Juridicum-Zukunftslabor lässt Erhalt oder Abriss der Frankfurter Hochhausscheibe offen
Am Kulturcampus Bockenheim ist die Zukunft des ehemaligen Juridicums weiter offen. Die Bürgerinitiative Kulturcampus 2.0 kritisiert, dass bereits über Einzelheiten des Gebäudes gesprochen werde, obwohl zunächst ein Gesamtkonzept für den Kulturcampus nötig sei. Anlass ist der Abschlussbericht des Zukunftslabors zum Juridicum.
Eine eindeutige Antwort liefert dieser Bericht nicht: Ob die Hochhausscheibe erhalten und umgebaut oder abgerissen werden soll, bleibt offen. Das Zukunftslabor empfiehlt, beide Varianten in Testentwürfen genauer zu untersuchen. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) unterstützt dieses Vorgehen und erwartet daraus ein tragfähiges Konzept. Gleichzeitig drängt er auf eine schnelle Entscheidung, damit sich langwierige Auseinandersetzungen und dauerhafter Leerstand nicht weiterziehen.
Vier Wege für ein Gebäude aus den 1960er-Jahren
Das Juridicum ist ein Bauwerk der späten 1960er-Jahre. Im Mittelpunkt der Debatte stehen vollständiger oder teilweiser Erhalt, ein Umbau sowie Abriss und Neubau. Unter den Gesichtspunkten aktueller Baukultur und wachsender Ressourcensensibilität soll das Gebäude zukunftsfähig weiterentwickelt werden.
Moderiert wird das „Zukunftslabor Juridicum“ im Auftrag der Stadt Frankfurt vom Frankfurter Forschungsinstitut (FFin). Expertinnen aus verschiedenen Disziplinen untersuchen vier Entwicklungsvarianten, bewerten sie und formulieren anschließend eine Empfehlung für die Stadt Frankfurt und die ABG Frankfurt Holding. Ziel ist ein ergebnisoffener Entscheidungsprozess, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt.
Sechs Expertinnen treffen sich zwischen Januar und Juni 2026 an vier Terminen. Besprochen werden Schnittmengen und Konsens, Hindernisse sowie unterschiedliche fachliche Einschätzungen. Die vier Szenarien lauten:
- Kompletterhalt und Umnutzung zu Wohnraum.
- Kompletterhalt und Umnutzung für Wohnen, Bildung und Gewerbe.
- Teilerhalt und Umnutzung zu Wohnraum.
- Komplettabriss und Neubau von Wohnungen.
Im Gremium geht es um Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und Lebenszyklus sowie den räumlichen und funktionalen Kontext. Nicolas Schneider, Vorstand der Lang & Cie. Real Estate AG, und Gabu Heindl, Professorin an der Universität Kassel und Leiterin von GABU Heindl Architecture, befassen sich mit Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit, Gemeinwohlorientierung, sozialer Wirkung und Vorbildfunktion.
Nicole Zahner von Studio C in Berlin und Horst Peseke von Bollinger + Grohmann Ingenieure prüfen Klima- und Ökobilanz, Ressourcenschonung, Kreislaufprinzip, Lebenszyklus und Zukunftsfähigkeit. Verena Brehm, Professorin an der Universität Kassel und Partnerin von CITYFÖRSTER, sowie Thomas Meurer, Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen und Partner von Meurer Architekten, schauen auf die Integration in den Campus, Nutzungsmischung und Flexibilität, Modellcharakter und Innovationspotenzial.
Streit um HfMDK und Flächen
Der Prüfauftrag des Zukunftslabors war aus Sicht von Kulturcampus 2.0 zu eng. Ein Abriss des Juridicums zugunsten eines einheitlichen Neubaus der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) sei nicht untersucht worden. Damit bleibe es bei der Verteilung des Hochschulneubaus auf drei Standorte – eine Lösung, die die Initiative für wenig funktional hält.
Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) behindere dadurch die Entwicklung der HfMDK zu einer integrierten Hochschule, wirft ihm die Initiative vor. Zeit für eine Kursänderung sei durchaus vorhanden, weil das Land Hessen voraussichtlich vor Mitte der 2030er-Jahre keine Mittel für einen Hochschulneubau bereitstelle.
Der BDA spricht sich für den Erhalt des Juridicums aus. In dem vielseitig nutzbaren Gebäude könnten auch Teile der HfMDK untergebracht werden; die Hochschule hat dies bisher abgelehnt. Nach Einschätzung des BDA wären außerdem moderne und alternative Wohnformen möglich.
Das Haus hat zwölf Geschosse und Raumhöhen von bis zu 3,60 Metern. Ein Neubau käme laut BDA höchstens auf acht Geschosse mit 2,90 Metern Raumhöhe und hätte damit rund ein Drittel weniger Nutzfläche. Eine vor zwei Jahren für die städtische ABG Holding erstellte Machbarkeitsstudie beziffert die mögliche Fläche bei einem Erhalt auf rund 17.000 Quadratmeter, bei Abriss und Neubau auf rund 15.000 Quadratmeter.
Leerstand, graue Energie und Ideen aus dem Viertel
Am Rand des Frankfurter Kulturcampus umfasst das Juridicum rund 19.000 Quadratmeter und ist etwa 50 Meter hoch. Früher beherbergte es die Verwaltung der Goethe-Universität und die Juristische Fakultät. Seit Ende April 2023 steht das Gebäude leer. Viel Beton, viele leere Räume – und ein Streit, der längst über Architektur hinausgeht.
Verschiedene Initiativen schlagen vor, das Juridicum vorübergehend und langfristig vielfältig zu nutzen: für eine Kantine und ein Nachhaltigkeitsbüro, Upcycling-Werkstätten und Gruppenräume für politische Initiativen, Künstlerateliers, Sportangebote und Proberäume für Tanz und Theater. Auch eine ukrainischsprachige Schule, ein Nachbarschaftsgarten und ein Off-Space sind im Gespräch.
So sollen Leerstand, Abriss und ein späterer Neubau vermieden und sogenannte Pioniernutzungen etabliert werden. Der Erhalt könne wegen der im Gebäude gebundenen grauen Energie zum Klimaschutz beitragen und zugleich die weitere Planung des Kulturcampus unterstützen. Bis zu einer dauerhaften Nutzung soll das Juridicum als Projektionsfläche für die Stadt dienen.
Beteiligt sind unter anderem das Offene Haus der Kulturen, das Stadtteilbüro Bockenheim, ada_kantine Adaptiv, Architects for Future FFM, Fridays for Future Frankfurt, die Feministische Bibliothek, Foodsharing Frankfurt, die Koalition der Freien Szene, Projekt Shelter, Stadt für Alle, die Ukrainische Schule und der VCD Frankfurt Rhein Main – dazu zahlreiche weitere Kultur-, Bildungs-, Sozial-, Umwelt- und Nachbarschaftsinitiativen.
Videostatements der Expert*innen sollen über die Social-Media-Kanäle des Stadtplanungsamts Frankfurt am Main veröffentlicht werden. Bis dahin bleibt im Viertel vor allem die Frage, was aus der markanten Hochhausscheibe werden soll: Wohnraum, Bildung, Gewerbe, Musik – oder doch der Bagger.
