Hamburg stellt sich auf einen politisch aufgeladenen Samstag ein: In der Einkaufsstraße Neuer Wall wurden am Freitagnachmittag zahlreiche Geschäfte mit Holzplatten verbarrikadiert. Anlass ist eine für Samstag angekündigte Jugenddemonstration, die von der Initiative „Gen Z regelt“ unterstützt wird und unter dem Motto „Gegen Wehrpflicht – Gen Z regelt“ steht. Die Platten vor den Schaufenstern wirken vorsorglich – und ziemlich deutlich.

Die Demonstration soll am Samstag, 31. Oktober 2026, um 14 Uhr am Jungfernstieg beginnen. Von dort ist ein Zug über die Mönckebergstraße zum Lohmühlenpark geplant. Bis zum Abend des 30. Oktober hatten sich online mehr als 10.000 Menschen für die Hamburger Veranstaltung angekündigt. Nach Angaben des ZDF waren bundesweit knapp 140.000 Teilnahmen zugesagt.

Viele Forderungen, ein Protesttag

„Gen Z regelt“ hat Demonstrationen in 34 Städten angekündigt, im Norden unter anderem in Hamburg, Kiel, Bremen, Hannover und Göttingen. Nach einer anderen Übersicht sind in 23 deutschen Städten Demonstrationen geplant: In Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und Köln organisiert die Initiative die Proteste hauptverantwortlich, in 18 weiteren Städten unterstützt sie lokale Zusammenschlüsse. Besonders viele Zusagen gab es in Köln mit rund 12.000, in Frankfurt mit knapp 11.000, in Hamburg und Berlin mit jeweils mehr als 8.000 sowie in München mit knapp 7.000.

Die Initiative fordert mehr finanzielle Mittel für das Schulsystem, bessere Bildung, konsequenten Klimaschutz, ein bezahlbares Leben und Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten. Sie wendet sich gegen Kürzungen im Bildungsbereich, Inflation, eine aus ihrer Sicht ungerechte Lastenverteilung, eine mögliche Wehrpflicht, öffentliche Überwachung und den Fachkräftemangel. Auch die Musterung junger Männer und die Forderung, für Kriege ausgebildet zu werden, über die junge Menschen nicht mitentschieden hätten, gehören zu den Protestthemen.

Im Zentrum steht der Wunsch, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Politik stärker berücksichtigt werden. Die Organisatorinnen und Organisatoren kritisieren, dass über ihre Zukunft entschieden werde, ohne sie ausreichend einzubeziehen. Als Probleme nennen sie Krisen, fehlende Perspektiven sowie Kürzungen in Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit. Während junge Menschen unter steigenden Lebenshaltungskosten litten, würden Großunternehmen weiterhin profitieren und hohe Summen in Aufrüstung fließen, so die Kritik. In Schulen, Pflege und Gesundheitsversorgung verschärfe zudem der Fachkräftemangel die Lage.

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Die Bewegung beschreibt sich als unabhängigen, überparteilichen und losen Zusammenschluss junger Menschen. Sie sei offen für alle, unabhängig von der politischen Richtung, schließe aber extremistische Gruppen, verfassungsfeindliche Symbole, Rassismus, Hetze und Gewalt aus. Die Proteste seien friedlich und überparteilich; Gewaltfreiheit wird ausdrücklich gefordert. Die Organisatorinnen und Organisatoren solidarisieren sich mit Protesten in Frankreich, Belgien und Italien. Der 31. Oktober soll laut Initiative nur der Anfang sein, konkrete Pläne für dauerhaft fortgesetzte Aktionen gibt es allerdings noch nicht.

Polizei mit Großaufgebot

Die Hamburger Polizei erwartet einen weitgehend friedlichen und störungsfreien Verlauf. Polizeisprecher Sebastian Born sagte, derzeit gebe es keine Erkenntnisse, dass in Hamburg ähnliche Zustände wie in Frankreich zu erwarten seien. Trotzdem sollen mehrere Hundertschaften eingesetzt werden, außerdem sind Drohnen vorgesehen. Bei Störungen oder Straftaten kündigte die Polizei ein konsequentes Einschreiten an.

