Einsamkeit der Gen Z: Warum soziale Medien Begegnungsorte nicht ersetzen können
Heute, am 29.09.2026, wirkt die Frage nach Einsamkeit nicht wie ein Randthema. Sie steckt im Alltag vieler junger Menschen: im überfüllten Chat, der trotzdem niemanden wirklich erreicht, im langen Scrollen vor dem Einschlafen, in Tagen, an denen man kaum das Haus verlässt. Eine europaweite Studie der Europäischen Kommission stellte bereits 2022 erstmals einen deutlichen Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und zunehmender Einsamkeit fest.
Kommunikation, Arbeit und Freizeit wandern weiter in digitale Räume. Der Onlinehandel lässt immer mehr Ladenlokale leer stehen, Homeoffice verringert den Publikumsverkehr in den Innenstädten. Dazu kommen Hitze- und Kälteperioden, die Straßen und Plätze über längere Zeit kaum nutzbar machen. Weniger Gründe, vor die Tür zu gehen; weniger attraktive Orte, an denen man zufällig ins Gespräch kommt.
Wenn der digitale Raum nicht reicht
Eine Studie der Vodafone Stiftung vom 25. Februar 2026 zeigt, wie groß der Druck für Jugendliche und junge Erwachsene ist. Befragt wurden 1.046 Menschen zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland. Knapp die Hälfte fühlt sich häufig oder gelegentlich einsam, etwa jede:r Zweite erlebt Einsamkeit als alltägliche Belastung. Sie wird ähnlich stark wahrgenommen wie Schulstress, Zukunftsängste und mentale Erschöpfung.
Viele Jugendliche verstehen Einsamkeit dabei nicht bloß als persönliches Problem, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe. Weibliche Jugendliche sind häufiger betroffen als männliche. Wer oft einsam ist, bewertet weitere Stressfaktoren und den eigenen Alltag insgesamt negativer. Beim Krisenchat taucht Einsamkeit häufig zusätzlich zu familiären Problemen, Depressionen oder Liebeskummer auf.
Soziale Medien sind Teil dieses Widerspruchs. Knapp die Hälfte nutzt sie häufig oder gelegentlich, um sich weniger einsam zu fühlen; besonders einsame Jugendliche greifen überdurchschnittlich oft auf solche Angebote zurück. Zugleich steht intensive Nutzung bei einem erheblichen Teil der Jugendlichen mit stärkeren Einsamkeitsgefühlen und emotionaler Belastung in Zusammenhang. Digitale Inhalte schätzt nur eine Minderheit als wirksame Bewältigungsstrategie ein. Persönliche Treffen, gemeinsame Aktivitäten mit Freund:innen, Hobbys, Sport und kreative Tätigkeiten schneiden deutlich besser ab.
Erhoben wurde die Vodafone-Studie von Infratest dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung. Die Befragung lief vom 5. bis 18. Mai 2025; verwendet wurde eine Quotenstichprobe, angepasst an wesentliche Merkmale der Grundgesamtheit. Eine große Mehrheit sieht Schulen und Ausbildungsstätten in der Pflicht, Unterstützung gegen Einsamkeit anzubieten. 84 Prozent halten entsprechende schulische Angebote für wichtig oder sehr wichtig. Gewünscht werden mehr Gespräche über Einsamkeit, soziale Begegnungsräume, Prävention und ein reflektierter Umgang mit digitalen Medien.
Die Stadt als Gegenmittel
Anfang der 2030er-Jahre, so die in der Debatte entworfene Perspektive, wächst das Bedürfnis nach physischer Präsenz, direkten Gesprächen, zufälligen Begegnungen und gemeinsamem Erleben. Gesucht werden Räume mit angenehmen Temperaturen, ohne Konsumzwang, zum Verweilen und zum Erleben des Augenblicks. Nicht noch ein Café, in dem man erst einen Haferdrink kaufen muss, bevor man sitzen darf.
Architektinnen und Architekten beginnen deshalb, leer werdende Städte durch Umbau, Weiterbau und die Nutzung bestehender Gebäude neu zu gestalten. Leichte Konstruktionen ergänzen vorhandene Häuser, Dächer werden zu öffentlichen Parks und begehbaren Ebenen, ehemalige Chefetagen zugänglich gemacht, Innenhöfe geöffnet. Verlassene Handelsflächen dienen Musik, Kultur, Bildung, Sport und gemeinschaftlichem Arbeiten.
Diese neue Urbanität setzt auf frei zugängliche Orte, die vor Hitze, Regen und extremen Wetterereignissen schützen. „Middoors“ heißen klimatische Zwischenzonen zwischen Innen- und Außenraum sowie zwischen öffentlichem und privatem Raum. Gebäude reichen über ihre Fassaden hinaus: als begehbare Landschaften, Terrassen, Hallen und Plattformen. Ein Netz neuer Aufenthaltsorte legt sich über den bestehenden Stadtkörper.
„Interior Urbanism“ erweitert den traditionell als Außenraum verstandenen öffentlichen Raum in die Gebäude hinein. Tiefgaragen werden zu Skateparks, Kaufhäuser zu Musikschulen, Bürohäuser zu öffentlichen Wohnzimmern. So könnten Innenstädte wieder Orte werden, an denen Menschen Zeit verbringen und sich Generationen, unterschiedliche Herkünfte und Lebensrealitäten begegnen. Aus Zufällen entstehen Freundschaften, Kooperationen, Gemeinschaften und neue Rituale.
