G7 öffnen strategische Reserven und stoppen Trumps Diesel-Exportdrohung
Uni Europa, 3. Oktober 2026 – US-Präsident Donald Trump begrüßt die Entscheidung der G7, große Mengen Diesel und Rohöl aus strategischen Reserven freizugeben. Wenige Stunden nach dem Beschluss rückte er zugleich von seinen Drohungen eines weltweiten US-Dieselexportstopps ab. Ein solcher Schritt habe nie ernsthaft zur Debatte gestanden, sagte Trump; er werde ihn nicht verhängen.
Im Weißen Haus in Washington erklärte der US-Präsident, die USA würden deshalb auf den zuvor angedrohten Exportstopp für Diesel verzichten. Trump betonte außerdem die guten Beziehungen der USA zu Europa. Damit widersprach er früheren Aussagen, wonach die Vereinigten Staaten ihre Dieselverkäufe ins Ausland aussetzen könnten, um das Angebot im Inland zu erhöhen und die US-Spritpreise zu senken.
100 Millionen Barrel für vier Monate
Die G7-Staaten hatten am Vortag in einer Videokonferenz beschlossen, insgesamt 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus strategischen Reserven freizugeben. Zur Gruppe gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA; Frankreich hat derzeit den Vorsitz. An den Beratungen nahm auch Bundeskanzler Friedrich Merz teil.
Die Freigabe beginnt sofort und soll über vier Monate laufen. Ein erheblicher Teil des Diesels soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage auf den Markt kommen. Koordiniert wird die Maßnahme von der Internationalen Energieagentur (IEA). Wie viele Barrel die einzelnen Länder beisteuern, ist noch offen. Für Autofahrer bleibt außerdem entscheidend, wie hoch der Dieselanteil der freigegebenen Reserven ist – dazu machten die G7 keine Angaben.
100 Millionen Barrel entsprechen nach einer IEA-Schätzung ungefähr der weltweiten täglichen Rohölnachfrage. Die Freigabe war bereits im März beschlossen worden, doch ein großer Teil der vorgesehenen Menge hatte den Markt noch nicht erreicht. Nach Angaben von IEA-Chef Fatih Birol war etwa ein Drittel der Menge weiterhin nicht verfügbar.
Die Maßnahme soll das Dieselangebot erhöhen, die Preise senken und die Versorgungslage an den Energiemärkten stabilisieren. Nach der Ankündigung fiel der US-Ölpreis zeitweise um bis zu fünf Prozent. Brent-Öl kostete vorübergehend wieder weniger als 100 US-Dollar pro Barrel.
Europa alarmiert, Washington unter Druck
Die Drohung aus Washington hatte die EU-Staaten alarmiert: Rund die Hälfte ihrer Dieselimporte stammt derzeit aus den USA. Mit dem möglichen Exportstopp hatte Trump zunächst Druck auf die europäischen Staaten ausüben wollen, damit sie ihre eigenen Reserven freigeben. In ihrer gemeinsamen Erklärung kündigten die G7 nun an, untereinander auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte zu verzichten.
US-Finanzminister Scott Bessent forderte Europa auf der Plattform X auf, unverzüglich zusätzliche Liefermengen bereitzustellen. US-Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen sollten nicht allein die Folgen einer weltweiten Dieselknappheit tragen, schrieb er. Trump telefonierte in der Nacht zum Freitag mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Kurz vor der G7-Ankündigung hatte er außerdem geschrieben, Europa werde große Mengen seiner Dieselreserven freigeben; auf seiner Online-Plattform begrüßte er später den Beschluss.
Hinter der harten Tonlage vermuten Beobachter den US-Wahlkalender. Die Preise für Treibstoff sind auch in den Vereinigten Staaten infolge des Iran-Kriegs deutlich gestiegen. Etwa einen Monat vor den wichtigen Kongress-Zwischenwahlen im November liegt die Republikanische Partei in Umfragen deutlich zurück. Besonders angespannt bleibt die Versorgung mit Diesel – beschädigte Raffinerien und weitere Ausfälle bremsen das Angebot.
Wegen der Lage in der Straße von Hormus sind nicht nur Ölexporte eingeschränkt. Auch wichtige Raffinerien sind vom Weltmarkt abgeschnitten. Für Trump und die Republikaner sind die hohen Spritpreise damit politisch heikel.
Berliner Zustimmung, Kritik von den Grünen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte, die Freigabe gefährde die Energieversorgung nicht. Es bleibe ausreichend Diesel in den Reserven, um die laufende Versorgung sicherzustellen. Nach Angaben der Bundesregierung stehen weitere Reserven zur Verfügung, um bei Bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Die Bundesregierung bezeichnete die Einigung als wichtiges Zeichen für die Handlungsfähigkeit und Geschlossenheit der G7. Deutschland zufolge soll sich die Freigabe an die im März von der IEA vereinbarte Maßnahme anschließen und möglichst viele IEA-Partnerländer einbeziehen. Auch die EU begrüßte den Beschluss. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verwies auf den Bedarf an bezahlbarer Energie.
Die Grünen sehen die Sache deutlich skeptischer. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Kellner sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Reserven seien für echte Notfälle vorgesehen – und nicht für einen US-Präsidenten im Wahlkampf.
Ökonomen erwarten ohnehin höchstens einen kurzfristigen Preiseffekt. Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft bezeichnete die Freigabe als vorübergehende Entlastung; die grundlegenden Probleme blieben bestehen. Ein bisschen Luft, vielleicht. Aber kein Zaubertrick.
Eine lange Geschichte strategischer Reserven
Alle 32 IEA-Mitglieder müssen Notreserven anlegen. Seit der Gründung der Organisation 1974 gab es sechs koordinierte Freigaben: 1991 vor dem Zweiten Golfkrieg, 2005 nach den Hurrikans Katrina und Rita, 2011 während des Bürgerkriegs in Libyen sowie zweimal 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Die im März beschlossene Freigabe sollte den durch den Iran-Krieg ausgelösten Preisanstieg abfedern. Sie war die größte in der mehr als 50-jährigen Geschichte der IEA. Nun liegen wieder Tankstellen, Raffinerien und die nervöse Suche nach dem nächsten Barrel im Mittelpunkt – während die G7 ihre Reservetanks öffnet.
Die Nachricht über Trumps Verzicht auf den Exportstopp wurde am 3. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt.
