Patricia Schreml studiert Humanmedizin an der Universität Greifswald – und erfüllt damit ihren langjährigen Berufswunsch. Dabei sah es zunächst nicht danach aus: Die gebürtige Bayerin hatte mit einem Abiturdurchschnitt von 1,9 nur geringe Chancen auf einen Studienplatz. Inzwischen sitzt sie im zweiten Semester, ist 25 Jahre alt und fühlt sich in Greifswald zu Hause, obwohl sie ursprünglich näher an ihrer Heimat in der Oberpfalz bleiben wollte.

Sechs Jahre arbeitete Schreml auf diesen Moment hin. Parallel absolvierte sie zwei medizinische Bachelorstudiengänge, sammelte praktische Erfahrungen und nahm am Test für medizinische Studiengänge, kurz TMS, teil. Nach mehreren Bewerbungsjahren klappte es schließlich.

Mehr Plätze über Gespräche

Der Weg in die Medizin bleibt in Deutschland eng. Jährlich konkurrieren mehr als 30.000 Bewerberinnen und Bewerber um etwa 10.000 Studienplätze. An besonders gefragten Standorten wie Greifswald kommen bis zu 90 Bewerbungen auf einen Platz. Traditionell zählen vor allem sehr gute Abiturnoten; häufig ist ein Schnitt von 1,0 erforderlich. Eine weitere Möglichkeit bietet der TMS.

Nur wenige Universitäten setzen zusätzlich auf Interviews – darunter Greifswald, Chemnitz und Regensburg. Greifswald führt seit mehr als zehn Jahren Auswahlgespräche durch und hat die Kriterien in diesem Jahr überarbeitet. Zum Wintersemester werden 85 von rund 200 Studienplätzen über Auswahlgespräche vergeben, fast doppelt so viele wie zuvor.

Bewerberinnen und Bewerber mit einem Abiturschnitt bis 1,5 werden dabei gleich bewertet. Ein Abitur mit 1,0 bringt also keinen zusätzlichen Vorteil. In einem neuen Orientierungsprogramm können Interessierte außerdem bis zu sechs Monate am Universitätsklinikum hospitieren. Die dabei gesammelte Praxiserfahrung fließt in das Auswahlverfahren ein. Schulnoten sollen damit nicht verschwinden, praktische Erfahrungen und persönliche Eignung aber stärker ins Gewicht fallen.

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Für diese Änderungen hatte sich der Fachschaftsrat Medizin eingesetzt. Nach Angaben der Vorsitzenden Antonia Friedrich können dadurch auch Bewerberinnen und Bewerber mit Abiturnoten im Zweierbereich eine Chance bekommen, wenn sie zusätzliche Erfahrungen vorweisen.

Das Auswahlgespräch findet meist mit zwei Professorinnen der Universität statt. Bewerberinnen sollen überzeugend darlegen, warum sie für den Studienplatz geeignet sind. Die Professorinnen stellen unterschiedliche Fragen, die sich thematisch auf zuvor angekündigte Inhalte beziehen. Empfohlen wird ein gehobener, aber nicht zwingend formeller Kleidungsstil – etwa eine (Jeans-)Hose mit Hemd oder Bluse, dazu Jackett oder Blazer.

Austragungsort ist die Alte Urologie, im 3. Stock, letzter Eingang auf der Hofseite. Eingeladen werden die Bewerberinnen zu einer bestimmten Uhrzeit; vor Ort losen sie eine von fünf Kommissionen sowie ihre Gesprächszeit. Das kann dauern. Teilweise laufen die Auswahlgespräche bis etwa 16 Uhr, längere Wartezeiten gehören also dazu.

Im Lerncafé stehen währenddessen Kaffee, Tee, Kaltgetränke, Obst und Süßigkeiten bereit. Dort können sich Bewerberinnen vorbereiten, Fragen stellen und mit Studierenden sprechen. Die Studierenden sind eingeladen, ihre Erfahrungen mit den möglichen neuen Kommilitoninnen zu teilen – ein bisschen Nervosität bleibt natürlich trotzdem im Bauch.

Schlafplatz, Lerncafé und Museumshafen

Für die Zeit der Auswahlgespräche organisiert der Fachschaftsrat Medizin jedes Jahr eine Couchbörse. Interessierte Bewerberinnen können per E-Mail an info@fsrmed.de einen Schlafplatz anfragen. In die Nachricht gehören Name, Telefonnummer, Geschlecht, besondere Bedürfnisse oder Hinweise – etwa Tierallergien oder Behinderungen – sowie der gewünschte Zeitraum des Aufenthalts in Greifswald.

