Die Kanzler und die Intellektuellen: Eine unbequeme Beziehung in der Bundesrepublik
Wie nahe dürfen Kanzlerinnen und Kanzler dem geistigen Leben eines Landes kommen? Und wann wird aus Austausch Vereinnahmung, aus Beratung ein Machtspiel? Peter-André Alt, Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, verfolgt diese Fragen in seinem Buch Die Kanzler und die Intellektuellen. Geschichte einer unbequemen Beziehung, das 2026 bei C. H. Beck erschienen ist.
Auf 816 Seiten untersucht Alt den Umgang der neun deutschen Bundeskanzler von 1949 bis 2024 mit Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern und Publizisten. Sein Befund fällt eher spröde aus: Die Beziehungen waren meist belastet oder gestört. Frauen spielten darin eine geringere Rolle; genannt werden unter anderem Alice Schwarzer und Juli Zeh. Angela Merkel bezog allerdings mehr Frauen in ihren Beraterkreis ein.
Von Adenauer bis Schröder: Nähe, Abwehr und Missverständnisse
Konrad Adenauer, Bundeskanzler von 1949 bis 1963, suchte keine intellektuelle oder kulturelle Bestätigung und ignorierte Intellektuelle weitgehend. Eine Ausnahme war seine Begegnung mit Oskar Kokoschka, der Adenauer 1966 porträtierte. Der Kanzler fand das Porträt wenig erbaulich.
Ludwig Erhard interessierte sich von 1963 bis 1966 immerhin für moderne Architektur. Der Architekt Sep Ruf entwarf den Kanzlerbungalow in Bonn, dessen nüchternes Ambiente Erhard schätzte. Adenauer nannte das Gebäude hingegen ein „Ungetüm“. Im Streit mit Rolf Hochhuth reagierte Erhard auf dessen Kritik an „Wohlstand für alle“ mit einer scharfen persönlichen Attacke.
Kurt Georg Kiesinger war als junger Leser offen für moderne Literatur, blieb aber kulturell und politisch konservativ. Sein öffentliches Ansehen war durch seinen NSDAP-Beitritt am 1. Mai 1933 belastet. Zu seinen schärfsten Kritikern gehörte Günter Grass. Später wurde bekannt, dass auch Grass selbst während der NS-Zeit belastet gewesen war.
Unter Willy Brandt, der von 1969 bis 1974 regierte, war der Schulterschluss zwischen Kanzler und Intellektuellen besonders eng. Günter Grass organisierte das „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ für Brandts SPD-Wahlkampf und wurde als Kanzler zu Brandts selbst ernanntem Berater in politischen Fragen. Damit überschritt Grass laut Alt das traditionelle Rollenverständnis, wonach Intellektuelle politische Vorgänge lediglich beobachten sollten.
Heinrich Böll ließ sich weniger leicht politisch einbinden. Martin Walser betonte die unterschiedlichen Bedingungen von Literatur und Politik, unterstützte aber zeitweise die DKP. Brandt interessierte sich laut Alt stärker für die Lebensentwürfe von Künstlern als für deren literarische Werke. Ein kleiner, aber verräterischer Unterschied.
Helmut Schmidt setzte von 1974 bis 1982 auf Vernunft und stand idealistischen Überhöhungen skeptisch gegenüber. Anders als Brandt suchte er bei Kontroversen nicht die Rolle des Moderators und scheute Konflikte nicht. Anregungen holte er sich beim Sozialwissenschaftler Karl Popper; außerdem musizierte er mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz und verstand sich gut mit Siegfried Lenz. Die meisten Schriftsteller hielt Schmidt allerdings für politische „Leichtgewichte“.
Helmut Kohl hatte laut Alt unter Intellektuellen den schwersten Stand. Er war belesen, trat aber wenig intellektuell auf. Seine Kulturpolitik schwankte zwischen Ideologieverdacht und Unterstützungsbereitschaft. Kontakt hatte Kohl unter anderem zu Reiner Kunze und Hans-Joachim Schädlich, die 1977 aus der DDR in den Westen kamen. Besondere Aufmerksamkeit erregten seine Besuche bei Ernst Jünger.
Kohls Äußerungen zu NS-Verbrechen wurden teils als missverständlich oder relativierend eingeordnet, darunter die Formel von der „Gnade der späten Geburt“. Bei Gerhard Schröder, Kanzler von 1998 bis 2005, lag die Sache wieder anders: Früh suchte er die Nähe zu Malern, Grafikern und Filmschaffenden. Zu seinen Künstlerfreunden gehörten Jörg Immendorff und Markus Lüpertz.
