Juniorwahl an der Greenhouse School: Demokratie üben mit Wahlurne und Stimmzettel
An der Greenhouse School in Graal-Müritz roch es am 17. September 2026 eher nach Papier und Schulflur als nach großer Politik. Trotzdem wurde dort Geschichte im Kleinen geschrieben: Zum ersten Mal fand an der Schule parallel zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern eine Juniorwahl statt. 208 Schulen im Land machten mit.
Bei der Juniorwahl simulieren Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 12 eine Landtags-, Bundestags- oder Europawahl. Das bundesweite Projekt gibt es seit 1999. Organisiert wird es vom gemeinnützigen, überparteilichen Verein Kumulus aus Berlin. Jugendliche sollen politische Themen, Wahlen und demokratische Entscheidungsprozesse kennenlernen – nicht nur aus dem Schulbuch, sondern mit Wahlurne, Stimmzettel und einer Portion Aufregung im Bauch.
Wählen üben, ohne dass die Stimme zählt
Die Vorbereitung an der Schule begann mehrere Wochen vor dem Wahltag. Der Sozialkundelehrer nahm sich für jede Klasse zwei Unterrichtsstunden Zeit. Die Jugendlichen diskutierten politische Positionen, gestalteten neutrale Poster und Plakate und beschäftigten sich mit den Parteien. Einige nutzten den Wahl-O-Mat, einen digitalen Fragebogen mit 38 Thesen. Antworten konnten sie mit Zustimmung, Ablehnung, „neutral“ oder „These überspringen“ markieren.
Mehrere Schülerinnen und Schüler füllten den Wahl-O-Mat gemeinsam aus oder informierten sich über soziale Medien. Ein Schüler aus der 9. Klasse sagte, er schaue auf TikTok nach Informationen über Parteien. Das kann schnell gehen, ist aber nicht automatisch zuverlässig: Inhalte werden dort mitunter überdramatisiert oder aus dem Zusammenhang gerissen. Sachliche, nicht werbliche Angebote mit überprüften Fakten und Quellen gelten als verlässlichere Orientierung – etwa offizielle Seiten, Fachleute und vertrauenswürdige journalistische Medien.
Im Unterricht gilt der Beutelsbacher Konsens. Lehrkräfte dürfen ihre eigene politische Meinung nicht aufdrängen, umstrittene Themen müssen kontrovers dargestellt werden, und die demokratische Verfassung sowie die Grundrechte sollen aktiv geschützt werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich auf Grundlage sachlicher Informationen eine eigene Meinung bilden. Klingt trocken? Ist es im Klassenzimmer oft gar nicht, wenn plötzlich über Parteien, Positionen und die eigene Zukunft gestritten wird.
An der Greenhouse School wurden eine Wahlleitung, Verantwortliche für die Teilnehmerlisten und eine Aufsicht für die Durchführung bestimmt. Die Autorin erklärte ihren Mitschülerinnen den Wahlzettel und wies darauf hin, dass genau zwei Kreuze erlaubt sind. Zusätzliche Einträge machen die Stimme ungültig. Das Organisationsteam und die Lehrkräfte achteten darauf, keine Partei und keine Person zu bevorzugen.
Zwei Schulstunden, zehn Klassen, zwei Wahlräume
Für die Wahl standen nur zwei Schulstunden zur Verfügung. Das Team baute Wahlkabinen auf, legte Stimmzettel bereit und stellte die Wahllisten zusammen. Die zehn Klassen wurden einzeln aus ihren Räumen abgeholt und in zwei Wahlräume gebracht: In einem wurde der Ablauf erklärt, im anderen anschließend gewählt.
Die höheren Klassen begannen. Schülerinnen und Schüler der Klassen 11 und 12 kannten den Wahlablauf meist schon; in Mecklenburg-Vorpommern darf ab 16 Jahren gewählt werden. Den Klassen 7 bis 9 wurden unter anderem Erst- und Zweitstimme, zugelassene Parteien und der genaue Ablauf erklärt. Dann ging es hinter die Wahlkabine. Papier raschelte, Stifte kratzten, und irgendwo musste vermutlich noch einmal nachgezählt werden, ob wirklich nur zwei Kreuze auf dem Bogen standen.
Nach der Stimmabgabe wurden alle Wahlzettel ausgezählt. Eine Lehrkraft und die Wahlleitung überwachten den Vorgang. Die Zettel wanderten in einer Menschenkette von Person zu Person und wurden jeweils doppelt kontrolliert. Die Ergebnisse aller Schulen gingen an Kumulus. Der Verein wertete sie nach Bundesländern aus und veröffentlichte sie.
Finn Kolbe aus der Klasse 9a wünschte sich, die Ergebnisse anschließend stärker gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auszuwerten. Ein weiterer Schüler fand die Juniorwahlen gut, hätte das Thema vor der Wahl im Unterricht aber gern intensiver behandelt. Zwei Stunden Vorbereitung können eben schnell vorbei sein – gerade dann, wenn plötzlich mehr Fragen auftauchen als Antworten im Heft stehen.
Was die Juniorwahl bewirken kann
Begleitstudien zeigen laut dem Artikel, dass besonders an Haupt- und Realschulen das politische Wissen steigt. Die Wahlbeteiligung von Erstwählenden erhöhte sich um 9,2 Prozent. Außerdem wurde das Vertrauen in das deutsche Wahlsystem gestärkt. Jugendliche mit Migrationshintergrund konnten das Wahlsystem besser verstehen.
Von den Erfahrungen profitieren offenbar nicht nur die Jugendlichen selbst. Laut den genannten Evaluationen gehen auch Eltern von teilnehmenden Kindern häufiger zur Wahl; regional stieg ihre Wahlbeteiligung um bis zu neun Prozentpunkte. Jugendliche beschäftigen sich durch die Juniorwahlen stärker mit Politik und gehen bei ihren ersten echten Wahlen eher zur Wahl.
Für Parteien liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, wie junge Menschen Politik wahrnehmen und ob politische Strategien angepasst werden sollten. Für die Gesellschaft zeigen sie, welche politischen Haltungen die künftige Generation entwickelt. An der Uni Greifswald, wo dieser Bericht am 9. Oktober 2026 eingeordnet wird, ist das auch deshalb interessant, weil viele Studierende ihre ersten eigenen Wahlerfahrungen schon hinter sich haben – oder gerade erst machen.
Eine echte Wahl ersetzt die Juniorwahl trotzdem nicht. Sie bleibt eine Simulation. Jugendliche werden einbezogen, können ihre Entscheidung ausprobieren und den Ablauf kennenlernen, haben dadurch aber keinen direkten Einfluss auf politische Entscheidungen. Die Wahlurne bleibt also zunächst Übungssache; der Ernstfall kommt später.
