Am 6. Oktober 2026 beginnt in Kiel ein neues „Tatort“-Kapitel – allerdings mit einem kleinen Haken im Kalender: Die beiden Auftaktfolgen „Unter Freunden“ und „Unter Feinden“ wurden bereits am 11. und 18. Oktober ausgestrahlt. Beide liefen um 20:15 Uhr im Ersten und waren jeweils ab dem Freitag davor in der ARD-Mediathek verfügbar. Im Mittelpunkt steht nun Mila Sahin, gespielt von Almila Bagriacik.

Nach 22 Jahren und 44 Fällen verabschiedete sich Kommissar Klaus Borowski im März 2025 aus dem Kieler „Tatort“. In „Borowski und das Haupt der Medusa“ saß er in Untersuchungshaft, knapp neun Millionen Menschen sahen zu. Axel Milberg hinterließ damit große Fußstapfen – doch Sahin soll nicht darin herumstolpern. „Die neue Reihe soll nichts rekonstruieren, was Axel Milberg für den ‚Tatort‘ geleistet hat“, sagt Bagriacik. Deshalb heißen die Folgen auch nicht, wie früher, „Sahin und …“.

Ein Start-up, ein Todesfall und viel Misstrauen

Mila Sahin ist seit 2018 Teil des Kieler Ermittlerteams und bewirbt sich um die Nachfolge von Kriminalrat Robert Schladitz. Vorwiegend männlichen Kollegen und Vorgesetzten erklärt sie, sie wolle das Vertrauen in die Polizei wiederherstellen. Souverän, zielstrebig und leidenschaftlich tritt sie dabei auf – doch zunächst muss sie die ranghöhere Dienstleiterstelle bekommen.

Die entscheidende Prüfung wartet bei Elli Krieger, einer kühl auftretenden, rational und zurückhaltend agierenden Polizeipsychologin. Karoline Schuch spielt diese neue Kollegin, die im Kieler Ermittlerteam eine zentrale Rolle übernimmt und psychologische Analysen in die Fälle einbringt. Sahin fühlt sich von Krieger kritisch beobachtet; aus dem Bewerbungsgespräch wird ein präzise gespieltes, beinahe trockenes Wortduell. Kein großes Donnerwetter, eher das leise Knirschen von zwei Menschen, die einander noch nicht einschätzen können.

In „Unter Freunden“ beobachtet das Publikum zunächst eine junge Frau beim Diebstahl von Unternehmensdaten in einem schleswig-holsteinischen Vorzeigeunternehmen. Der Schauplatz ist ein erfolgreiches Kieler Start-up für Teleskoptechnik. Kurz darauf wird die Frau tot in der Kieler Förde gefunden. Auch ihr unter Verdacht stehender Lebenspartner liegt tot da – sein Selbstmord wurde allerdings nur vorgetäuscht.

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Der Täter ist dem Publikum bekannt. Spannend wird es deshalb nicht durch die übliche Frage, wer es gewesen sein könnte, sondern durch die Verflechtungen dahinter: eine von der Mafia beeinflusste Kriminalitätsstruktur, Gewaltverbrechen und Korruption in einer Großstadt, die in diesen Filmen deutlich weniger nach Fördewind und mehr nach Druck und Gefahr aussieht.

Anna Nowak, gespielt von Lilith Stangenberg – in der NDR-Ankündigung als Lillith Stangenberg genannt –, mischt ebenfalls kräftig mit. Sie ist Sahins Freundin aus Berliner Polizeischultagen und lässt sich nach Kiel versetzen, um der Berliner Polizeiwelt zu entkommen. Auf das Wiedersehen mit Sahin freut sie sich. Bei ihren Ermittlungen handelt sie jedoch eigenmächtig und gerät dadurch in Gefahr. Sahins berufliche Pläne nehmen wegen Nowaks Situation eine unerwartete Wendung; später ist sie auf Kriegers Unterstützung angewiesen.

Psychologie statt bloßer Spurensuche

Die weiteren Folgen sollen das persönliche Verhältnis zwischen Sahin und Krieger vertiefen. Bagriacik beschreibt beide als gleichrangige Kolleginnen. Kriegers Tätigkeit eröffnet zusätzliche Perspektiven, gerade weil sie nicht nur Indizien sortiert, sondern Verhalten, Motive und Brüche liest.

Schuch hat Psychologie an der Freien Universität Berlin studiert und greift nach eigener Aussage bei ihrer Rolle auf dieses Wissen zurück. Fachliche Begleitung kam von der Hamburger Kriminalpsychologin und Sachbuchautorin Claudia Brockmann, die bereits als Fallanalytikerin tätig war. Sie unterstützte die Produktion, damit die psychologischen Aspekte möglichst authentisch wirken.

Gefilmt wurde häufig mit Handkamera. Sie bleibt nah an den Figuren, während der Hintergrund unscharf verschwimmt – Gesichter, Atempausen und kleine Reaktionen rücken dadurch nach vorn. Regie führte Lars Kraume, Drehbuch und Idee stammen von Katharina Adler und Rudi Gaul.

Die dritte und vierte Folge sind bereits abgedreht und sollen voraussichtlich 2027 ausgestrahlt werden. Zwei weitere Folgen sind kurzfristig geplant. Konkrete Drehorte in Kiel nennt der NDR-Bericht nicht; eine interaktive Karte gibt es dort also nicht mit ausformulierten Schauplätzen zum Abhaken.

Eine Biografie, die nicht zur Schablone wird

Sahins Migrationshintergrund bestimmt ihren beruflichen Werdegang nicht. Sie lebt zweisprachig, hält Kontakt zur türkischen Gemeinschaft in Kiel und unterstützt bedürftige Menschen in der Türkei. Gleichzeitig erzählt sie Krieger von ihrer Familie: Wegen des alten Autos und ihres vermeintlich fremden Aussehens sei sie früher häufig von der Polizei kontrolliert worden.

Das Gefühl, grundsätzlich unter Verdacht zu stehen, ist geblieben. Als Krieger fragt, ob diese Erfahrungen Sahin zur Kriminalpolizei geführt hätten, antwortet sie: „Vielleicht – ja.“ Mehr braucht dieser Satz nicht. Er hängt kurz zwischen den beiden, während draußen vermutlich irgendein Streifenwagen vorbeifährt und der Fall weiterläuft.