Ein Schlafplatz kann nicht für jede Person garantiert werden. Grundsätzlich werden Übernachtungen nur für Bewerberinnen organisiert, nicht für Angehörige, Freundinnen oder Partnerinnen. Ausnahmen gelten für Begleitpersonen bei Schwerbehinderung oder für eigene Kinder. Höchstens zwei Übernachtungen können angeboten werden.

Die Couchbörse wurde 2016 eingerichtet, um auswärtigen Bewerberinnen eine bezahlbare An- und Abreise zu ermöglichen. Außerdem soll sie Kontakte zu Studierenden herstellen und persönliche Erfahrungsberichte sowie Tipps liefern. Wer neben dem Gespräch noch Luft hat, kann etwa den Museumshafen besuchen.

Studierende in Greifswald, die eine Couch anbieten möchten, melden sich per E-Mail an fsrmed@uni-greifswald.de. Sie sollen den Zeitraum und die Zahl der verfügbaren Schlafplätze angeben. Wenn sich Interessierte melden, gibt der Fachschaftsrat die Kontaktdaten weiter; die weiteren Absprachen treffen die Beteiligten selbst. Bei Problemen sollen die Anbieterinnen den Fachschaftsrat informieren.

Wie aussagekräftig sind Interviews?

Der Medizinische Fakultätentag kritisiert die bislang geringe wissenschaftliche Datenlage zur Aussagekraft des Interview-Verfahrens. Generalsekretär Frank Wissing zufolge gilt die Abiturnote weiterhin als verlässlicher Indikator für den Studienerfolg. Einen praktischen Vorteil persönlicher Gespräche sieht Wissing dennoch: Eingeladene Bewerber seien durch den Kontakt zur Universität eher bereit, später dort zu studieren.

Greifswald nimmt mit Interviews als eigenständiger Bewerbungsoption eine Sonderrolle ein. In Chemnitz und Regensburg fließen die Gespräche in die Gesamtwertung ein und bilden kein separates Auswahlverfahren. Ob sich der zusätzliche Aufwand in Greifswald lohnt, soll sich erst in etwa fünf Jahren zeigen. Dann können die Studienleistungen der zugelassenen Jahrgänge ausgewertet werden.

Der Numerus Clausus, kurz NC, bezeichnet keine überall gleiche Note, sondern eine begrenzte Zahl von Studienplätzen und die Auswahlgrenzen des jeweiligen Vergabeverfahrens. Der Medizin-NC kann je nach Bundesland, Hochschule und Bewerbungssemester variieren. Rund 30 Prozent der Studienplätze werden über die Abiturbestenquote vergeben, weitere 10 Prozent über die Zusätzliche Eignungsquote, die ZEQ, und 60 Prozent über das Auswahlverfahren der Hochschulen, AdH.

Im AdH können unter anderem TMS-Ergebnisse, Berufsausbildungen, Berufserfahrung, Freiwilligendienste, Auswahlgespräche und einzelne Abiturnoten berücksichtigt werden. Die Abiturnote ist also nicht das einzige Auswahlkriterium. In der ZEQ wird sie überhaupt nicht berücksichtigt. Das seit dem Sommersemester 2023 bestehende Verfahren löste die frühere Wartezeitregelung ab; jede Hochschule legt selbst fest, welche Kriterien wie stark zählen. Vergeben werden maximal 100 Punkte, etwa für abgeschlossene Berufsausbildungen, Preise bei naturwissenschaftlichen Wettbewerben, Eignungsgespräche oder Freiwilligendienste.

Grenzen im Wintersemester 2026/27

Die folgenden Auswahlgrenzen gelten für Bewerber mit in Baden-Württemberg erworbener Hochschulzugangsberechtigung. Bewertet werden Abiturnote und HZB-Punktzahl auf einer Skala von maximal 900 Punkten. Die Werte vergangener Semester dienen nur als Orientierung und erlauben keine sichere Prognose.

Hochschule Punkte Note
Aachen/RWTH 833 1,0
Augsburg 827 1,0
Berlin/Charité 862 1,0
Bielefeld 802 1,2
Bochum 801 1,2
Bonn 817 1,1
Dresden/TU 829 1,0
Dresden/Chemnitz/TU 817 1,1
Duisburg-Essen 807 1,1
Düsseldorf 824 1,0
Erlangen-Nürnberg 825 1,0
Erlangen-Nürnberg/Bayreuth 817 1,1
Frankfurt am Main