Uni Halle, 27.09.2026. Die Gesellschaft wird älter, zugleich fehlen Pflegekräfte. Beides zusammen zwingt dazu, Pflege und Versorgung neu zu denken – nicht irgendwann, sondern jetzt. Pflegeforscher Patrick Jahn von der Universitätsmedizin Halle untersucht, wie Menschen trotz dieser Veränderungen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben können.

Medizinische Fortschritte, Prävention und technische Unterstützung sollen Krankheiten verhindern oder besser behandelbar machen. Künftige Angebote reichen von digitalen Versorgungsnetzwerken über Sensoren, die Gesundheitswerte kontinuierlich erfassen, bis hin zu Robotik und technischen Assistenzsystemen. Das klingt nach Zukunftsmusik, steht aber längst nicht mehr nur im Labor herum.

Technik soll den Alltag leichter machen

Digitale Anwendungen können Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Selbstmanagement unterstützen. Wer seine Werte zu Hause im Blick behält, muss womöglich seltener in die Arztpraxis oder ins Krankenhaus. Dafür müssen Pflegekräfte und Beschäftigte im Gesundheitswesen allerdings mehr Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und Daten erwerben. Daten sollen nicht bloß dokumentiert werden, sondern helfen, gesundheitliche Probleme früh zu erkennen und die Versorgung zu verbessern.

Exoskelette könnten Menschen mit eingeschränkter Mobilität beim Gehen helfen und Beschäftigte bei körperlich belastenden Tätigkeiten entlasten. Roboter wiederum könnten künftig im Haushalt und bei alltäglichen Verrichtungen einspringen. Nach Einschätzung Jahns werden sie voraussichtlich in fünf bis zehn Jahren häufiger im häuslichen Umfeld eingesetzt; viele Systeme befinden sich derzeit noch in der Forschung. Die Entwicklung humanoider Roboter könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Staubsaugerroboter sind hingegen längst im Alltag angekommen – zumindest dort, wo sie nicht regelmäßig unter dem Sofa verschwinden.

Ältere Menschen seien zunehmend offen gegenüber digitalen Technologien und Robotik, sagt Jahn. Viele sähen darin eine Möglichkeit, ihre Unabhängigkeit und ihren Lebensstil länger zu bewahren. Die Entscheidung über technische Unterstützung müsse aber beim Menschen bleiben. Künftige Versorgungsmodelle dürften deshalb menschliche Betreuung und technische Hilfen verbinden, statt das eine gegen das andere auszuspielen.

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Angehörige kann Technik nicht ersetzen. Sie kann ihnen aber den Alltag erleichtern: Sensoren liefern Informationen über den Zustand älterer Menschen, digitale Erinnerungen weisen auf die Einnahme von Medikamenten hin, und Apps melden entfernt lebenden Angehörigen Veränderungen. Telepräsenz-Roboter könnten es ermöglichen, aus der Ferne am Alltag teilzunehmen und kleinere Aufgaben zu übernehmen. Persönliche Besuche und menschliche Nähe bleiben laut Jahn die beste Lösung; bei großer räumlicher Entfernung können technische Angebote jedoch eine Verbindung aufrechterhalten.

Gesund alt werden – und nicht nur alt werden

Für ein gesundes Altern soll stärker auf Prävention und vorhandene Ressourcen geschaut werden, nicht ausschließlich auf Defizite. Gutes Hören, Zahngesundheit, Bewegung und körperliche Aktivität spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Ziel ist nicht ein möglichst hohes Lebensalter, sondern mehr Jahre mit Gesundheit, Aktivität, sozialer Teilhabe und Lebensqualität.

Die Zahlen zur Lebenserwartung zeigen, warum diese Frage an Gewicht gewinnt. Seit 2000 stieg die Lebenserwartung bei der Geburt bei Männern um knapp drei Jahre auf 78,5 Jahre, bei Frauen um etwa zwei Jahre auf 83,2 Jahre. 65-jährige Männer konnten 2000 durchschnittlich noch knapp 16 weitere Jahre erwarten, 2024 waren es 17,7 Jahre. Bei 65-jährigen Frauen wuchs die verbleibende Lebenserwartung von 19,6 Jahren auf fast 21 Jahre.

Auch die gesunde Lebenszeit legte zu. Bei Männern stieg zwischen 2002–2004 und 2016–2018 die verbleibende Lebenserwartung mit 65 Jahren von 16,3 auf 17,9 Jahre. Die erwartete Zeit ohne schwere geistige Einschränkungen nahm von 13,8 auf 16,2 Jahre zu, jene ohne schwere körperliche Einschränkungen von 9,3 auf 11,5 Jahre. Bei Frauen erhöhte sich die verbleibende Lebenserwartung von 19,8 auf 21,1 Jahre; die Zeit ohne schwere geistige Einschränkungen stieg von 15,2 auf 17,9 Jahre, die ohne schwere körperliche Einschränkungen von 9,3 auf 11,4 Jahre.

