Hannover Transplant Summit: Wie Schweineorgane den Weg zur menschlichen Spende überbrücken sollen
In Hannover treffen sich Ende Oktober Fachleute aus aller Welt, um über die Zukunft der Organtransplantation zu sprechen. Am 29. und 30. Oktober 2026 findet in der Rotunde des Medical Park Hannover, Feodor-Lynen-Str. 27, 30625 Hannover, der zweite internationale Hannover Transplant Summit 2026 unter dem Titel „The Organ Transplant Journey“ statt.
Organisiert wird die Konferenz vom Transplantationszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Leitung übernimmt Prof. Dr. Moritz Schmelzle, Direktor des Zentrums. Eingeladen sind Journalistinnen und Journalisten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler; die Teilnahme ist kostenlos. Das Format ist als Konferenz, Symposium beziehungsweise Jahrestagung angelegt.
Vier Sitzungen, viele offene Fragen
An zwei Tagen stellen führende Expertinnen und Experten neue translationale Ansätze vor und diskutieren sie gemeinsam. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen der Transplantationsmedizin: medizinische Innovationen, neue Technologien und veränderte Versorgungsstrukturen.
Die vier Sitzungen widmen sich zunächst den Behandlungsmöglichkeiten bei terminalem Organversagen. Danach geht es um Organzuteilung, neue gesetzliche Regelungen und innovative Ansätze gegen den Organmangel. Weitere Schwerpunkte sind der aktuelle Stand und die künftige Entwicklung von Organperfusion und Transplantation sowie die Verlängerung der Organüberlebenszeit und Entwicklungen nach der Transplantation.
Auch junge Wissenschaftler und Mediziner aus anderen Transplantationszentren sind eingeladen, ihre Forschungsergebnisse mit translationalem Schwerpunkt vor einem internationalen Publikum vorzustellen. Der Summit bringt nationale und internationale Expertinnen und Experten zusammen. Das Transplantationszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover zählt zu den größten und aktivsten Zentren in Deutschland und Europa; seine langjährige Erfahrung in der Organtransplantation bildet die Grundlage für die weitere Zusammenarbeit mit internationalen Wissenschaftlern und Medizinern.
Vom ersten Nierentransplantat zur neuen Entwicklungsphase
Die Geschichte dieses Fachgebiets reicht zurück bis ins Jahr 1954. Damals gelang am Peter Bent Brigham Hospital in Boston, USA, die erste erfolgreiche Nierentransplantation. 70 Jahre später ist die Organtransplantation eine etablierte medizinische Behandlung. Mehrere Hunderttausend Menschen weltweit haben bereits ein Spenderorgan erhalten.
Trotzdem bleiben die großen Schwierigkeiten bestehen: Abstoßungsreaktionen und Organmangel machen vielen Patientinnen und Patienten das Warten schwer. Fortschritte in Biotechnologie und Medizintechnik lassen nun grundlegende Verbesserungen erwarten. Die Organtransplantation tritt, so die Einordnung des Summit-Veranstalters, in eine neue Entwicklungsphase ein.
Eine zentrale Frage lautet dabei: Wie lassen sich Organe gewinnen, wenn menschliche Spenderorgane nicht rechtzeitig verfügbar sind? Die Xenotransplantation, also die Übertragung tierischen Gewebes oder tierischer Organe auf Menschen, gilt als mögliche Antwort auf den weltweiten Mangel an Spenderorganen.
Schweineniere als Brücke zur menschlichen Spende
Wie nah diese Idee bereits an der klinischen Realität ist, zeigte ein Fall aus den USA. Ärztinnen und Ärzte transplantierten einem damals 66-jährigen Patienten die Niere eines genetisch veränderten Schweins. Der Eingriff wurde ab Anfang 2025 dokumentiert und im Fachjournal The Lancet beschrieben.
Der Mann litt infolge eines langjährigen Diabetes an einer schweren Nierenerkrankung und war vor der Transplantation auf Dialyse angewiesen. Die Schweineniere funktionierte 271 Tage, also mehr als neun Monate. Während dieser Zeit war der Patient vollständig dialysefrei. Gedacht war der Eingriff als Brückentechnologie: Die tierische Niere sollte die Zeit bis zu einer menschlichen Spenderniere überbrücken.
Nach Angaben von Joachim Denner von der Freien Universität Berlin war der Patient der Mensch mit der bislang längsten dokumentierten Überlebensdauer bei funktionierender Schweineniere, mehr als neun Monate dialysefrei und zugleich der erste Patient, bei dem eine Schweineniere erfolgreich bis zur Transplantation einer menschlichen Niere eingesetzt wurde.
Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte schätzten die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von fünf Jahren ein menschliches Spenderorgan zu erhalten, auf etwa neun Prozent. Das Risiko, in diesem Zeitraum ohne neue Niere zu sterben oder von der Warteliste gestrichen zu werden, lag ihrer Einschätzung nach bei 40 Prozent. Kein besonders beruhigendes Rechenspiel – aber eines, das erklärt, warum solche Versuche überhaupt gewagt werden.
271 Tage, dann wieder Dialyse
Zunächst arbeitete die Schweineniere stabil. Die Nierenfunktionswerte im Blut verbesserten sich rasch, und bereits während der Operation produzierte das Organ Urin. Rund zwei Wochen nach der Transplantation traten Abstoßungsreaktionen auf, die mit Medikamenten behandelt werden konnten.
Nach etwa sechs Monaten stellten die Forschenden beschädigte Blutgefäße in der Niere fest. Sie führten die Schäden nicht auf eine klassische Abstoßungsreaktion zurück; möglicherweise spielte auch eine Infektion mit einem Krankenhauskeim eine Rolle. Trotz mehrerer Behandlungsversuche verschlechterte sich die Nierenfunktion weiter.
Im Oktober 2025 wurde die Schweineniere nach 271 Tagen entfernt. Anschließend musste der Patient 82 Tage lang wieder dialysiert werden, bevor ihm eine menschliche Spenderniere transplantiert wurde.
Neben erfolgreichen präklinischen Studien wurden bereits Schweineherzen, -lungen, -lebern und -nieren in Menschen transplantiert. Anfang 2025 genehmigten die USA erstmals klinische Studien zur Xenotransplantation von Schweinenieren.
Beim Hannover Transplant Summit richtet sich der Blick nun auch auf gentechnisch veränderte Schweinelebern. In seiner Keynote spricht Prof. Beicheng Sun aus China über die Transplantation einer solchen Leber und ihre Bedeutung für die Xenotransplantation. In der Rotunde des Medical Park Hannover dürfte es dabei weniger um ferne Zukunftsmusik gehen als um die Frage, welcher nächste Schritt medizinisch machbar ist – und wann.
