Heute, am 7. Oktober 2026, richtet sich der Blick auf einen Tag, für den vielen Menschen noch immer die Worte fehlen. Der 7. Oktober erinnert an den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 – und daran, wie schwer es ist, diesem Grauen überhaupt Sprache entgegenzusetzen. „Nie wieder“ gehört zu den vorgefertigten Sätzen, die dabei helfen sollen, Sprachlosigkeit und Ohnmacht nicht einfach stehen zu lassen.

Vor drei Jahren überfielen Hamas-Terroristen Kibbuzim und ein Musikfestival im Süden Israels. Mehr als 1.200 Menschen wurden ermordet, etwa 250 Menschen nach Gaza verschleppt. Es war der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust. Die Täter filmten ihre Taten mit Bodycams und streamten sie teilweise live.

Wenn das Gedenken in den Kommentarspalten kippt

Staats- und Regierungschefs, Redaktionen, Organisationen und Privatpersonen erinnern online mit Kerzenbildern und dem Satz „Nie wieder“ an die Opfer. Unter solchen Gedenkposts tauchen allerdings antisemitische Kommentare auf. Das Gedenken endet dann nicht am Bildschirmrand, sondern geht in den Kommentarspalten weiter.

Das Projekt „Decoding Antisemitism“ der TU Berlin untersucht seit 2020 Kommentarspalten etablierter Medien wie der „Zeit“, des „Guardian“ und „Le Monde“. Nach dem 7. Oktober 2023 verdreifachte sich dort die Zahl antisemitischer Kommentare. In deutschen YouTube-Kommentarspalten enthielt bis zu jeder vierte Kommentar antisemitische Inhalte.

Die Muster wiederholen sich: Das Massaker wird begrüßt, die Opfer werden mit Sätzen wie „Wer Wind sät“ für die Tat verantwortlich gemacht. Andere leugnen den Angriff oder stellen ihn als Inszenierung dar. Besonders im deutschsprachigen Raum wird er als Geheimdienstoperation bezeichnet.

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Studienleiter Matthias J. Becker zufolge treten vier von fünf antisemitischen Kommentaren indirekt auf – als Anspielung, Wortspiel oder rhetorische Frage. Die Forscher betrachten die erfassten Kommentare deshalb nur als Spitze des Eisbergs.

Das internationale Forschungsprojekt „Decoding Antisemitism“ nahm Antisemitismus in sozialen Medien unter die Lupe. Untersucht wurden nicht nur Inhalte, sondern auch sprachliche und visuelle Ausdrucksformen. Ein eigens entwickelter Leitfaden definiert verschiedene antisemitische Konzepte sowie ihre sprachlichen und visuellen Muster. Damit lassen sich antisemitische Inhalte in umfangreichen Datensätzen standardisiert identifizieren und analysieren.

Dokumentiert wurde antisemitische Hassrede in wichtigen Foren politischer Online-Debatten: auf Social-Media-Plattformen ebenso wie auf Webseiten von Mainstream-Medien. Im Mittelpunkt standen Online-Diskurse in Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Die Webseite des Projekts ist www.decoding-antisemitism.eu.

Die unscheinbaren Formen der Hetze

Die Arbeitsweise bestand aus drei Schritten. Zunächst wurden Nutzerkommentare qualitativ auf antisemitische Inhalte und die sprachlichen Strukturen ihrer Vermittlung untersucht. Anschließend trainierten die Forschenden mit annotierten Daten Modelle mittels Supervised Machine Learning. Diese künstliche Intelligenz sollte Entscheidungen menschlicher Kodierer nachahmen und so ein groß angelegtes Monitoring ermöglichen. In einer quantitativen Analyse wurden schließlich Häufigkeiten und Kombinationen von Wörtern und Wortverbindungen erfasst, um Langzeittrends anhand repräsentativer Datenmengen zu verfolgen.

Auch implizite Formen antisemitischer Kommunikation wurden berücksichtigt: Wortspiele, Anspielungen und indirekte Sprechakte. Das ist mühsame Kleinarbeit, und manchmal steckt die Botschaft eben nicht im groben Schimpfwort, sondern in einem scheinbar harmlosen Nebensatz.

Von 2020 bis 2024 untersuchte ein internationales Forschungsteam Online-Kommentarbereiche von Mainstream-Medien in Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Beteiligt waren 20 Wissenschaftlerinnen unter Leitung des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Analysiert wurden Kommentare auf den Online-Angeboten unter anderem von „The Guardian“, „Le Monde“ und „DIE ZEIT“ sowie auf Facebook, YouTube, Twitter/X, Instagram und TikTok.

