wie der Begriff im Alltag klingt, ist sein medizinischer Status allerdings nicht.
Ein Begriff mit unscharfen Grenzen
Seit der Erstbeschreibung durch Freudenberger 1974 wurden etwa 130 verschiedene Symptome genannt. Eine klinisch verbindliche Eingrenzung fehlt bislang. Burnout ist deshalb keine eigenständige klinische Diagnose nach ICD-10, sondern kann nur als Zusatzkodierung in der Z-Kategorie erfasst werden.
Die Beschwerden überschneiden sich stark mit Depressionen sowie mit Angst- und Suchterkrankungen. Eine genaue diagnostische Abgrenzung ist daher erforderlich, insbesondere mit Blick auf den Schweregrad. Als zentrale Burnout-Symptome gelten emotionale Erschöpfung, eine zynische Grundhaltung gegenüber der eigenen Umwelt und eine verminderte persönliche Leistungsfähigkeit bei der Arbeit.
Unbehandelte Beschwerden können in psychische Erkrankungen im Sinne der ICD-10 übergehen. Betroffene sollten professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Das ist kein kleiner Schritt, gerade weil Burnout gesellschaftlich stärker akzeptiert wird als beispielsweise eine Depression: Häufig erfahren Betroffene sogar Anerkennung, weil der Begriff mit vorheriger beruflicher Verausgabung verbunden wird.
Arbeit ist nicht der einzige Faktor
Burnout wird oft primär auf Arbeitsbedingungen zurückgeführt. Im wirklichen Leben greifen die Ursachen meist ineinander. Neben der Arbeit können die private Situation, dauerhafte Persönlichkeitseigenschaften oder traumatische Ereignisse eine Rolle spielen.
Begünstigend wirken unter anderem Perfektionismus, Schwierigkeiten beim Delegieren, hohe private Belastungen wie Pflegeaufgaben, eine hohe Arbeitsmenge, unklare Arbeitsrollen und geringe soziale Unterstützung am Arbeitsplatz. Arbeitsbedingungen können im Einzelfall die Hauptursache sein; meistens kommen jedoch weitere Faktoren hinzu – manchmal leise, manchmal mit voller Wucht.
Die Diskussion über Burnout kann im Arbeitskontext trotzdem eine Tür öffnen: Sie fördert die Offenheit, sich allgemein mit psychischer Gesundheit zu beschäftigen. Die gestiegene Nachfrage bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und den Unfallversicherungsträgern wird als Hinweis auf diese größere Offenheit genannt. Für die Prävention hat das Burnout-Konzept deshalb eine wichtige Funktion.
Präventionsmaßnahmen entsprechen weitgehend den Maßnahmen zur Vorbeugung anderer psychischer Beschwerden am Arbeitsplatz. Ein Ansatzpunkt sind bessere Arbeitsbedingungen: Psychische Belastungen sollen so reduziert werden, dass möglichst keine negativen Beanspruchungsfolgen wie Stress entstehen. Unternehmen sollen dies strukturiert im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen umsetzen.
Der zweite Ansatzpunkt liegt bei den individuellen Ressourcen. Trainings, Coaching und Supervision können Beschäftigte dabei unterstützen, Arbeitsaufgaben besser zu bewältigen. Die Ringvorlesung in Münster setzt derweil einen Schritt früher an – bei den Fragen, die oft im Hintergrund bleiben: Wie viel Erschöpfung gilt als normal, wann kippt sie, und wer entscheidet eigentlich darüber?
