Berliner Hochschulproteste zwischen Frankreich-Solidarität und langer Blockadetradition
Am 31. Oktober 2026 bleibt der Haupteingang der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf versperrt. Rund 100 Studierende haben sich dort zu einer Studentendemonstration versammelt und den Zugang mit Möbeln und weiteren Gegenständen blockiert. Friedlich, wie die Berliner Polizei berichtet.
Die Hochschule bezeichnete die Aktion als temporäre Blockade, die sich gegen 16 Uhr auflösen sollte. Die Polizei wertete sie als Spontanversammlung, die Hochschule duldete sie zunächst. Nur der Haupteingang war betroffen; über einen Nebeneingang blieb der Zugang möglich. Der Hochschulbetrieb sei dadurch nicht weiter beeinträchtigt worden.
Solidarität mit den Protesten in Frankreich
Die Studierenden legten eine Forderungsliste vor, konkrete Punkte wurden zunächst nicht genannt. Die Hochschule stand nach eigenen Angaben dazu im Dialog. Laut Hochschulsprecher sollte die Aktion ein Zeichen der Solidarität mit den Protesten in Frankreich setzen. Mehrere Akteure waren daran beteiligt.
Der Vorgang in Hellersdorf knüpft an eine Aktion vom Vortag an: Am Mittwoch, 28. Oktober 2026, blockierten Studierende das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Die Initiative „Gen Z regelt“ organisierte die Aktion nach Angaben der Beteiligten. Eingänge des politikwissenschaftlichen Instituts wurden teilweise mit Bauzäunen, Mülltonnen und weiteren Gegenständen versperrt, dazu kamen Transparente.
Die Protestierenden wenden sich gegen Kürzungen an Hochschulen sowie in Bildungs- und Sozialeinrichtungen, gegen höhere Rüstungsausgaben und Militarisierung, eine mögliche Wehrpflicht und Sozialkürzungen. Eine Teilnehmerin sagte, die Gruppe solidarisiere sich mit Streikenden in Frankreich und darüber hinaus. Die Proteste aus Frankreich würden auch Deutschland erreichen.
In einer auf Instagram veröffentlichten Stellungnahme forderte das Aktionskomitee, Kürzungen an Hochschulen zurückzunehmen. Nach Darstellung des Komitees werde Berliner Hochschulen sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen gezielt die Finanzierung entzogen, während Milliardenbeträge in die Aufrüstung flössen. Verwiesen wurde außerdem auf bauliche Probleme an der Technischen Universität und geplante Kürzungen kritischer Lehrangebote an der Freien Universität.
Politikstudium unter Druck
Das Otto-Suhr-Institut sei ausgewählt worden, weil das Politikstudium nach Angaben der Initiative besonders stark betroffen sei. Unter anderem sollten Stellen beliebter Mitarbeiter gestrichen werden. Für 15 Uhr war vor dem Institut eine Pressekonferenz angekündigt.
Die FU Berlin erklärte, sie respektiere friedlichen und gewaltfreien Protest und beobachte die Situation. Damit der Lehrbetrieb weiterlaufen konnte, wurden Lehrende aufgefordert, ihre Veranstaltungen an diesem Tag digital abzuhalten. Vor dem Institut blieb es bei der Blockade, in Hellersdorf bei einer friedlichen Versammlung – zwei Aktionen, ein gemeinsamer Bezugspunkt: der Blick über die Landesgrenzen nach Frankreich.
Blockaden haben eine lange Vorgeschichte
Studentenproteste sind allerdings kein Berliner Sonderfall und schon gar keine Erfindung des Jahres 2026. In Österreich waren Hochschulen in den 1950er- und 1960er-Jahren stark von konservativen, deutschnationalen, rechtsradikalen und neonazistischen Studentenverbindungen geprägt, darunter der Cartellverband und der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS). Österreich definierte sich weiterhin als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus und lehnte eine Mitverantwortung ab. Nach dem Abzug der Besatzungsmächte 1955 traten rechte Gruppierungen und Burschenschaften öffentlicher auf.
Schon 1952 protestierten Studenten auf der Wiener Ringstraße mit einem Sitzstreik gegen Studiengebühren. Im Oktober 1959 marschierten rund 2.000 Deutschnationale anlässlich des 200. Geburtstags Friedrich Schillers in Wien auf, sangen und legten Kränze nieder; die Polizei ging gegen antifaschistische Gegendemonstranten vor. Weil die Hörsäle überfüllt waren, mietete die Österreichische Universitätenkonferenz im Dezember 1960 erstmals private Räume, darunter Kinos. Gegen die Raumnot demonstrierten Studenten am 29. Mai 1961 – teilweise mit einer Blockade der Ringstraße – und am 14. Dezember 1962 erneut.
Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) rief im Mai 1963 zur „Aktion Vorschrift“ auf. Studenten sollten alle inskribierten Lehrveranstaltungen besuchen, um die Raumnot sichtbar zu machen. Am 17. Mai fanden unangemeldete Demonstrationen in der Wiener Innenstadt statt; RFS-Studenten skandierten unter anderem „Pittermann in den Kongo“ und „Pittermann – Sozisau“. Die ÖH sagte weitere Demonstrationen ab, weil sie von radikalen Studenten für Krawalle und Übergriffe missbraucht worden seien. Anfang der 1960er Jahre nahmen rechtsradikale Vorfälle und Verhaftungen randalierender rechter Studenten zu.
1961 wurde die Wiener Burschenschaft Olympia wegen Verbindungen zu Bombenanschlägen in Südtirol aufgelöst, 1973 aber neu gegründet. 1962/1963 klagte der Professor Taras Borodajkewycz zwei Autoren, die ihn mit Neonazismus in Verbindung gebracht hatten. Borodajkewycz war für antisemitische Äußerungen in seinen Vorlesungen bekannt; die Autoren wurden im November 1963 verurteilt. Die Auseinandersetzung weitete sich aus, auch das Kabarettprogramm „Zeitventil“ griff Äußerungen Borodajkewyczs auf.
Am 23. März 1965 jubelten bei einer Pressekonferenz Borodajkewyczs in den Räumen der ÖH zahlreiche Sympathisanten über antisemitische Aussagen. Am folgenden Tag kam es bei einer Vorlesung zu Zusammenstößen zwischen sozialistischen Studenten und Borodajkewycz-Anhängern. Der ÖH-Vorsitzende solidarisierte sich anschließend mit Borodajkewycz. Menschen, die Flugblätter gegen „Antisemiten und Antidemokraten“ verteilten, wurden teilweise mit „Heil Borodajkewycz“-Rufen bedrängt.
Am 29. März trafen rund 1.000 Borodajkewycz-Gegner auf etwa 200 rechtsradikale Gegendemonstranten. Diese skandierten unter anderem „Saujuden“, „Kommunistenschweine“ und „Hoch Auschwitz“. Zwei Tage später griffen Rechtsextreme eine weitere linke Demonstration mit Stahlruten und Stöcken an. Der ehemalige Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger wurde schwer verletzt und starb zwei Tage später. Danach gingen 25.000 Menschen auf die Straße – die bis dahin größte antifaschistische Demonstration der österreichischen Nachkriegszeit. Später wurde ein besetztes Haus nach Kirchweger als „Ernst-Kirchweger-Haus“ benannt.
Von Hörsaalbesetzungen bis zur Mitbestimmung
1967 fanden nach dem Tod Benno Ohnesorgs Solidaritätskundgebungen statt. Im selben Jahr gab es Proteste gegen die Einführung einer EDV-verarbeiteten Hochschulstatistik. Die „Kommune Wien“ entstand als Verbindung von Aktionsgruppe und Studentenverbindung um Robert Schindel; zeitweise trat sie als Sozialistische Österreichische Studenten (SÖS), später als Föderation Neue Linke (FNL) auf. Die Gruppierung beteiligte sich zwischen 1967 und 1969 an zahlreichen Aktionen und verschwand danach weitgehend.
Am 22. Februar 1968 störten linke Studentenvertretungen, darunter VDS und FÖJ, den Wiener Opernball. Die Polizei löste eine Blockade der Ringstraße auf, in der Staatsoper wurden Flugblätter verteilt. Am 1. Mai eskalierten Spannungen zwischen dem VSStÖ und der SPÖ: Die SPÖ kontrollierte Transparente vor ihrem traditionellen Aufmarsch. Studenten störten ein im Fernsehen übertragenes Blasmusikkonzert durch Tanz und Diskussionsrunden. Nach einem Räumungsultimatum stürmte die Polizei den Platz; zahlreiche Studenten wurden geschlagen, getreten oder an den Haaren weggezogen, einige Konzertbesucher unterstützten die Polizei.
Viele Studenten verließen daraufhin aus Protest gegen die SPÖ den VSStÖ und schlossen sich teilweise mit der Kommune Wien zum SÖS zusammen. Ein erstes großes Protestereignis 1968 war ein von Bahman Nirumand geleitetes „Teach-in“ über „Weltrevolution und Konterrevolution“. Es führte zur Besetzung des Hörsaals 1 im Neuen Institutsgebäude (NIG) der Universität Wien. Betriebsräte der Floridsdorfer Lokomotivfabrik sprachen dort über die drohende Schließung ihres Betriebs.
Am nächsten Tag endete die Besetzung, damit die Beteiligten an einer Schülerdemonstration teilnehmen konnten; dabei wurde die Parlamentsrampe gest
