Blindgängerfund legt Universität Duisburg-Essen in Essen lahm
Auf dem Campus der Universität Duisburg-Essen in Essen bleibt es am Donnerstag still: Die Universität wird bis zum Abschluss der Entschärfung eines Blindgängers geschlossen. Gefunden wurde die Fünf-Zentner-Bombe am Dienstagabend bei Sondierungsarbeiten an der Segerothstraße 73 im Nordviertel, nördlich der Innenstadt.
Die Entschärfung ist für Donnerstag, den 8. Oktober, geplant. Der große organisatorische und logistische Aufwand – vor allem wegen der notwendigen Evakuierung der Universität – hat den ursprünglichen Zeitplan verschoben. Veranstaltungen und Tätigkeiten können in den digitalen Raum, nach Duisburg oder ins Homeoffice verlegt werden.
1.050 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen
Ab Donnerstag um 8 Uhr sollen alle Gebäude in einem Radius von 300 Metern um die Fundstelle geräumt werden. Rund 1.050 Menschen sind betroffen. Evakuiert werden unter anderem die Universität Duisburg-Essen, ein Gebäude der FUNKE Mediengruppe, die Agentur für Arbeit, IKEA an der Altendorfer Straße, XXXLutz Kröger, eine Awo-Kita sowie die Bordelle in der Stahlstraße.
Seit kurz vor 8 Uhr werden Anwohner aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Lautsprecherdurchsagen unterstützen die Aufforderung. Wer keine andere Unterkunft hat, kann in die nahegelegene Weststadthalle Essen an der Thea-Leymann-Straße 23 gehen. Dort richtet die Stadt ab Donnerstag, 8 Uhr, eine Betreuungsstelle ein. Eine Veranstaltung des Jugendamts in der Weststadthalle fällt deshalb aus.
Die Agentur für Arbeit bleibt am Donnerstag den ganzen Tag geschlossen – auch nach der Entschärfung. Wer sich an diesem Tag persönlich arbeitslos melden möchte, soll daraus keine Nachteile haben. Alle Termine im Neukundenbereich des JobCenters Essen fallen aus.
Straßen gesperrt, Ruhrbahn fährt anders
Seit kurz nach 8 Uhr sind mehrere Straßen nördlich der Innenstadt gesperrt. Während der Entschärfung werden weitere Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr und im Individualverkehr erwartet. Die Stadt bittet Autofahrer, den Bereich weiträumig zu umfahren; wann die Evakuierung abgeschlossen und die Bombe entschärft werden kann, lässt sich derzeit nicht abschätzen.
Die Ruhrbahn hält nicht mehr an den Haltestellen „Berliner Platz“ und „Universität“. IKEA und XXXLutz öffnen am Donnerstag zunächst nicht. Das Rotlichtviertel in der Stahlstraße wird geräumt.
Der Limbecker Platz liegt knapp außerhalb des Evakuierungsbereichs. Das Einkaufszentrum bleibt geöffnet, die Geschäfte öffnen dort wie gewohnt. Am Mittwoch gab es laut Stadt noch keine Einschränkungen für den Straßenverkehr; die Fundstelle wurde überwacht.
Für Fragen hat die Stadt ein Gefahrentelefon unter 0201 / 88-33333 eingerichtet. Es ist am Mittwoch von 12:30 bis 16:30 Uhr und am Donnerstag ab 7:30 Uhr erreichbar.
Warum solche Funde nicht ungewöhnlich sind
Der Essener Blindgänger stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. In Deutschland liegen weiterhin zahlreiche solcher Bomben im Boden, besonders in Großstädten und auf ehemaligen kriegswichtigen Arealen. Schätzungen für 2022 gehen bundesweit von etwa 100.000 bis 300.000 Tonnen Blindgängern im Erdreich aus. Jährlich werden ungefähr 5.000 Blindgänger geräumt.
Ob ein Gebiet als gefährdet gilt, ermitteln Fachleute anhand bekannter geografischer Schwerpunkte der Luftangriffe, alliierter Luftaufnahmen vor den Angriffen und Vergleichsaufnahmen nach den Bombardierungen. Auf den Bildern sind unter anderem Industrieanlagen, Bahnhöfe, militärische Stellungen und mögliche Einschlagstellen zu erkennen.
