Im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte in Santiago de Chile ist am Donnerstag die zweisprachige, multimediale Sonderausstellung „A plena luz, todavía“ („Vor aller Augen, noch immer“) eröffnet worden. Sie entstand in Kooperation mit der Freien Universität Berlin und bleibt sechs Monate zu sehen. Dokumente, Fotos, Audio- und Videoaufnahmen sowie historische Gegenstände führen durch die Geschichte der Colonia Dignidad. Eine Medienstation soll dauerhaft im Museum bleiben.

Für die FU Berlin kuratiert die Historikerin Evelyn Hevia Jordán die Ausstellung. Nach ihren Angaben ist es die erste umfassende Schau über die deutsche Sektensiedlung. Erzählt werden ihre Ursprünge in Deutschland, die Gründung 1961 in Chile und die Entwicklung vor, während und nach der chilenischen Diktatur. Die Ausstellung ist kein gemütlicher Rückblick mit ein paar alten Bildern. Sie legt offen, was in der Siedlung geschah – und was bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet ist.

Ein Gelände voller Verbrechen – und Tourismus

Zur Geschichte gehören Zwangsarbeit und sexualisierte Gewalt an Bewohnerinnen und Bewohnern. Während der chilenischen Militärdiktatur von 1973 bis 1990 diente die Colonia Dignidad außerdem als Ort für Inhaftierung, Folter und das Verschwindenlassen politischer Gefangener. Die Leitung der Sektensiedlung arbeitete dabei mit dem chilenischen Geheimdienst DINA zusammen. In Deutschland kam es bislang in keinem Fall zu einer Anklage.

Das frühere Siedlungsgelände nennt sich heute Villa Baviera. Hotel und Restaurant im bayerischen Stil machen den Ort zu einem touristischen Ausflugsziel. Für viele Besucherinnen und Besucher prägt dieser Tourismus das Bild von der Colonia Dignidad. Angehörige von Opfern fordern dagegen Aufklärung und lehnen die touristische Vermarktung ab. Zwischen Souvenirs, Restaurantbetrieb und der Erinnerung an Folter liegt ein ziemlich schwer auszuhaltender Widerspruch.

Eine Gedenkstätte oder ein Dokumentationszentrum gibt es auf dem Gelände weiterhin nicht. Die Pläne für einen Gedenkort sind seit dem Amtsantritt der Regierung von José Antonio Kast im März dieses Jahres unklar. Wohnungsbauminister Iván Poduje stoppte die Pläne der Vorgängerregierung von Gabriel Boric, Teile der früheren Colonia Dignidad für eine Gedenk- und Dokumentationsstätte zu enteignen.

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45 Millionen Euro und ein politischer Rückschritt

Als Grund nennt die Regierung fehlende Mittel für die Enteignung von 117 Hektar und den defizitären Staatshaushalt der vorherigen Regierung. Die Kosten werden mit umgerechnet rund 45 Millionen Euro angegeben. Im Mai 2024 hatte der damalige Präsident Gabriel Boric den Enteignungsplan angestoßen. Vorgesehen war, auf Teilen der Siedlung eine Gedenk- und Dokumentationsstätte zu errichten.

Nach Angaben des Artikels hätte die Enteignungssumme nicht den Angehörigen der Opfer zugestanden, sondern den Unternehmen der Villa Baviera – darunter teilweise Familien von Tätern. Präsident Kast wird als Verehrer des Diktators Augusto Pinochet beschrieben. Kast und Justizminister Fernando Rabat erklärten später, Chile werde internationalen Verpflichtungen nachkommen. Zugleich stellten sie eine kleinere und kostengünstigere Form des Gedenkens in Aussicht.

Die chilenische Regierung kann den Aufarbeitungsprozess nach Darstellung des Artikels weiter behindern. Ein vollständiger Stopp wäre allerdings nur mit Zustimmung der deutschen Bundesregierung möglich. Der gesellschaftliche Druck habe maßgeblich zur Planung der Gedenkstätte beigetragen und müsse auch für ihre spätere Umsetzung bestehen bleiben. Dafür sei eine künftige, progressive Regierung mit einem überarbeiteten Konzept erforderlich.

Ein deutsch-chilenisches Versprechen

Die Regierungen Chiles und Deutschlands verpflichteten sich 2017 in einem Memorandum zum Aufbau einer Gedenk- und Dokumentationsstätte. Seitdem tagt halbjährlich eine chilenisch-deutsche Regierungskommission, die sich mit der Aufarbeitung und der Einrichtung einer Gedenkstätte befasst. Seit 2024 berät und unterstützt sie auch die Errichtung der aktuellen Ausstellung.

Das Auswärtige Amt finanzierte die Ausstellung weitgehend, während das Museum Personal und Räumlichkeiten bereitstellte. Hevia Jordán bezeichnete sie als Beitrag zur Erinnerungspolitik und zu den weiteren Bemühungen um einen Gedenk- und Dokumentationsort. Nach ihrer Einschätzung legitimiert die Ausstellung nicht die derzeitige chilenische Regierung. Sie soll vielmehr die Debatte über die Colonia Dignidad und über die Bedeutung der Menschenrechte für die Demokratie fortführen.

Ein großer Teil des Materials könnte später in eine Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad übernommen werden. Für einen solchen Ort wären konkrete Maßnahmen beider Regierungen nötig, insbesondere die Gründung einer Stiftung oder einer anderen Trägerorganisation. Noch ist das Zukunftsmusik. Die Medienstation in Santiago bleibt immerhin.

Zu spätes Wegsehen

Deutsche Regierungsvertreter setzten sich laut einem Bericht des Auswärtigen Amts häufig nicht ausreichend für die Menschen in der Colonia Dignidad ein. Außenminister Frank-Walter Steinmeier räumte im April 2016 stellvertretend für das Auswärtige Amt ein, deutsche Diplomaten hätten zu wenig zum Schutz ihrer Landsleute getan.

Steinmeier erklärte zugleich, das Auswärtige Amt sei weder für den Militärputsch in Chile noch für die anschließende 17-jährige Militärdiktatur verantwortlich. Auch für die Vorgänge in der Kolonie trage es keine Verantwortung. Dennoch hätte es Deutschen entschiedener „nach pflichtgemäßem Ermessen Rat und Beistand gewähren“ müssen.

In den vergangenen Jahren finanzierte das Auswärtige Amt Projekte zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Außerdem unterstützte es einige in Chile lebende Betroffene, unter anderem durch die Übernahme von Pflege- und Psychotherapiekosten. In Santiago läuft nun die Ausstellung: sechs Monate lang, zweisprachig, mit Bildern, Stimmen, Dokumenten und Dingen, die nicht einfach im Archiv verschwinden sollen.