Floating University Berlin: Lernen, Forschen und Stadtentwicklung im Regenwasserrückhaltebecken
Wer die Floating University in Berlin-Kreuzberg besucht, steigt zunächst über ein hohes Stahlgerüst hinab. Es ist Eingang, Aussichtsplattform und Übergang zugleich – von der Stadt in eine Landschaft, die sich erst nach und nach zeigt. Heute, am 27.10.2026, liegt der Ort am und im Regenwasserrückhaltebecken des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof; die Universität der Künste Berlin (UdK) ist als Ort des Berichts eng mit seiner Geschichte verbunden.
Oben klingt Berlin noch durch. Beim Abstieg verändert sich die Wahrnehmung, weil die topografische Senke den Stadtlärm dämpft und das Becken räumlich vom umliegenden Stadtraum trennt. Die Klanginstallation „Hors-Sol“ von Simon Hill begleitet den Weg mit lauten, sphärischen Klängen. Präsentiert wurde sie im Rahmen des Festivals Floatopia gemeinsam mit Studierenden der UdK Berlin. Unten führen Holzstege über Wasser und Vegetation zu Pavillons, Plattformen und Aufenthaltsbereichen. Ein bisschen Abenteuer ist dabei, auch wenn man nur einen Kaffee trinken will.
Ein Becken wird zum offenen Campus
Anfang der 1930er-Jahre wurde das Becken als Regenrückhaltebecken für das Tempelhofer Flugfeld angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg betonierte man es zu; Pläne für eine Verlegung folgten, danach geriet der Ort in Vergessenheit. 2012 entdeckte das interdisziplinäre Architekt:innenkollektiv raumlaborberlin das Becken im Zusammenhang mit einer Weltausstellung des ehemaligen Flughafens Tempelhof wieder. Daraus entstand die Idee, die Wasserinfrastruktur als kulturellen und gesellschaftspolitischen Raum zu nutzen.
Von April bis September 2018 veranstaltete raumlaborberlin mit zahlreichen Partnern die Floating University Berlin. Das Regenwasserrückhaltebecken war damals ein kontaminiertes Betonbecken mit Schlamm, reichhaltiger Vegetation sowie Vögeln, Amphibien und Insekten. Sechs Monate lang wurde es zum Treffpunkt für Studierende, Wissenschaftler, Künstler, Architekten, Musiker, Tänzer und Expertinnen und Experten der Stadtkultur.
Der Berliner Sommer 2018 war heiß und trocken – ausgerechnet an einem Ort, der ursprünglich ausschließlich für feuchte Wetterbedingungen gebaut worden war. Studierende und Lehrende aus Berlin, Europa und weiteren Regionen bauten gemeinsam den Campus. Es entstanden Lernräume, Werkstätten, ein Auditorium, ein Laborturm mit experimentellen Wasserfiltrationssystemen, eine Küche, eine Bar und Toiletten.
Mehr als 20 Seminargruppen, 47 Workshops sowie zahlreiche Diskussionen, Präsentationen und Vorträge füllten das Areal. Das Ziel: ein innerstädtisches „Offshore-Labor“ für gemeinsames, experimentelles Lernen, Wissenstransfer, transdisziplinäre Netzwerke und die Untersuchung und Weiterentwicklung urbaner Praxis. Studierende und Wissenschaftler von mehr als 20 internationalen Universitäten nahmen während des gesamten Zeitraums am Semesterprogramm teil.
Auch die Open Weeks öffneten den Ort für ein breiteres Publikum: vom 4.–20. Mai 2018, vom 29. Juni–15. Juli 2018 und vom 31. August–15. September 2018. Besucher konnten das Regenwasserrückhaltebecken und den Campus erkunden, an Workshops, Vorträgen und Seminaren teilnehmen oder zu „Hot Tub Talks“, Konzerten und Performances kommen. Das Semester endete mit dem ersten Floating Symposium, einer zweitägigen Veranstaltung zur Zukunft des Regenwasserrückhaltebeckens und der Floating University.
Lernen ohne Klassenzimmer
Heute ist die Floating University öffentlich zugänglich und zugleich Ort für Kultur, Bildung, Forschung und Erholung. Der Floating e.V. bietet dort kollaborative Programme, menschliche Kultur und artübergreifende Rückzugsorte an. Die Architektur bleibt provisorisch und offen: Bunte Stühle und Holztische stehen ohne feste Ordnung herum, Räume haben keine eindeutig festgelegte Nutzung. Ein Pavillon kann Aufenthaltsort sein, Arbeitsraum, Veranstaltungsfläche oder Rückzugsecke – je nachdem, wer gerade da ist.
Informationszettel, kurze Texte und QR-Codes erklären den Ort, seine Elemente und Ausstellungsstücke. Der Bildungsansatz ist niedrigschwellig: Es gibt keine klassischen Lehr- und Lernräume und keine akademischen Abschlüsse. Durch Kooperationen mit Bildungseinrichtungen erweitert die Floating University den Hochschulraum in den öffentlichen Stadtraum. Die Zusammenarbeit mit der UdK begann 2018 mit dem Aktions-Forschungsprojekt „Making Futures Bauhaus+“ und dem Entwurfsprojekt „designing around the kitchen table“. Studierende gestalteten das Gelände im Rahmen dieser Projekte aktiv mit.
