Am 21. Oktober 2026 geht es an der Universität Bielefeld um eine Frage, die in Deutschland seit Jahren intensiv diskutiert wird: Wie hängen Antisemitismus und Rassismus zusammen? Daniel James widmet sich ihr in seiner Antrittsvorlesung „Verflochtene Rassifizierungen. Zur Verwandtschaft von Antisemitismus und Rassismus“. Beginn ist um 16:00 Uhr in Raum X-E0-001. Der Eintritt ist kostenlos.

Die Veranstaltung ist zugleich der Empfang zur Gastprofessur „Interdisziplinäre Antisemitismus- und Rassismuskritik“. Eingeladen sind Interessierte an der Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld. Veranstalterin ist die Universität Bielefeld; Fragen beantwortet sie unter medien@uni-bielefeld.de. Weitere Informationen gibt es unter www.uni-bielefeld.de.

Zwischen Trennung und Unterordnung

In der Debatte stehen sich häufig zwei Positionen gegenüber: Antisemitismus gilt entweder als grundsätzlich verschieden vom Rassismus oder als besondere Form von Rassismus. Beide Sichtweisen behandeln das Verhältnis vor allem als begriffliche Einordnungsfrage. Genau dort setzt James an. Denn wenn Rassismus hauptsächlich nach dem Modell antischwarzer und phänotypisch markierter Differenz verstanden wird, geraten Rassifizierungen, die nicht vorrangig an sichtbaren körperlichen Merkmalen ansetzen, leicht aus dem Blick.

James schlägt deshalb vor, den statischen Begriff „Rasse“ durch den dynamischen Begriff „Rassifizierung“ zu ergänzen beziehungsweise zu ersetzen. Gemeint ist ein historischer Prozess, in dem Unterschiede der Herkunft, Religion oder Kultur sozial markiert werden. Diese Markierungen positionieren Menschen in Herrschaftsordnungen – und sie können graduelle Abstufungen sowie Zuschreibungen und Unterordnungen erfassen, die nicht auf sichtbaren Merkmalen beruhen.

Der Vortrag fragt damit nicht, ob Antisemitismus unter den Rassismusbegriff fällt. Untersucht wird vielmehr genealogisch, also anhand historischer Entwicklungen, wie ethnoreligiöse und koloniale Klassifikationen ineinandergreifen und sich gegenseitig verändern. Antisemitismus und Rassismus werden dabei weder grundsätzlich getrennt noch eines dem anderen untergeordnet.

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Von Iberien bis zu den Plantagen

Als Fallbeispiel dient die Geschichte sephardischer Gemeinden im atlantischen Raum. Im Blick steht die Zirkulation und Neuverknüpfung religiöser, abstammungsbezogener, rechtlicher und kolonialer Klassifikationen: vom spätmittelalterlichen Iberien über das spanische Amerika bis zu den niederländisch-atlantischen Plantagenordnungen des 17. Jahrhunderts.

Aus diesen historischen Verschiebungen entstanden unterschiedliche Formen rassifizierter Zugehörigkeit. Historische Beispiele reichen vom spätmittelalterlichen Spanien bis zu den USA der Gegenwart. Sie zeigen, dass jüdische Identität in verschiedenen Kontexten teilweise rassifiziert wurde. Daraus konnte eine gesellschaftliche Position entstehen, die weder vollständig ein- noch vollständig ausgeschlossen war: nicht ganz weiß, aber auch nicht eindeutig nicht-weiß.

James fasst diesen Zusammenhang unter dem Begriff „Herkunftsverwandtschaft“ zusammen. Er bezeichnet einen historisch hervorgebrachten Zusammenhang, in dem sich unterschiedliche Rassifizierungsprozesse überschneiden und verändern. So sollen die historischen Voraussetzungen vertrauter Kategorien sichtbar werden – und eine geschichtliche Verwandtschaft begrifflich gefasst werden, ohne daraus Gleichartigkeit zu machen.

Forschung zwischen Philosophie und Gesellschaft

Daniel James studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte an der Universität Konstanz mit einer Arbeit über Hegels Theorie der Sittlichkeit. Er war unter anderem an der Humboldt-Universität, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der TU Dresden und am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin tätig.

Seine Schwerpunkte liegen in der klassischen deutschen Philosophie, insbesondere bei Hegel und Marx, außerdem in der Sozialphilosophie, der Philosophy of Race und der Philosophie der Sozialwissenschaften. In seinem Habilitationsprojekt „Rassismus ohne Rasse“ untersucht er Rassifizierung als Prozess herkunftsbezogener Markierung und sozialer Positionierung. Der darin entwickelte Rassismusbegriff soll auch Antisemitismus sowie antiosteuropäischen Rassismus nicht-reduktiv erfassen.

Zu seinen jüngeren Arbeiten gehören Hegel and Colonialism, gemeinsam mit Franz Knappik, erschienen 2025 bei Cambridge University Press, sowie „Folk Concepts of Race, Cross-Culturally“ mit Leda Berio, Steffen Koch, Alex Wiegmann und Benedict Kenyah-Damptey. Außerdem veröffentlichte er „Who Counts in Official Statistics?“ mit Morgan Thompson und Tereza Hendl.

Zusätzlichen Kontext bringt James als erster Fellow des RAR-Fellowships („Relationship between Antisemitism and Racism“) mit. Das Fellowship lief von April bis Juni 2026 und wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Es ist ein gemeinsames Projekt des Forschungsnetzwerks Antisemitismus im 21. Jahrhundert (FoNA21) und des Wissensnetzwerks Rassismusforschung (WinRa).

Moderiert wird die Veranstaltung von Neta-Paulina Wagner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor.

Koloniale Muster und deutsche Geschichte

Der Blick auf solche Verflechtungen berührt auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als die NSDAP 1933 die Macht übernahm, war die Welt weiterhin stark vom europäischen Kolonialismus geprägt. Deutschland besaß seit der Niederlage im Ersten Weltkrieg keine eigenen Kolonien mehr; kolonialrassistische Denkmuster bestanden in der deutschen Gesellschaft dennoch fort.

Diese Denkmuster waren mit antisemitischen Stereotypen und nationalsozialistischen Formen von Rassismus verbunden. Sie beeinflussten, wie Deutsche sich selbst und andere Menschen wahrnahmen, und wirkten sich auch auf staatliches Handeln aus. Die Bildungsmaterialien des Projekts „Verflechtungen von Kolonialismus und Nationalsozialismus“ untersuchen anhand ausgewählter Biografien von People of Color, wie koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus miteinander verbunden waren.

Sie geben Impulse für verflechtungsgeschichtliche Ansätze in der Bildungsarbeit und sollen eine rassismuskritische, multiperspektivische und inklusive Erinnerungskultur fördern. Zwischen historischen Klassifikationen, politischen Ordnungen und heutigen Begriffen bleibt dabei einiges in Bewegung – genau dort setzt Daniel James am 21. Oktober in Bielefeld an.