FU Berlin, 5.11.2026. Wer heute in der Mensa, im Seminarraum oder an der Supermarktkasse zuhört, könnte den Eindruck bekommen: Das „Bitte“ stirbt aus. Ganz so einfach ist es aber nicht. Jüngere Menschen verwenden das Wort im Alltag tatsächlich seltener als ältere. 30-Jährige sagen es bei ungefähr jeder vierten Bitte, 70-Jährige etwa doppelt so häufig.

Die Zahlen stammen aus einem internationalen Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld, über das ZDFheute berichtet hat. Für die Untersuchung füllten Menschen einen Onlinefragebogen aus. Darin ging es unter anderem darum, wie sie Bitten formulieren und welchen Einfluss Alter und Region haben.

Ein „vielleicht“ kann mehr sagen als ein „Bitte“

Unfreundlicher sprechen die Jüngeren deshalb nicht automatisch. Sie greifen häufiger zu anderen sprachlichen Werkzeugen: „vielleicht“ oder „eventuell“ schwächen eine Bitte ab und lassen sie dadurch höflich klingen. Auch der Konjunktiv ist ein Klassiker: „Könnten Sie …?“, „Würden Sie …?“ oder „Ich hätte gern …“ klingen anders als ein knapper Imperativ. Ob daraus eine Bitte oder doch eher eine Anweisung wird, entscheidet allerdings auch die Stimme – Intonation und Stimmmodulation mischen kräftig mit.

Das zeigt sich schön an einem Satz aus dem Süden des deutschen Sprachraums: „Könnten Sie mir bitte eventuell ein Gipfeli geben?“ Hier kommen Konjunktiv, „bitte“ und eine Abschwächung zusammen. In Deutschland mag das leicht übervorsichtig wirken, in anderen Gegenden ist es schlicht eine geläufige höfliche Form.

Förmliche Anreden wie das Siezen verwenden jüngere Menschen ebenfalls seltener. Die Linguistin Janel Zoske weist aber darauf hin, dass die Anrede nicht allein vom Alter der sprechenden Person abhängt. Auch das Alter des Gegenübers spielt eine Rolle. Unter erwachsenen, einander unbekannten Personen wird in der Standardsprache traditionell gegenseitig gesiezt; das Du wird normalerweise im gegenseitigen Einverständnis angeboten, meist von der älteren oder ranghöheren Person.

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Seit etwa den 1970er Jahren duzen sich jüngere Erwachsene allerdings häufiger spontan, vor allem außerhalb geschäftlicher oder amtlicher Situationen. Bei spontanen Bekanntschaften, auf Veranstaltungen oder unter Nachbarn, ist das heute verbreiteter als früher. In Internetforen und Chats gilt ohnehin meist das Du, auch unter Fremden. Moderatoren können aber die Sie-Form vorgeben. Und in privaten SMS- und Chatnachrichten fehlen Anrede und Schlussformel oft gleich ganz.

Vom „Ihr“ zum „Sie“ – und manchmal zurück

Die deutsche Standardsprache verwendet heute die großgeschriebene Höflichkeitsform „Sie“ mit Verbformen der dritten Person Plural. „Siezen“ heißt die Anrede mit „Sie“, „Duzen“ die mit „Du“. Frühere Formen wie „Ihr“ sowie „Er/Sie“ sind in der Standardsprache weitgehend zurückgedrängt worden. Im Alltag tauchen ihre Spuren aber noch auf.

„Ihrzen“ bezeichnet die Anrede mit „Ihr“. In der Standardsprache wirkt sie meist veraltet, in mehreren Dialekten ist sie erhalten – besonders in der Schweiz und in oberdeutschen Dialekten. Im Berndeutschen heißen „Ihr“ etwa „dir“ oder „ir“, „Euch“ wird zu „üüch“ oder „öich“, auch gegenüber Amtspersonen. Gelegentlich wandert das Ihrzen aus Dialekten sogar in die schweizerische Hochsprache. Ähnliche Formen gibt es im Niederdeutschen sowie im Friesischen in Nordfriesland und auf Helgoland.

Historisch kam das Ihrzen im 12. Jahrhundert unter französischem Einfluss auf und war bis ins 18. Jahrhundert im gesamten deutschen Sprachraum auch in der Hochsprache üblich. Sätze wie „Habt Ihr den Wechsel erhalten, gnädiger Herr?“ oder „Haben Euer Gnaden wohl geruht?“ klingen heute nach Theaterbühne. Die Form „Eure Eminenz“ wird teilweise noch verwendet; trotz des Possessivpronomens „Eure“ stehen die Verben dabei normalerweise in der Sie-Form.

Zusätze wie „gnädiger Herr“ oder „gnädige Dame“ signalisierten zusätzlichen Respekt und standen meist nur bei der ersten Anrede. Mit dem gesellschaftlichen Wandel im 19. und 20. Jahrhundert und der Verbreitung des bürgerlichen „Sie“ verschwanden sie weitgehend. „Herr“ und „Frau“ vor dem Nachnamen blieben dagegen erhalten.