Inhaltlich kreist der Ort um Klima, Stadtentwicklung und Natur. Im Programm von 2018 ging es außerdem darum, wie Städte mit Klimawandel, Ressourcenknappheit, Superdiversität und stark beschleunigter Stadtentwicklung umgehen können. Künstler aus verschiedenen Ländern arbeiteten mit lokalen Expertinnen und Experten, Architekten, Musikern und Tänzern am städtischen Alltag und an Vorschlägen für dessen Neuorganisation. Das Areal rund um das Becken wurde zum experimentellen Feld für mögliche zukünftige Formen urbanen Lebens.
Zum Kreis der beteiligten Hochschulen und Institutionen gehörten unter anderem die TU Berlin, die Universität der Künste Berlin, die Universität Witten/Herdecke, die Kunsthochschule für Medien Köln, die TU München, Science Po Paris, die Universidad La Gran Colombia Bogotá, die Bergen School of Architecture, die HfG Karlsruhe, die ENSA Nantes, die Design Academy Eindhoven, die Kunsthochschule Weißensee, die Royal Academy The Hague, die TH Nürnberg, ECAL Lausanne, die HNE Eberswalde, die HFBK Hamburg und die Kunstuniversität Linz.
Unter den genannten Mitwirkenden waren Bruno Latour, Frédérique Aït-Touati, Jeanne van Heeswijk, Yoshiharu Tsukamoto, Marjetica Potrč, Kyong Park, Phil Collins, Jan Liesegang, Ton Matton und Stefan Shankland. Die Gesamtleitung und Mitarbeit umfassten unter anderem Benjamin Foerster-Baldenius, Dorothee Halbrock, Florian Stirnemann, Licia Soldavini und Uwe Tisch. Für Aufbau und Produktion der verschiedenen Strukturen und Veranstaltungsbereiche waren das Building Team und die Bubble Production verantwortlich.
Zwischen Bar, Vegetation und Rückzug
Wer heute über die Stege läuft, landet irgendwann an der zentralen Bar oder in einer versteckten Sitzecke. Anfang Oktober nutzten Besuchende beides: die Bar für den offenen Aufenthalt, abgelegene Bereiche für private Gespräche. Die Pavillons, versteckten Sitzecken und Plattformen machen aus der einstigen Infrastruktur ein Geflecht aus kleinen Zwischenräumen. Man kann arbeiten, plaudern, einer Veranstaltung folgen oder einfach eine Weile sitzen und schauen, wie sich Wasser, Pflanzen und Beton zueinander verhalten.
Gerade darin liegt die produktive Irritation des Projekts. Die Floating University zeigt, wie infrastrukturelle Restflächen als Stadträume genutzt werden können, und verbindet Fragen der Klimaanpassung mit neuen Konzepten für Lernorte und urbanen Raum. Auf ihrer Website beschreibt sich die Institution als Naturkultur-Lernort für urbane Praxis. Das Projekt besteht seit 2018 und hat kein festgelegtes Drehbuch.
Die Mitglieder beschreiben es aus unterschiedlichen persönlichen Perspektiven und auf Grundlage gemeinsamer Erfahrungen. Die Infrastruktur gilt als „undurchsichtig“ – Besucher können eigene Vorstellungen auf sie projizieren. Institutionelle Vorgehensweisen werden hinterfragt, ebenso einheitliche Bedeutungen und transparente Deutungen. Stattdessen geht es um gemeinsame Schaffens- und Denkprozesse und um städtische Räume für gemeinsames Arbeiten und Denken. Klingt theoretisch, fühlt sich vor Ort aber oft erstaunlich praktisch an: Holz unter den Schuhen, Stimmen nebenan, feuchte Luft über dem Becken.
Was 2026 auf dem Gelände passiert
Die Floating University Berlin ist von Mai bis Oktober 2026 geöffnet: donnerstags von 18–21 Uhr und sonntags von 14–18 Uhr. Auf der Website finden sich Führungen, ein Newsletter, Informationen zu Spenden und Unterstützung, Presseinformationen, Auszeichnungen und Partnerorganisationen sowie eine Kieznaturkarte und thematische Tags.
Genannt werden unter anderem „Berlin-Wahl 2026“, der „Open Call Sensing Loss“, „Lebende Infrastruktur“, „BiberAmt – Für ein bibernahes Berlin“, „Space for Practice 2026“, „Floating Kidsuni“ und „Kidsuni 2026“. „Space for Practice“ lief montags von 9–11 Uhr, ab 5. Mai bis Mitte Juli 2025. Dazu kommen „Situated Creative Practices for the Pluriverse“ im Rahmen des Creative-Europe-Projekts SIT-PLU, „Verdeckte Fäden“ für die Nachbarschaft, „Cultivate with Care“ und