Bei der Anmeldung war zunächst einiges unklar. Die Polizei teilte zuerst mit, ihr liege nur die Anmeldung einer Privatperson zu einer Demonstration gegen eine Wehrpflicht vor – ausdrücklich nicht aus dem Umfeld von „Gen Z regelt“. Später erklärte die Initiative, selbst die Demonstration zu organisieren. Zwischenzeitlich lagen laut Polizei zwei Anmeldungen aus ihrem Umfeld vor, eine davon wurde zurückgezogen. Auf der offiziellen Website steht seit Donnerstagnachmittag der Hinweis, dass „Gen Z regelt“ für die Hamburger Demonstration nicht für Inhalt und Organisation zuständig sei.

Sicherheitsbehörden warnen vor einer möglichen Unterwanderung durch extremistische Kräfte. Das Bundesinnenministerium fordert eine klare Unterscheidung zwischen friedlichen Schülerprotesten und einer möglicherweise gewaltbereiten extremistischen Szene. CDU-Politiker Marc Henrichmann spricht von einer international und koordiniert vernetzten linksextremistischen Szene. CDU-Innenexperte Alexander Throm warnt, Linksextremisten und Kriminelle aus dem migrantischen Milieu könnten die Demonstrationen „kapern“. SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler fordert, Menschen besonders zu beobachten, die die Lage über digitale Plattformen anheizten.

Bund und Länder stimmen sich im Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum, dem GETZ, eng ab. Gemeinsam mit Partnerländern laufen fortlaufend Gefährdungsbewertungen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet einschlägige Internetseiten und Social-Media-Kanäle verstärkt – im Blick stehen mögliche Aufrufe zu gewaltsamer Teilnahme oder zur Verbreitung von Gewalt. Bei den Großdemonstrationen sollen Tausende Polizisten im Einsatz sein. Die Bundespolizei kann die Länder im Rahmen der Amtshilfe unterstützen; Personen, die zur gewaltsamen Teilnahme einreisen wollen, sollen bereits an der Grenze zurückgewiesen werden.

Frankreich als Warnbild

Die Nervosität im Handel hat einen konkreten Hintergrund. In Frankreich hatten Proteste von Schülerinnen, Schülern und Studierenden mit Forderungen nach besseren Lernbedingungen begonnen und waren teilweise gewaltsam eskaliert. Es kam zu Verletzten bei Zusammenstößen mit der Polizei, Brandstiftungen und Plünderungen. Geschäfte und öffentliche Gebäude wurden beschädigt oder zerstört, zahlreiche Einsatzkräfte verletzt. Die französische Regierung bot Dialog an und kündigte zugleich Konsequenzen an; sie machte Gewalttäter aus dem linksextremistischen Milieu und aus migrantisch geprägten Vorstädten verantwortlich.

Auch in Belgien, Italien und Spanien wurden Proteste von Randalierern begleitet. In Italien eskalierten Demonstrationen gegen hohe Lebenshaltungskosten und Probleme im Bildungssystem teilweise in Gewalt; Proteste von Lastwagenfahrern und Bauern führten dort zu leeren Supermarktregalen. Bei Protesten in Barcelona kam es zu Ausschreitungen, Plünderungen und Bränden. Die Polizei nahm rund 100 Menschen fest, etwa ein Viertel von ihnen war minderjährig.

Der Handelsverband Nord berichtet, viele Geschäftsleute seien wegen der Ausschreitungen und Plünderungen bei Jugendprotesten in Frankreich besorgt. Dass die Geschäfte am Samstag geschlossen bleiben, liegt allerdings nicht nur an den Holzplatten: Wegen des Reformationstags, der in Hamburg Feiertag ist, öffnen sie ohnehin nicht.

In Hamburg kam es in der Vergangenheit an Halloween in Stadtteilen wie Harburg, Wilhelmsburg, Billstedt und Steilshoop zu Eskalationen. 2025 blieb es laut Polizeibilanz ruhig. Die Deutsche Polizeigewerkschaft weist trotzdem darauf hin, dass die Demonstrationen zeitlich mit Halloween zusammenfallen könnten – unter anderem bei der Durchsetzung des Vermummungsverbots.

Grünen-Chef Banaszak warnt vor einer vorschnellen Kriminalisierung der deutschen Gen-Z-Proteste und fordert, die Ursachen der Demonstrationen ernst zu nehmen. Die Initiative selbst betont, nur friedliche Proteste könnten gemeinsame Ziele erreichen. Für Samstag um 18.30 Uhr ist zusätzlich eine kleinere feministische Demonstration mit etwa 300 erwarteten Teilnehmenden in der Neustadt angekündigt.