Für 2036 wird die Innenstadt als Ort gesellschaftlicher Teilhabe beschrieben. Die Digitalisierung übernimmt viele Routinen und schafft Freiräume; die „Encounter City“ gibt ihnen eine neue räumliche Form. Ehemalige Konsumorte werden zur Ressource für eine offene, klimaresiliente und gemeinschaftliche Stadt.
Gustav Düsing, Architekt mit eigenem Studio in Berlin, lehrte unter anderem an der TU Braunschweig, der Roma Tre und der Cornell AAP. Derzeit ist er Interimsprofessor an der RWTH Aachen. Die Debattenreihe kündigt für den folgenden Tag Teil 13 mit Berthold Kohler an.
Eine Generation mit leerer sozialer Batterie
Die Gen Z umfasst laut dem zugrunde liegenden Artikel junge Erwachsene im Alter von 19 bis 29 Jahren. Ihre Einsamkeit liegt nach der Jugendtrendstudie des Instituts für Generationenforschung Augsburg und der Universität Augsburg auf einem historischen Höchststand. Für die repräsentative Untersuchung wurden knapp 5.000 Menschen befragt.
Bayern weist im Vergleich der Bundesländer mit deutlichem Abstand die niedrigste Einsamkeit auf. Studienleiter Rüdiger Maas vermutet dahinter ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl: Viele Menschen identifizierten sich mit dem Land und fühlten sich dadurch sozial sicherer. Diese Grundsicherheit könne beeinflussen, wie soziale Medien genutzt werden, und die Anfälligkeit für Spaltung verringern.
Sehr lange Nutzung sozialer Netzwerke geht laut Studie häufig mit Isolation und Einsamkeit einher. Die Plattformen schaffen nicht unbedingt neue Kontakte, sondern können bestehende verdrängen. Wer Freunde und regelmäßige Aktivitäten in der analogen Welt hat, nutzt soziale Medien nach Maas bewusster und kann Inhalte besser einordnen.
Teilweise verbringen Jugendliche bis zu zehn Stunden täglich in sozialen Netzwerken. Rechnet man Schlafen und Schulbesuch dazu, bleibt für persönliche Treffen nicht mehr viel übrig. Die Gen Z klagt besonders häufig über eine „leere soziale Batterie“. TikTok, Instagram und YouTube verwenden Designelemente, die das Zeitgefühl verschwimmen lassen; man bleibt länger, als man eigentlich wollte. Ein kurzer Blick aufs Handy, und plötzlich ist der Abend weg.
Maas fordert deshalb ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 16 Jahren. Auch viele junge Menschen halten eine solche Einschränkung für sinnvoll, sofern sie für Gleichaltrige gleichermaßen gilt und niemand das Gefühl bekommt, etwas zu verpassen.
Angst kann durch soziale Medien zusätzlich wachsen. Wiederholter Konsum negativer Inhalte überfordert laut Maas das Gehirn; dieses Verhalten wird als „Doomscrolling“ bezeichnet. Negative Inhalte wirkten stärker als positive. Um eine Stunde negativer Videos auszugleichen, seien etwa zwei Stunden positiver Inhalte nötig. Selbst Material, an das man sich nicht bewusst erinnert, könne ein anhaltendes Unwohlsein hinterlassen.
Wachsende Ängste führt Maas außerdem auf pessimistische Aussagen von Eltern und anderen Erwachsenen über Rente, Klimawandel und Zukunft zurück. Sie wirken bis in politische Entscheidungen hinein: Mit zunehmender Angst steigt bei Frauen die Wahrscheinlichkeit, die Linke zu wählen, bei Männern die Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen. Bei Männern wird das mit der Angst vor finanziellem Abstieg erklärt, bei Frauen werden unter anderem Feminismus und der Kampf gegen den Rechtsruck als wichtige Themen genannt.
Begegnungsorte, aber bitte sicher
Die politische Spaltung unter jungen Menschen sei so groß wie noch nie, sagen die Forscher. Gleichzeitig ordnet sich die Mehrheit weiterhin der politischen Mitte zu. Viele können politische Positionen nicht mehr eindeutig als links oder rechts einordnen.
Bei der Einsamkeit zeigen sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen fühlen sich laut Studie insgesamt seltener einsam. Männer bewerten ihre sozialen Kontakte teilweise nach ihrer Anzahl und empfinden beispielsweise drei Freunde als zu wenig. Laut Maas fehlt jungen Männern zunehmend ein klares Rollenbild; eher als Frauen können sie sich vorstellen, eine Künstliche Intelligenz als Freund zu haben.
Maas plädiert dafür, mehr Geld in Freizeitangebote statt in Digitalisierung zu investieren. Junge Menschen brauchen Möglichkeiten für persönliche Begegnungen, nicht nur schnellere Netze. Ein großer Teil lehnt den Besuch von Bars oder Clubs ab – aus Angst vor K.-o.-Tropfen, Missbrauch und aggressivem Verhalten. Als mögliche Antwort werden Clubs vorgeschlagen, in denen sich junge