Die Untersuchung bezog sich unter anderem auf den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie auf Äußerungen von Kanye West und Elon Musk, die online antisemitische Reaktionen auslösten. Insgesamt entstanden 27 länderübergreifende und länderspezifische Fallstudien. Rund 130.000 Nutzerkommentare wurden detailliert analysiert; für die qualitative Auswertung entwickelte das Team ein Kategoriensystem mit 160 Kriterien.

In politisch gemäßigten Online-Milieus sind nach Angaben von Matthias J. Becker 80 bis 85 Prozent der antisemitischen Äußerungen implizit – etwa durch Anspielungen, Wortspiele oder rhetorische Fragen. Gängige quantitative Erhebungen erfassen diese Formen nicht, wodurch eine große Dunkelziffer entsteht.

Nach dem 7. Oktober 2023 beobachteten die Forschenden zudem eine neue Form antisemitischer Kommunikation. Vorübergehend standen weniger klassische Stereotype oder Analogien im Mittelpunkt. Nutzerinnen positionierten sich offen, indem sie den Terroranschlag begrüßten, guthießen oder rechtfertigten.

Zwischen den Ländern gab es deutliche Unterschiede: Am häufigsten trat Antisemitismus in den untersuchten britischen Medien auf, danach folgten Frankreich und Deutschland. Ein Data-Science-Team der HTW Berlin entwickelte unter Leitung von Prof. Dr. Helena Mihaljević auf Grundlage der Studienergebnisse KI-Modelle zur Erkennung von Antisemitismus im Internet. Die HTW Berlin war mit diesem Data-Science-Teilprojekt an der Studie beteiligt.

24 Vorfälle pro Tag

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, kurz Rias, dokumentierte 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle. Das entspricht durchschnittlich 24 Vorfällen pro Tag. Die Zahl lag mehr als dreimal so hoch wie 2022. Drei Viertel der Vorfälle ereigneten sich außerhalb des Internets, gut ein Viertel online. Bei Bedrohungen lag der Online-Anteil bei fast 43 Prozent.

2025 registrierte Rias außerdem 807 rechtsextreme antisemitische Vorfälle – so viele wie nie zuvor. In der politischen Debatte wurde daneben die Wahl des Generalsekretärs der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt zum Landtagspräsidenten in Magdeburg erwähnt. Er erhielt 48 Stimmen bei 39 AfD-Abgeordneten. Mindestens neun Stimmen kamen daher von anderen Abgeordneten. Fünf davon stammten laut eigener Aussage vom BSW; über die Herkunft der übrigen vier Stimmen wurde spekuliert, unter anderem wurde die CDU als mögliche Quelle genannt.

Bei aller berechtigten Aufmerksamkeit braucht es laut Nicole Diekmann zugleich eine genaue Unterscheidung. Wer unter einem Gedenkpost zusätzlich an die Toten in Gaza erinnert, ist nicht automatisch antisemitisch. Entscheidend ist, ob diese Erwähnung dem Gedenken an die Opfer des 7. Oktober Raum lässt oder es verdrängt. Den Unterschied erkenne man häufig am ersten Wort: „aber“.

Für Betreiber von Seiten und Plattformen nennt der Artikel mehrere Reaktionen: Kommentare abschalten, strafbare Inhalte löschen, übrige Kommentare moderieren und den Aussagen widersprechen. Das Abschalten verhindert den Hass nicht, sondern verlagert ihn lediglich an andere Orte. Moderation und Widerspruch sind aufwendig – laut der Autorin aber eine ernsthaftere Form des Gedenkens als ein bloßer Gedenkpost.

„Nie vergessen. Niemals schweigen.“

Bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Berliner Bebelplatz sollte am Nachmittag der Opfer gedacht werden. Das Motto lautet: „Nie vergessen. Niemals schweigen.“ Auf das Internet übertragen heißt das laut Artikel auch, antisemitische Kommentare wahrzunehmen und ihnen öffentlich entgegenzutreten.

In den Kommentarspalten ist das oft weniger feierlich als ein Kerzenbild. Es bedeutet lesen, einordnen, löschen, widersprechen – und manchmal wieder von vorn anfangen. Ein kurzer Satz, ein verdrehtes Wort, eine Frage mit dem kleinen Gift darin. Genau dort sitzt der Hass mitunter.