In der Forschung heißt es „Kompression der Morbidität“, wenn die Lebenserwartung stärker steigt als die Krankheitsdauer und sich schwere Krankheits- und Einschränkungsphasen stärker auf die Zeit vor dem Lebensende konzentrieren. Studien der Berliner Altersstudie zeigen in den vergangenen 30 Jahren Verbesserungen bei Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Ernährung, Bewegung, Rauchverhalten, Cholesterin- und Blutzuckerwerten, beim Wohlbefinden, bei kognitiven Fähigkeiten und bei Einsamkeit. Deutschland verzeichnete international einen besonders starken Anstieg der gesunden Lebenserwartung; in einigen Ländern stagnierte sie, im Vereinigten Königreich sank sie.

Gesundheit ist allerdings keine gleichmäßig verteilte Eintrittskarte ins hohe Alter. Bildung, Einkommen und soziale Bedingungen beeinflussen Lebenserwartung und Gesundheitszustand erheblich. Zwischen 1997 und 2016 stieg die Lebenserwartung 65-jähriger Männer mit hohen Renten in Ostdeutschland um 4,7 Jahre, in Westdeutschland um 3,6 Jahre. Bei Männern mit niedrigen Renten betrug der Anstieg drei Jahre in Ostdeutschland und 1,8 Jahre in Westdeutschland. Die Lebenserwartung nahm zwar in allen Einkommensgruppen zu, die sozialen Unterschiede wurden aber größer; auch die gesunde Lebenserwartung wuchs stärker bei Menschen mit höherem Einkommen.

Bei Zugewanderten beschreibt der „Healthy-Migrant-Effect“ zunächst eine bessere Gesundheit und niedrigere Sterblichkeit trotz oft niedrigerem sozioökonomischem Status. Dieser Vorteil verschwindet bei Frauen laut Studien vor dem 40. Lebensjahr, bei Männern etwas später; ab etwa 60 Jahren kehrt er sich um. Besonders stark ist der Gesundheitsabbau bei Zugewanderten aus der Türkei ausgeprägt. Als Gründe gelten vor allem schlechtere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Zugewanderte leiden häufiger an Infektions- und bakteriellen Erkrankungen, aber seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Im Durchschnitt leben sie länger als in Deutschland geborene Menschen – Männer 2,9 Jahre, Frauen 2,1 Jahre –, verbringen jedoch einen größeren Lebensanteil in schlechter Gesundheit.

Pflege zwischen Familie, Fachkräften und Plattformen

Die Zahl der Pflegebedürftigen stieg von knapp zwei Millionen im Jahr 2000 auf 5,7 Millionen 2023. Gleichzeitig wuchs der Anteil der Menschen ab 65 Jahren von 16,6 Prozent beziehungsweise 13,7 Millionen Personen auf 21,6 Prozent beziehungsweise knapp 18 Millionen Personen. Trotz besserer durchschnittlicher Gesundheit im Alter steigt die absolute Zahl der Pflegebedürftigen also weiter, weil es mehr ältere Menschen gibt.

Rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen leben bereits im eigenen Haushalt, viele werden von Angehörigen versorgt. Eine starke Verlagerung in Pflegeheime wäre finanziell und personell nicht leistbar. Die Statistik erfasst allerdings nur Menschen, für die Leistungen der Pflegeversicherung gezahlt werden. Rund 14 Prozent werden stationär in Pflegeheimen versorgt, etwa 19 Prozent ambulant durch Pflegedienste, häufig kombiniert mit Angehörigenpflege. Etwa 55 Prozent erhalten ausschließlich informelle Unterstützung durch Angehörige oder Freunde und dafür Pflegegeld. Menschen, die informell gepflegt werden, ohne Leistungen der Pflegeversicherung zu beziehen, sind nicht enthalten. Laut DIW betreuen 23 Prozent der informell Pflegenden eine Person ohne Pflegegrad.

Die informelle Pflege wird meist von Partnern, Partnerinnen oder Kindern übernommen. Doch die familiären Netze verändern sich: Der Anteil der Einpersonenhaushalte stieg von 35,3 Prozent aller Haushalte im Jahr 2000 auf 41,6 Prozent 2024. Mehr Menschen bleiben kinderlos, und der Anteil erwachsener Kinder, die im selben Ort wie ihre Eltern leben, sank von 38 Prozent 1996 auf knapp 26 Prozent 2014. Künftig dürften dadurch mehr ältere Menschen auf professionelle Pflege angewiesen sein.

Pflegekräfte müssen deshalb weiterhin gewonnen werden, auch aus dem Ausland. Der Anteil älterer Menschen steigt, während die erwerbstätige Bevölkerung langfristig schrumpfen dürfte. Seit 2006 stieg die Zahl der Erwerbstätigen trotz demografischer Veränderungen – ausgenommen die von der Corona-Pandemie geprägten Jahre 2020 bis 2022. Mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre wird das Arbeitsangebot voraussichtlich sinken. Das Statistische Bundesamt erwartet, dass die Zahl der Pflegekräfte allein aufgrund der Demografie bis 2034 um