Manche Funde tauchen zufällig bei Bauarbeiten oder auf landwirtschaftlichen Flächen auf. Dann muss die Polizei informiert werden, die rund um die Uhr das Sprengkommando verständigt. Bei geplanten Bauarbeiten wird gezielt nach Kampfmitteln gesucht: Experten werten historische Luftbilder aus, Kampfmittelräumdienste lokalisieren verdächtige Objekte vor Ort mit Metalldetektoren.
Entschärft wird meistens direkt am Fundort, weil ein Transport zu riskant wäre. Kein Panzerwagen kann eine detonierende Fliegerbombe zuverlässig abschirmen, und eine Schutzkleidung, die Kampfmittelentschärfer bei einer unkontrollierten Explosion sicher schützt, gibt es nicht. Der Blindgänger wird vorsichtig mit Baggern und Schaufeln freigelegt – jede Bewegung kann eine Explosion auslösen. Danach identifizieren die Experten den Zündmechanismus.
Ist ein Zünder vorhanden, gilt die Bombe als scharf; der Zünder muss entfernt werden. Aufschlagzünder und chemisch-mechanische Langzeitzünder sind gleichermaßen gefährlich. Mit zunehmendem Alter werden die Bomben unberechenbarer: Der Sprengstoff ist seit mehr als einem halben Jahrhundert über seine vorgesehene Haltbarkeit hinaus, chemische Zwischenprodukte können gefährlicher sein als der ursprüngliche Sprengstoff, und Zünder können weiterhin funktionieren.
Kampfmittelentschärfer müssen laut dem Leiter des Hamburger Kampfmittelräumdienstes etwa 100 Bombenmodelle kennen, 30 davon jederzeit sicher beherrschen. Der ausgebaute Zünder wird vorsichtig von der Bombe weggetragen und separat gesprengt. In Deutschland kommt es durchschnittlich ein- bis zweimal jährlich zu Selbstdetonationen; dabei werden wiederholt Menschen verletzt oder getötet.
Vom Sicherheitsradius bis zur Vernichtung
Große Fliegerbomben, für deren Entschärfung ganze Stadtteile geräumt werden, sind vergleichsweise selten. Häufiger werden kleinere Sprenggranaten gefunden, die im Krieg von Alliierten und Deutschen eingesetzt wurden. Manche enthalten nur etwa 20 Gramm Sprengstoff, können im direkten Umfeld aber tödlich sein. Erschütterungen können eine plötzliche Explosion auslösen; solche kleineren Kampfmittel verursachen die häufigsten Blindgänger-Unfälle in Deutschland.
Nach dem Ausbau des Zünders muss auch der verbleibende Sprengstoff zerstört werden. Bomben und Munition werden teilweise direkt am Fundort gesprengt, andere Kampfmittel zur Vernichtung abtransportiert. In Zeiten mit viel Bautätigkeit fällt bei den Sprengkommandos tonnenweise Altmunition an. Wegen begrenzter Kapazitäten kann ein Teil davon bis zum Winter gelagert werden. Granaten und Patronen werden in einem berstsicheren Ofen verbrannt; der Sprengstoff detoniert dabei mit lautem Knallen.
Bei einer Entschärfung oder kontrollierten Sprengung legen die Experten einen Sicherheitsradius fest. Gebäude und Straßen innerhalb dieses Bereichs werden bis zur Beseitigung der Gefahr evakuiert. Behörden sind verpflichtet, die Bevölkerung zu schützen; Ordnungs- und Rettungsdienste können Bewohner dazu zwingen, Häuser und Wohnungen im betroffenen Gebiet zu verlassen.
Jedes Bundesland hat eine eigene Kampfmittelverordnung. Eine einheitliche bundesweite Regelung zu Zuständigkeit, Finanzierung, Haftung und technischen Anforderungen gibt es bislang nicht. Informationen zur Kostenübernahme können beim jeweiligen Bundesland erfragt werden. Gebäude- und Hausratversicherungen decken normalerweise Schäden durch explodierte Blindgänger ab.