Mit Schriftstellern und Denkern tat sich Schröder schwerer. 1979 sagte er am Rand der Frankfurter Buchmesse, er lese nicht mehr, weil dies vom eigenen Nachdenken ablenke. Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz vermittelte zwischen Schröder und der intellektuellen Szene. Trotz Widerstands richtete Schröder ein Kulturstaatsministerium ein.
Wissenschaft, Sachbücher und kleine Gesprächsrunden
Angela Merkel war von 2005 bis 2021 geistig stark durch die Wissenschaft geprägt. Das zeigte sich laut Alt in Neugier, Vorsicht und Sachlichkeit. Sie unterstützte die Forschung und suchte den Austausch mit Intellektuellen, etwa mit dem Historiker Herfried Münkler. Ihre Gespräche fanden eher vertraulich und in kleinen Kreisen statt, nicht in öffentlichen Inszenierungen. Außerdem war Merkel regelmäßiger Gast der Bayreuther Festspiele.
Olaf Scholz, Bundeskanzler von 2021 bis 2025, galt möglicherweise als eifrigster Leser unter den Bundeskanzlern. Angeblich trug er stets ein Sachbuch in seiner Aktentasche. Auf der Leipziger Buchmesse 2024 bezeichnete er Literatur als sensiblen Sensor für die Welt von morgen. Privat pflegte Scholz Kontakt zu Autoren und Wissenschaftlern; öffentlich verbarg er sein Wissen hinter bewusst einfacher Sprache ohne Bildungsbarrieren.
Friedrich Merz wird in der Untersuchung nicht behandelt. Das Buch reicht inhaltlich von Konrad Adenauer bis Olaf Scholz und betrachtet die Beziehungen der Bundeskanzler zur Literatur- und Kulturszene ebenso wie zu einzelnen Intellektuellen. Genannt werden neben Heinrich Böll und Günter Grass auch Wolf Biermann, Christa Wolf, Eva Menasse und Juli Zeh.
Buchvorstellung in Lübeck
Wer die Debatte nicht nur gedruckt verfolgen möchte, kann am 27. Oktober 2026 um 19:00 Uhr ins Willy-Brandt-Haus, Königstraße 21, 23552 Lübeck, kommen. Dort findet die Buchvorstellung und das Gespräch „Die Kanzler und die Intellektuellen“ statt. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen den deutschen Bundeskanzlern und dem geistigen Leben der Bundesrepublik.
Peter-André Alt spricht mit Bettina Greiner vom Willy-Brandt-Haus Lübeck und Jörg-Philipp Thomsa vom Günter Grass-Haus. Es geht um den Einfluss von Intellektuellen auf die Politik und um Konflikte zwischen geistigem Leben und politischer Macht – also genau jene Reibung, bei der es selten gemütlich bleibt.
Veranstalter sind das Willy-Brandt-Haus Lübeck und das Günter Grass-Haus. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist bis zum 27. Oktober 2026 erforderlich, telefonisch unter 0451/122 425 0 oder über ein Online-Formular.
Ein politisches Lesebuch mit viel Material
Die Resonanz auf Alts Arbeit fällt breit aus. Martin Oehlen bezeichnete das Buch in der Frankfurter Rundschau als „politisches Lesebuch für alle Kreise“. Thomas Schmid hob in der Welt am Sonntag die anschaulichen Porträts der unterschiedlichen deutschen Regierungschefs hervor. Hans-Jürgen Jakobs beschrieb im Handelsblatt die Untersuchung als eine Spurensuche danach, wo deutsche Regierungschefs ihre Ideen schöpften.
SWR Kultur stellte heraus, dass Alt das Verhältnis von Intellektuellen und Politik entlang der politischen Geschichte der Bundesrepublik von Adenauer bis Scholz darstellt. Zugleich bewertete der Sender die Darstellung als Grundlage zum Verständnis heutiger politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zwischen Politik und Intellektuellen.
Eckart Lohse nannte das Buch in der F.A.Z. ein solides Werk über die Rolle des Intellektuellen in den Kanzlerschaften der Bundesrepublik. Rudolf Walther bezeichnete es in der Süddeutschen Zeitung als umfassendes und gut lesbares Werk über die komplexe Beziehung zwischen Kanzlern und Intellektuellen; die Zeitung schrieb dem Buch außerdem den Rang eines historischen Standardwerks zu.
Thomas Karlauf betonte in der FAZ, dass die Kanzler parteiübergreifend mit Respekt behandelt würden. Die FAZ empfahl das Buch als wichtige Lektüre für die künftige Beschäftigung mit der Geschichte der Bundesrepublik. Alexander Cammann hob in der ZEIT
