Georg Nagel: Vom Konstanzer Café Chaos zum Nobelpreis für Optogenetik
Georg Nagel erhält 2026 unter anderem den Nobelpreis für Medizin. Heute, am 6. Oktober 2026, ist das auch an der Universität Konstanz ein Thema – dort, wo Nagel einst Biologie studierte und an der Gründung des „Café Chaos“ beteiligt war. Ein Nobelpreisträger mit Konstanzer Vergangenheit, linkem Szenetreff im Lebenslauf und einer Vorliebe für Fahrradtouren durch New York: Ganz geradlinig verlief sein Weg nie.
Geboren wurde Nagel im württembergischen Weingarten, als ältestes von fünf Geschwistern. Mit fünf Jahren erkrankte er schwer und musste wiederholt im Universitätsklinikum Würzburg operiert werden. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit einem naturwissenschaftlichen Bastelset, baute eine Dampfmaschine und ein Radio. Mathematik, Physik und Biologie interessierten ihn schon in der Schulzeit.
Vom „Café Chaos“ ins Labor
An der Universität Konstanz wurde der Biophysiker Ernst Bamberg sein erster Dozent, später sein Förderer und schließlich Direktor des Max-Planck-Instituts für Biophysik in Frankfurt am Main. Neben dem Studium mischte Nagel bei der Gründung des „Café Chaos“ mit. Nach lokalen Quellen war das Café in den 1980er-Jahren ein Treffpunkt der linken Szene. Dort gab es feministische Treffen, Verbindungen zu besetzten Häusern und Punk-Konzerte. Zwischen Vorlesung und Konzertlärm also.
Nach seinem Diplom arbeitete Nagel zunächst als Lehrer an einem Schweizer Privatgymnasium. Eine weitere Operation in Würzburg beendete nach seinen Angaben die Entzündung in seinen Knochen. Neben dem Unterrichten lernte er Drachenfliegen. Auf Einladung Bambergs wechselte er danach in die Forschung nach Frankfurt und forschte anschließend fünf Jahre in den USA.
In New York lernte Nagel seine spätere Ehefrau Anna kennen, eine Gastprofessorin und Molekularbiologin an der Columbia University aus Neapel. Das Paar erkundete die Stadt mit dem Fahrrad. Anna unterstützte ihn dabei, seinen biophysikalischen Forschungsansatz weiterzuentwickeln. 1996 heirateten beide in Dänemark, später wurde eine Tochter geboren.
Zurück in Würzburg
2004 wechselte Nagel als Professor für Molekulare Pflanzenphysiologie nach Würzburg. Zum Zeitpunkt der Nobelpreisvergabe lebt und arbeitet er seit vielen Jahren wieder dort. Sieben Jahre war er am Institut für Physiologie im Stadtzentrum tätig; Ende Juni ging er offiziell in den Ruhestand. Bereits 2020 erhielt Nagel den Shaw Prize für Lebenswissenschaften und Medizin.
Der Würzburger Botaniker Dirk Becker forschte 20 Jahre mit Nagel zusammen. Er beschrieb ihn als angenehmen, umgänglichen Kollegen mit vielen Ideen und großer wissenschaftlicher Kreativität.
Licht als Schalter für Nervenzellen
Die Max-Planck-Gesellschaft gratulierte Peter Hegemann und Georg Nagel am 5. Oktober 2026 zum Nobelpreis für Medizin. Gemeinsam mit Karl Deisseroth von der Stanford University werden sie für die Entdeckung lichtempfindlicher Ionenkanäle, sogenannter Channelrhodopsine, ausgezeichnet. Die drei Wissenschaftler gelten als Begründer der Optogenetik.
Das klingt zunächst nach Labor und Fachbegriffen, funktioniert aber im Kern wie ein Schalter: Die Optogenetik untersucht Nervenzell-Netzwerke im Gehirn mithilfe von Licht, ohne invasive Eingriffe. Channelrhodopsine erlauben es, den Informationsfluss in Nervenzellen zu steuern.
Die Entdeckung liegt mehr als 20 Jahre zurück, als Hegemann und Nagel junge Forschungsgruppenleiter an Max-Planck-Instituten waren. Hegemann leitete von 1986 bis 1993 eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried. Danach erhielt er einen Ruf an die Universität Regensburg, seit 2005 ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Nagel war von 1992 bis 2004 Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt; seit 2004 ist er Professor an der Universität Würzburg.
Channelrhodopsine sind Proteine in der Zellmembran der einzelligen Grünalge Chlamydomonas reinhardtii. Das darin enthaltene Rhodopsin dient der Alge als Lichtsensor: Sie richtet sich zum Licht aus und kann Fotosynthese betreiben. Weil das Rhodopsin zugleich als Ionenkanal funktioniert, heißt es Channelrhodopsin. Bei Lichteinwirkung werden die Membranproteine für positiv geladene Ionen durchlässig.
Die entsprechende Gensequenz lässt sich in tierische Zellen übertragen, etwa in Nervenzellen. Wird Channelrhodopsin in deren Membran eingebaut, kann der Einstrom positiver Kalzium-Ionen ein elektrisches Signal auslösen. Andere lichtaktivierbare Kanalproteine lassen negative Ionen passieren. Nervenzellen können dadurch mithilfe von Licht aktiviert oder gehemmt werden – ohne dass dafür ein Instrument tief ins Gewebe geführt werden muss.
Von der Grundlagenforschung zur Therapie
Die Optogenetik hat die neurowissenschaftliche Grundlagenforschung verändert und neue medizinische Forschungs- und Therapieansätze eröffnet. Forschende der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften entwickeln optogenetische Cochlea-Implantate.
Auch bei genetisch bedingter Blindheit und Sehbehinderung werden Channelrhodopsine untersucht, unter anderem bei Retinitis pigmentosa, Stargardt-Krankheit und altersbedingter Makuladegeneration. Ein Team des Max-Planck-Instituts für Biophysik entwickelte eine Channelrhodopsin-Mutante mit verbesserter Lichtempfindlichkeit. Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Nanoscope Therapeutics nutzt diese Technologie in einer Gentherapie, die das Sehvermögen von Menschen mit genetisch verursachten Sehbehinderungen verbessern oder wiederherstellen soll.
