An der TU Chemiz steht heute, am 6.10.2026, eine Frage im Raum, die viele jüdische Studierende längst im Alltag begleitet: Wie sicher ist ein deutscher Campus noch? Die Amadeu Antonio Stiftung hat dazu ein Lagebild veröffentlicht. Grundlage ist eine nicht repräsentative Befragung jüdischer Studierender.

85 Prozent der befragten jüdischen Studierenden in Deutschland sagten, sie hätten ihre jüdische Identität schon einmal verborgen. In Europa waren es 80 Prozent, weltweit 78 Prozent. Rund ein Drittel kennt jüdische Kommilitonen, die körperlich bedroht wurden. Für Deutschland wurden die Antworten von 205 jüdischen Studierenden ausgewertet, die an einer deutschen Hochschule studieren. Die Umfragedaten sind allerdings mehr als ein Jahr alt und stammen von der US-amerikanischen Anti-Defamation League.

Mehr als tausend gemeldete Vorfälle

Nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung und des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus wurden zwischen 2022 und 2025 insgesamt 1.056 antisemitische Vorfälle an Hochschulen gemeldet. 2022 waren es 23 Fälle, 2023 bereits 151. Für 2024 wurden 458 Vorfälle registriert, für 2025 weitere 424.

Die Stiftung untersucht ein- bis zweimal jährlich die Entwicklung von Antisemitismus in Deutschland, jeweils mit wechselnden Schwerpunkten. 2026 stehen die Hochschulen im Mittelpunkt. Psychische und körperliche Gewalt gegen Juden gefährde die Bildungs- und Wissenschaftsfreiheit, erklärt die Stiftung.

Nikolas Lelle von der Stiftung bezeichnet deutsche Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023 als zentralen Ort antisemitischer Mobilisierung. An diesem Tag töteten Hamas-Kämpfer und Angehörige anderer extremistischer Organisationen rund 1.200 Menschen in Israel und verschleppten mehr als 250 weitere als Geiseln nach Gaza. Der Angriff löste den Gaza-Krieg aus.

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Die Stiftung fordert verbindliche Schutzkonzepte. Dazu gehören Antisemitismusbeauftragte an den Hochschulen und verpflichtende Fortbildungen gegen Antisemitismus. Unter dem Motto „Für einen Campus ohne Judenhass“ hat sie ihre 23. Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet. Bis November sind bundesweit rund 250 Veranstaltungen an Universitäten geplant.

„Viele Universitäten sind nicht mehr sicher“

Bereits am 27. Februar 2025 veröffentlichten das American Jewish Committee Berlin, kurz AJC Berlin, und die Jüdische Studierendenunion Deutschland, JSUD, den Lagebericht „Antisemitismus an deutschen Hochschulen“. Der Bericht bewertet Antisemitismus an deutschen Universitäten und Hochschulen als deutschlandweites Problem und formuliert Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Politik.

Einbezogen wurden Berichte jüdischer Studierender über konkrete antisemitische Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023, Beiträge des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus sowie Analysen und Erfahrungen aus dem Netzwerk jüdischer Hochschullehrender. Laut Bericht befinden sich jüdische Studierende seit dem 7. Oktober 2023 in einer anhaltenden Ausnahmesituation.

In den Schilderungen geht es um Angst, Rückzug und Schweigen: Jüdische Studierende bleiben dem Campus fern, verbergen ihre jüdische Identität oder trauen sich wegen antiisraelischer und antisemitischer Aktivitäten nicht, ihre Meinung zu äußern. JSUD-Präsidentin Hanna Veiler sagt, viele Universitäten seien für jüdische Studierende nicht mehr sicher. Hochschulen und die Hochschulrektorenkonferenz hätten das Problem zwar teilweise erkannt, doch vielerorts reichten die Maßnahmen nicht aus.

Der Bericht stellt an einigen Hochschulen fehlende Präventions- und Interventionsstrukturen fest. Auf antisemitische Vorfälle werde deshalb häufig nicht angemessen reagiert. AJC-Berlin-Direktor Remko Leemhuis bezeichnet Antisemitismus an Hochschulen als Gefahr für jüdische Menschen und für Universitäten als Orte freier Meinungs- und Wissensbildung.

Teilweise erhalten jüdische Studierende von Hochschulleitungen wenig oder gar keine Unterstützung. Antisemitische Anfeindungen und Angriffe würden mitunter relativiert oder bestritten. Auch antisemitische Aktionen wie Hörsaalbesetzungen würden laut Bericht nicht konsequent genug beendet. Als mögliche Reaktionen nennt der Bericht Polizeianzeigen und Hausverbote.

Besetzte Hörsäle, externe Beteiligte

Beispiele liefert auch die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Besetzte Hörsäle, offene Anfeindungen und eine feindselige Atmosphäre hätten zu physischer Gewalt und Unsicherheit für jüdische Studierende beigetragen. Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich die Lage an deutschen Hochschulen verschärft.

Jüdische Studierende berichten, von Kommilitonen für das Verhalten Israels verantwortlich gemacht worden zu sein. Manche zogen sich aus Angst aus dem Campusleben zurück. Bei Protesten und Hochschulbesetzungen waren zudem zahlreiche nicht eingeschriebene Personen dabei; deshalb wird auch eine systematische Einflussnahme externer Vereinigungen thematisiert.

Die Verantwortung liegt dabei bei Politik, Hochschulleitungen und Studierenden. Gefordert werden klare Leitlinien, eine entschlossene Haltung und eine offene Dialogkultur. Hochschulen sind Orte des intellektuellen Austauschs und der gesellschaftlichen Wertebildung – gerade deshalb tragen sie eine besondere Verantwortung. Vielen Universitäten fehlen laut dem Beitrag jedoch klare Strukturen für einen konsequenten Umgang mit Antisemitismus.

Hochschulleitungen und Politik werden aufgefordert zu handeln, damit Universitäten wieder sichere Orte für alle werden. Nichtjüdische Studierende und Hochschulangehörige sollen bei antisemitischen Äußerungen und Handlungen nicht wegsehen, sondern aktiv dagegen eintreten. Das klingt simpel. Im Alltag ist es das offenbar nicht.

Vorschläge für den Campus

ELNET begrüßt einen angekündigten gemeinsamen Antrag von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen. Der Antrag soll zugleich einen freien Diskursraum sichern.

Im Rahmen der Konferenz „Actions Matter – THE SUMMIT“ entwickelte ELNET einen „Action Plan“ gegen Antisemitismus an Hochschulen. Vorgesehen sind unter anderem Antisemitismusbeauftragte, die Übernahme der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus sowie Bildungsangebote zur Sensibilisierung von Hochschulpersonal und Studierenden.

Außerdem sollen antisemitische Vorfälle systematisch erfasst und dokumentiert werden. Die gesammelten Daten könnten als Grundlage für gezielte Maßnahmen dienen – damit aus einzelnen Meldungen irgendwann nicht bloß Aktenordner werden, die im Hochschulflur Staub ansetzen.