Auch die Anrede mit „Er“, beziehungsweise bei Frauen „Sie“, in der dritten Person Singular hatte ihre Zeit. Dieses „Erzen“ war im 17. Jahrhundert eine besonders hohe, im Briefverkehr verbreitete Höflichkeitsform und wurde im frühen 18. Jahrhundert durch das plurale „Sie“ ersetzt. Historische Beispiele finden sich unter anderem in Lessings Minna von Barnhelm und in Berichten über die Anrede am bayerischen Königshof im Jahr 1810. Erzen konnte allerdings nicht nur Höflichkeit ausdrücken, sondern auch Geringschätzung oder einen maßvollen Vorwurf gegenüber sozial niedriger gestellten Personen.

Ein dialektaler Rest steckt im Berliner „Er“: „Hatter denn ooch’n jült’jen Fahrausweis?“ Daneben gibt es die seltene Anrede mit „man“, vor allem in Fragen: „Hat man denn nichts gesehen?“ Und dann wäre da noch das „Wir“ – als Autoren-Wir in Texten und Vorträgen („Nehmen wir mal an …“), beim Anfeuern einer Mannschaft („Wir wollen kämpfen …“), scherzhaft als Übergang zwischen Siezen und Duzen („Wie geht es uns denn heute?“) oder in der Babysprache.

Wer wen duzt

Bis ins dritte Viertel des 20. Jahrhunderts duzten sich Menschen in Städten vor allem innerhalb der Familie, unter engen Freunden und unter gleichrangigen Arbeitern. Auf dem Land war das Du weiter verbreitet. Auch auf Baustellen, unter Fernfahrern, in Gewerkschaften, sozialistischen und grünen Parteien sowie in Umwelt-, Friedens- und anderen Aktivistengruppen war und ist es üblich.

Vor etwa 1970 duzten sich einander unbekannte junge Erwachsene meist nur bis ungefähr zum 16. oder 18. Lebensjahr. Studienanfänger siezten sich vielfach während des gesamten Studiums. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist das Duzen auch in Betrieben und zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten häufiger geworden. Nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG haben Betriebsräte bei Regelungen zur Anrede ein Mitbestimmungsrecht. Ein Betrieb kann also festlegen, ob geduzt oder gesiezt wird; eine Pflicht zum Duzen besteht grundsätzlich nicht. Unternehmen können sogar verpflichtet sein, Beschäftigte anzuweisen, einen Kollegen nicht zu duzen, wenn dieser das nicht möchte.

Im Ausbildungsbetrieb kann das einseitige Du von Vorgesetzten gegenüber Lernenden vorkommen, auch wenn diese volljährig sind. Zwischen Lehrkräften und älteren Schülern kann eine wechselseitige Anrede vereinbart werden. Ältere Menschen duzen Jüngere im Alltag aber nicht in gleichem Maß häufiger, wie jüngere Menschen einander duzen; die Altersgrenze liegt vielfach weiterhin ungefähr bei 16 bis 18 Jahren.

Ein schiefer Blick auf soziale Konventionen bleibt nicht aus. Gegenüber manchen erwachsenen Personen aus Vorderasien oder Afrika wird gelegentlich spontan geduzt oder nur der Vorname verwendet; dann wird üblicherweise ebenfalls eine Ansprache mit Vornamen erwartet. Wer sich selbst nicht an Konventionen hält, kann dagegen auch im amtlichen Verkehr das Siezen als unpassend empfinden. Polizeikräfte verwenden gegenüber stark alkoholisierten Personen gelegentlich die Du-Form.

Kinder werden im deutschen Sprachraum grundsätzlich nicht gesiezt, auch wenn sie adelig sind. Sie duzen Familienangehörige und zunächst auch fremde Personen. Eine Höflichkeitsform gegenüber Großeltern, geehrten Verwandten oder Schwiegereltern war teilweise bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts üblich, ist heute aber selten. Traditionell sollen Kinder ab einem bestimmten Alter Erwachsene siezen – außer Familienangehörige und manche enge Bekannte. Das muss gelernt werden: „Frau Müller“ verbinden Kinder anfangs häufig noch mit der Du-Form.

Erzieher werden in Deutschland meist mit Vornamen, teilweise mit Nachnamen angesprochen. In der antiautoritären Erziehung wurde zeitweise propagiert, Eltern beim Vornamen zu nennen und fremde Erwachsene zu duzen. Die Ansprache der biologischen Eltern mit Vornamen ist wieder deutlich zurückgegangen, kommt gegenüber Stiefeltern aber teilweise noch vor. „Oma Maria“ oder „Onkel Fritz“ wird unterschiedlich gebraucht, vor allem wenn eine Verwechslung möglich ist. Nicht verwandte, mit der Familie vertra